Stewart O'Nan : Heimspiel

Stewart O’Nan beschreibt das US-amerikanische Leben so präzise wie kein anderer – und Häuser spielen dabei oft eine Hauptrolle. Eine Begegnung.

Susanne Kippenberger

Die Buntstifte hat er geklaut. Irgendwo hat er sie gesehen und mitgenommen und auf Kims Schreibtisch gestellt. „Gestohlen“, so nennt Stewart O’Nan es selber, auch wenn er sie gar nicht wirklich eingepackt hat. Nur Notizen hat der Schriftsteller sich gemacht, so, wie er es immer tut, wenn er zu jemandem in die Wohnung kommt – und dann hat er das Detail in seinen neuen Roman verpflanzt.

„Alle, alle lieben Dich“ (Rowohlt Verlag, 19,90 Euro) erzählt vom plötzlichen, spurlosen Verschwinden der 18-jährigen Kim, nachdem sie eben noch mit ihren Freunden schwimmen war, und was das mit ihrer Familie, ihren Freunden, der ganzen Kleinstadt macht. Alles, was von Kim bleibt, ist dieses Mädchenzimmer, in das ihre kleine Schwester Lindsay immer wieder geht und guckt. „Sie kannte das Zimmer genau, sie schnüffelte darin herum, seit sie laufen konnte. Sie hatte sich jede einzelne Eislauftrophäe umgehängt, wie sie es bei den Olympischen Spielen gesehen hatte, und alle neuen Haarspangen oder Stirnbänder ausprobiert. Hier konnte sie Kim spüren und riechen. Jedes Möbelstück, jeder Gegenstand, die Farbe, der Teppichboden, sogar die Staubkörner, die im Sonnenlicht schwebten, verbanden sie miteinander.“ Auch der Drahtbecher voller Buntstifte, „den Lindsay immer haben wollte“.

„Hyperrealistisch“, so nennt O’Nan seinen Stil. Es gibt kaum einen Schriftsteller, der die amerikanische Lebenswelt so präzise beschreibt, so echt, dass man beim Lesen Gänsehaut kriegt. Jene Welt, in der die Mehrheit der Amerikaner lebt, in Kleinstädten, am Straßenrand, in Häusern, wie sie auf dem Cover von „alle, alle lieben dich“ zu sehen sind: Triste Gebäude, die in der Gegend herumstehen – so verloren, wie die Menschen selber sind. „Ganz alltägliche Leute“, so der Titel eines Romans von O’Nan, stehen im Mittelpunkt der Bücher, die merkwürdige Zwitter sind, dramatisch, voller Gewalt und doch völlig unspektakulär.

Notizen zu machen, sagt O’Nan, hilft ihm, aufmerksam zu bleiben, den Blick zu schärfen für das Alltägliche. Er psychologisiert nicht, präsentiert dem Leser nur, stechend scharf, die Außenwelt, wie die Spitze des Eisbergs. „Was unter der Oberfläche ist, darauf kommt es an.“ Die Präzision kommt nicht von ungefähr. Als Flugzeugingenieur, der der 48-Jährige war, bevor er Schriftsteller wurde, „hat man Respekt vor der Welt, wie sie wirklich ist“.

„Ich könnte Ihren gestreiften Schal klauen und ihn einer Figur umhängen“, sagt der höfliche Schriftsteller mit einem plötzlichen Anflug fast diebischer Freude. Wir sitzen im Wintergarten des Literarischen Colloquiums in Berlin, dort hat er am Vorabend vor vollem Haus gelesen. Vor uns eine Szene wie aus einem seiner Bücher, so schön wie melancholisch und bedrohlich: Leise rieselt der Schnee, auf dem Wannsee fahren Schlittschuhläufer, obwohl es gar nicht so kalt ist. Jeden Moment könnten sie einbrechen. So wie Kim plötzlich weg ist, wie Menschen in O’Nans Romanen umgebracht werden, im eigenen Bett.

Freundlich beantwortet der Schriftsteller die Fragen, eine medienprofessionelle Plaudertasche ist er nicht. „Ja, ja!“ sagt er mit leuchtenden Augen, lächelt: „Genau!“ Man merkt, dass er eigentlich viel lieber woanders wäre. Im Museum, in das er später gehen wird, auf dem Baseballfeld oder einfach zu Hause, bei Trudy, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist.

Mit Wärme spricht er von seinen Figuren, von Kims Vater etwa, einem Makler, eher scheu als marktschreierisch, der die Immobilienkrise deutlich zu spüren bekommt, der kaum noch was verkauft und trotzdem seine Stadt nicht verlässt. „Ed ist ein guter Kerl.“ Es klingt, als müsse der Autor ihn in Schutz nehmen. Manchem Leser gefalle das nicht: dass seine Helden keine Heroen sind. Ed zieht sich zurück, zum Angeln oder ins Arbeitszimmer, während seine Frau Fran das Haus in eine Kommandozentrale verwandelt für die multimediale Suche nach der verschwundenen Tochter und Lindsay sich in ihrem Zimmer versteckt. Das Haus ist, wie so oft bei O’Nan, der unspektakuläre Hauptschauplatz des Romans, halb Käfig und halb sicherer Hafen. Die porch, die Veranda, wird zur Bühne, auf der Fran ihre Fernsehinterviews gibt.

Ein guter Kerl: Wahrscheinlich sagen das auch O’Nans Nachbarn über ihn. Ein treuer Kerl. Seit 40 Jahren macht er im selben Sommercamp Urlaub, dort hat er seine Frau Trudy kennengelernt, seine Tochter und sein Sohn arbeiten dort in den Ferien. Es liegt in eben jenem Kingsville, Ohio, in dem auch der neue Roman spielt. Seit 15 Jahren wohnt O’Nan im selben, traditionell-neuenglischen Haus in Connecticut, „Cape Cod nennt man das“, das („natürlich“) noch nicht abbezahlt ist. „Wir haben es wegen der Kinder gekauft“, sagt der Schriftsteller, als müsse er sich entschuldigen dafür. Es ist, so hat er neulich in der „Süddeutschen“ in einem „Nachruf auf die amerikanische Industrie“ geschrieben, „das einzige mehr oder weniger anspruchsvolle Produkt aus amerikanischer Fertigung, das ich in den vergangenen Jahrzehnten gekauft habe“. Die Kaffeemaschine kommt aus China, die Stereoanlage aus Malaysia, das Fernsehgerät aus Mexiko. Auch darin ist das Haus typisch amerikanisch.

Was O’Nan allerdings unterscheidet: In seinem Briefkasten liegen nicht nur Rechnungen, sondern richtige Briefe. Weil er gern welche bekommt, schreibt er auch viele. Wenn er Frauen interviewt, die wie die Hauptfigur in „Die gute Ehefrau“ Jahrzehnte lang darauf warten, dass ihre Männer aus dem Gefängnis nach Hause kommen, dann hält er mit ihnen noch Jahre später Kontakt. „Die Menschen lassen einen doch in ihr Leben.“

Der Baseballfan ist auch ein treuer Fan der Boston Red Sox, egal, wie oft sie verloren haben; mit seinem Freund Stephen King (der wiederum in O’Nans „Speed Queen“ eine wichtige Rolle spielt) hat er ein Buch über das Team geschrieben. Der Titel: „Faithful“. 100 Bälle stehen in kleinen durchsichtigen Boxen bei O’Nan zu Hause im Regal, alle von seinen Lieblingsspielern signiert. Einen hat Stephen King unterschrieben. Auf die Idee, diesem ebenfalls einen Ball zu signieren, würde Stewart O’Nan nie kommen.

Jetzt, wo die beiden Kinder aufs College gehen, würde der Autor sein Haus gern verkaufen. Nicht etwa, um in die Großstadt zu ziehen oder gar ins Ausland. Sondern um heimzukehren nach Pittsburgh, die Stadt, in der er aufgewachsen ist. „Die Leute dort sind wunderbar, sehr warmherzig, sehr offen.“ Außerdem, sagt er, ist das Leben dort viel billiger, die Häuser auch. Nur: Die Immobilienkrise hat selbst Connecticut erreicht. Die Preise sind abgestürzt, niemand will mehr kaufen. Und so bleiben sie eben, wo sie sind.

O’Nan wohnt in einem Vorort von Hartford, einer merkwürdigen Stadt: „Innerhalb der Stadtgrenzen ist es die ärmste Stadt Amerikas, aber wenn man den äußeren Ring dazunimmt, ist es die reichste. Das sagt Ihnen alles, was Sie über Hartford wissen müssen.“ Der berühmteste Schriftsteller hier ist ein Toter, Mark Twain, dessen Wohnhaus – „sehr groß, sehr dunkel, sehr überladen“ – heute Museum ist. O’Nan mag es, weil es für ihn die Vorstellung verkörpert, „dass Kultur da ist, wo der Schriftsteller ist“, selbst meilenweit von der nächsten Metropole entfernt. Zugleich ist es für ihn „eine Warnung an Schriftsteller“. Nachdem Twain sich dieses „Monument seines Erfolgs“ erbaut hatte, investierte er sein ganzes Vermögen in eine, wie er glaubte, revolutionäre Druckmaschine – und verlor alles, auch das Haus. „Eine amerikanische Geschichte: dass man versucht, was ganz ganz Großes zu machen und sich übernimmt.“

„Waren Sie schon mal in Faulkners Haus in Mississippi“, fragt er plötzlich. Er mag es, so schlicht wie es ist, „sehr sehr durchschnittlich, ja, schäbig, mit dem Badezimmer aus den fünfziger Jahren. Aber man denkt an den Schriftsteller, wie er da war, durch die Räume ging. Man hofft, dass da was abfärbt.“ Ein paar mal war O’Nan, der für seinen Roman „Engel im Schnee“ den William-Faulkner-Preis bekam, schon da, und jedesmal hat er sich in den Garten gesetzt und an seinem jeweiligen Manuskript gearbeitet. Dass sein eigenes Wohnhaus mal Dichtergedenkstätte wird, kann O’Nan sich nicht vorstellen, allein über die Vorstellung lacht er sich kaputt. „Nein, nein! Das wäre das langweiligste Museum.“

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