Zeitung Heute : Stewart Island: Träume vom scheuen Kiwi

Stefan Spath

Aus dem Unterholz klingt ein pfeifendes Geräusch. Kiwiit, kiwiiit, gefolgt von einem Rascheln. Vorsichtig bewegen sich ein paar dunkle Gestalten auf die Lichtung hinaus und starren angestrengt in die Dunkelheit. Plötzlich ein scharfes Knacken, und es wird mucksmäuschenstill. "Für heute lassen wir es gut sein", bricht Tom, ein Mitarbeiter der neuseeländischen Umweltbehörde DOC, das Schweigen. An einem simplen Ast ist ein weiterer Versuch gescheitert, endlich einen der scheuen Kiwis zu Gesicht zu bekommen. Sieben Tage lang schon zieren sich die flugunfähigen Nationalvögel Neuseelands, ihr nokturnales Gehabe zumindest für ein paar Sekunden mit den Besuchern aus Europa zu teilen. Dabei soll dies weltweit der beste Platz zur Kiwi-Beobachtung sein: Mason Bay, Stewart Island, Neuseeland, 167 Grad, 40 Minuten östliche Länge, 47 Grad südliche Breite.

Begonnen hat das Unternehmen "Kiwi-Spotting" eigentlich als Wanderung an einem sonnigen Märztag in Halfmoon Bay, dem früheren Oban, der einzigen Ortschaft auf Stewart Island. Mit 1650 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie Hamburg, zählt die von Granitformationen, üppigen Wäldern und unterschiedlichsten Küstenlandschaften geprägte Insel an den Toren zur Subantarktis zu den raueren Gegenden Neuseelands. Obwohl die Temperaturen angenehm sind, muss an 250 Tagen im Jahr mit Regen gerechnet werden. Die 400 Bewohner haben sich rund um die malerische Halfmoon Bay eingerichtet. Die restlichen 99 Prozent sind Wildnis, in die sich nur Wanderer und Jäger verirren. Wenige schlagen allerdings die Richtung des Northwest Circuit ein, der mit mehr als 100 Kilometern zu den anstrengendsten und schönsten Trekks Neuseelands zählt.

Im örtlichen Büro des Department of Conservation (DOC) wird die Liste noch einmal durchgegangen. Schlafsack, Zelt, feste Schuhe, Gaskocher, Regenjacke und vor allem jede Menge Essen müssen eingepackt werden. DOC-Mitarbeiterin Ann Pullen gibt Tipps zur Route und erwähnt nebenbei, dass Stewart Island einer der besten Orte zum Kiwi-Spotting in Neuseeland ist. Da fängt man sofort Feuer, lassen sich doch die scheuen Gesellen sonst höchstens im Zoo anschauen.

Um auch weniger geübten Wanderern ein Hineinschnuppern in die dichten Wälder und versteckten Buchten zu ermöglichen, wurde Anfang der 90er Jahre eine Drei-Tages-Route angelegt und mit Brücken und Holzstegen ausgestattet. Die hören jedoch bald auf. Nach der ersten Übernachtung in einer der vom DOC unterhaltenen Wanderhütten beginnt ein Ritt über Stock und Stein und durch die berüchtigten Schlammlöcher des Northwest Circuit. Drei Tage lang gibt man den Sisyphos: Kaum ist der anfangs 18 Kilo schwere Rucksack eine Anhöhe hinaufgeschleppt, geht es schon in das nächste Bachbett hinunter und den nächsten Hügel empor.

Die außergewöhnliche landschaftliche Schönheit der Insel im äußersten Süden Neuseelands und ihre reiche Tier- und Pflanzenwelt wiegen die anfänglichen Strapazen jedoch bei weitem auf. An einem auf der Karte namenlosen Felsstrand präsentiert sich eine Kolonie Seehunde. Bis auf zwei Meter lassen sie die Wanderer herankommen, bevor ein Respektsröhren ihre Intimsphäre rasch wieder herstellt. Nahe der Long Harry Hütte wiederum liegen Nistplätze des Little Blue Penguin. Bei Einbruch der Dämmerung heißt es Sitzfleisch beweisen. Nach einer Stunde Wartezeit erscheinen plötzlich einige schwarz-weiße Flecken in der Brandung. Ein Paar der überaus kleinen Pinguine schüttelt das Federkleid aus und watschelt dann, die Beobachter völlig ignorierend, über den Strand eine Böschung hinauf.

Nach solchen Begegnungen entwickeln sogar die über dem Gaskocher zubereiteten Drei-Minuten-Nudeln, neben Reis und Müsli Standardnahrung für mehr als eine Woche, ganz neue Geschmacksqualitäten. Im Wandererbuch der Long Harry Hütte, die schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, finden sich permanent Einträge wie "Eben zwei Kiwi-Vögel fünf Meter von der Hütte gesehen". Langsam beneidet man diese Glückspilze. Oder sind es nur Witzbolde, die andere Kiwi-Spotter nur mit Erfolgsgeschichten ärgern wollen?

Nach dem Auf und Ab der ersten Tage wird die Topografie des Northwest Circuit etwas sanfter. Der gut gekennzeichnete Weg, im freien Gelände zum Teil von Gräsern überwuchert, schlängelt sich durch immergrüne Wälder mit meterhohen Farnen sowie Rata-, Totara- und Rimu-Bäumen, die mit Schlinggewächsen und Aufsitzerpflanzen bewachsen sind. Von Graten bieten sich Aussichten auf einsame Buchten, die verheißende Namen tragen wie Smoky Beach oder Big Hellfire Beach. Doch der landschaftliche Höhepunkt der Route ist zweifellos die Mason Bay, die sich nach sechs Tagen am Horizont abzeichnet.

In langen Reihen tanzen hier die grünen Wellen an den Strand, kippen über und lagern Seetang ab. Möwen und Kormorane staksen auf der Suche nach Futter herum. Eine unglaubliche Einsamkeit stellt sich auf dem Marsch zur Mason Bay Hütte ein. Nichts als ein 14 Kilometer langer Sandstreifen und tosende Wellen, begrenzt von dunklen Felsen, die allmählich in hohe Sanddünen übergehen. Daran haben sich zähe Gräser festgekrallt. Sie trotzen den beständigen Winden, die für die stürmischen 40er Breitengrade der südlichen Hemisphäre, die "Roaring Forties", so charakteristisch sind.

Die nur zu Fuß, per Schiff oder Kleinflugzeug erreichbare Mason Bay symbolisiert wie kein anderer Ort die gescheiterten Versuche der Menschen, auf Stewart Island landwirtschaftliche Betriebe zu etablieren. Auf einer kleinen Anhöhe liegt die Kilbride Farm. Die Vorhänge sind zugezogen, als wären die Bewohner nur kurz weg gegangen. Doch seit Jahren lebt in dem von der Sonne ausgebleichten Holzgebäude, das von riesigen Walknochen eingezäunt ist, niemand mehr. Die Schafzüchter hatten auf Dauer keine Chance, ihre Wolle aus dem einsamsten Eck der Insel im abgelegensten Eck Neuseelands zu einem günstigen Preis auf die Märkte zu bekommen. Viele Bewohner solcher Außenposten kamen auch mit der Isolation nicht zurecht und zogen weg.

Zunächst waren es Robben und Wale gewesen, die im 19. Jahrhundert Weiße nach Stewart Island führten. Die Maoris nannten sie wegen der spektakulären Sonnenuntergänge "Rakiura", die Insel der glühenden Himmel, siedelten aber nicht permanent. Die Neuankömmlinge legten Walfangstationen an, in denen die Meeressäuger, zu Tran verarbeitet, in die Welt verschifft wurden. Fast zur selben Zeit mussten Legionen von Robben dran glauben. Und als die alle erlegt waren, besannen sich die Pioniere auf den Holzreichtum im unberührten Inselinneren. Tief in die Wildnis hinein wurden Tramway-Linien geschlagen, um die kostbaren Harthölzer zu den Sägewerken transportieren zu können.

Wer nach zehn Tagen und um einige Kilo leichter wieder die Zivilisation erreicht, den führt der erste Weg in der Regel zum Pub des South Sea Hotel. Mit einem "Roaring Forties Ale" vor sich sieht man die Strapazen bald in verklärendem Licht. Die Schlammlöcher, in die man stolperte, reichen, aus dem Abstand weniger Tage betrachtet, schon bis an die Hüfte. Die Regengüsse, von denen es ganz untypisch für Stewart Island nur wenige gab, hätten ruhig etwas heftiger ausfallen können.

Die Veranda des einzigen Hotels am Platz ist der ideale Platz, um das gemächliche Treiben zu verfolgen. Am Strand macht sich eine Gruppe Kajak-Sportler bereit für eine Ausfahrt. Die tief in das Inselinnere einschneidenden Buchten eignen sich durch ihre geschützte Lage und ihr kristallklares Wasser perfekt für die Meereswanderer. Als sie lospaddeln, bleibt vor dem Hotel ein Bus stehen. Einige Leute steigen aus und lichten das wohl beeindruckendste Gebäude der Insel für das Familienalbum ab. Wie es der Veranstalter schafft, die wenigen Kilometer geteerter Straßen zur Attraktion einer Tour aufzublasen, wo doch in Halfmoon Bay, alles bequem zu Fuß erreicht werden kann, bleibt ein unlösbares Rätsel.

Obwohl Hektik und Touristenmassen auf Stewart Island nach wie vor Fremdwörter sind, ist in den vergangenen Jahren die touristische Infrastruktur etwas dichter geworden. Verborgen hinter mannshohen Büschen und blühenden Hecken sind an der Halfmoon Bay zahlreiche Cottages gebaut worden, die auch im milden Winter zur Erholung genutzt werden. Statt nur eines Hotels und drei Herbergen für Rucksack-Reisende gibt es heute mindestens 15 Unterkünfte, ein Café mit feinem Capuccino und einen Laden, in dem Handwerkskunst und allerlei Esoterisches feil geboten werden.

Am Vortag der Abreise wird der Blick der Möchtegern-Kiwibeobachter wie magisch von einem Prospekt angezogen. "Kiwi-Spotting, Sichtung garantiert", lockt ein Veranstalter mit einem nächtlichen Ausflug zu einer Halbinsel, die geradezu strotzen muss von den merkwürdigen Tieren. Abgesehen von umgerechnet 60 Mark, die zu investieren wären, hat das Ganze einen grundlegenden Haken. Einem Kiwi auf halborganisierte Weise über den Weg zu laufen, scheint einfach geschummelt und wäre ein Grund weniger, nach Stewart Island zurückzukommen. Oder entspringt die Ablehnung etwa doch nur blankem Neid, weil sich heutzutage jeder mit einer Kiwi-Sichtung belohnen kann, ohne zehn Tage einen schweren Rucksack durch die Wildnis geschleppt zu haben?

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