Zeitung Heute : Stilfragen beantworten

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dr. Mottes Küche schmückt ein Hirschgeweih. Max Raabes Wohnzimmer ist voll gestellt mit antiken Möbeln und in Leder gebundenen antiquarischen Büchern, und nichts verrät, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Und der Architekt Werner Aisslinger wärmt sich im Bett mit einer Decke aus echtem Fuchspelz. Diese und andere Details aus den Wohnungen mehr oder weniger bekannter Berliner verrät das hübsche Fotobüchlein „Berlin Style“, das gerade im Taschen-Verlag erschienen ist.

Das meiste, was die Einrichtung der gezeigten Wohnungen über ihre Besitzer erzählt, ist zwar banal; meine voyeuristische Ader treffen die Bilder dennoch. Ist doch interessant, wie andere Leute leben. Das gehört schon seit Jahren zu meinen heimlichen Hobbys: Kurz nach Einbruch der Dunkelheit, wenn in den Erdgeschosswohnungen die Lichter angehen, durch die Straßen der Nachbarschaft zu schlendern und zu gucken, wie andere Leute wohnen. Das meiste, was man da sieht, ist allerdings eher deprimierend. In einer verrauchten Einzimmerwohnung bei mir um die Ecke sitzt Abend für Abend ein einsamer Rollstuhlfahrer vor dem Gemälde eines röhrenden Hirsches und starrt bewegungslos auf den Fernseher. Da sind die Wohnungen der Erfolgreichen und Kreativen in „Berlin Style“ doch erfreulicher. Und wenn ich schon nicht persönlich bei Udo Walz zum Dinner eingeladen werde, ist es immerhin nett zu sehen, wie er seinen Esstisch mit Efeuzweigen geschmückt und im Kamin ein hübsches Feuerchen entfacht hat, bevor die Gäste kommen.

Ob das bunte Sammelsurium von Wohnungsporträts nun allerdings wirklich den „Berlin Style“ repräsentiert? Na ja. Die Verbindung der Begriffe Berlin und Stil ist ja eigentlich sowieso ein Widerspruch in sich. Was wiederum wahrscheinlich genau den Berliner Stil ausmacht. „Nichts passt wirklich zusammen, aber alles bildet irgendwie doch eine Einheit“, steht im Vorwort von „Berlin Style“.

Was es wirklich mit dem Berliner Stil auf sich hat, habe ich jüngst dank einer englischsprachigen Internet-Seite der Hotelkette Marriott erfahren. „Was Berlin ausmacht“, heißt es da, „sind die nicht greifbaren Dinge – wie das faszinierende Nebeneinander von Macht und Geist oder das Lebensgefühl und der Schwung der Stadt und ihrer Bürger. Berliner kommen daher als nassforscher, schlagfertiger, nüchterner Menschenschlag, der ein Deutsch mit einem ganz eigenen, pikanten Dialekt spricht. Bei ihren Landsleuten gelten sie als unhöfliche Spezies. Die belebende Luft – die berühmte Berliner Luft – gilt als einer der Gründe für ihre energiegeladene Art. Diese Energie kann man auch den vielen Bewohnern zuschreiben, die ihr Leben lang viele Widrigkeiten erlebt haben und die diese mit einem beißenden Humor und einer zynischen Akzeptanz des Lebens ertragen haben.“ Ist doch was dran, oder? Dass die Marriott-Manager mit derlei Stilbeschreibung ihr amerikanisches Zielpublikum tatsächlich zu einem Berlin-Besuch bewegen, darf man allerdings getrost bezweifeln. Dafür wäre dann wohl doch das bunte Fotobuch besser geeignet.

„Berlin Style“, Taschen-Verlag 2004, 192 Seiten mit Farbfotos von Eric Laignel, Vorwort von Christiane Reiter, 6,99 Euro .

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!