Zeitung Heute : Stille Anteilnahme

Das Ultimatum für die deutschen Geiseln läuft ab. Bisher wurde wenig berichtet. Wie viel Öffentlichkeit hilft?

Sarah Kramer

Viel ist es nicht, was in diesen Tagen über die deutschen Geiseln im Irak an die Öffentlichkeit dringt. Der Krisenstab setze seine Bemühungen unvermindert fort, hieß es am Dienstag aus dem Auswärtigen Amt. Man habe sich auch während der Osterfeiertage „fortlaufend und intensiv“ mit dem Thema befasst. Am 6. Februar waren die 61-jährige Hannelore Marianne Krause und ihr 20-jähriger Sohn Sinan aus ihrem Haus in Bagdad entführt worden. Für ihre Freilassung fordert die Extremistengruppe „Pfeile der Rechtschaffenheit“ von der Bundesregierung den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan und droht, Hannelore Marianne Krause und ihren Sohn zu ermorden. In der Nacht zum Freitag läuft das zweite Ultimatum der Geiselnehmer ab.

Eine Dramaturgie, die an vergangene Entführungen von Ausländern im Irak erinnert: an die deutsche Archäologin Susanne Osthoff, die italienische Journalistin Giuliana Sgrena oder die Leipziger Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke. Sie alle waren nach wochenlanger Geiselhaft – und mutmaßlichen Zahlungen von Lösegeld – freigekommen. In einem Punkt allerdings unterscheiden sich die angeführten Geiselnahmen von dem jetzigen Fall: Diesmal gibt es keine Mahnwachen, Lichterketten und Proteste. Fast scheint es, als nehme diesmal die Bevölkerung kaum Anteil an dem Schicksal der Entführten.

Allein in Leipzig gingen im vergangenen Jahr mehrere Tausend auf die Straße, um für die Freilassung der beiden Ingenieure zu demonstrieren. In Italien waren es eine halbe Million Menschen: Mit Mahnwachen und Friedensmärschen durch Rom bekundeten sie ihre Solidarität mit der im Irak gekidnappten Journalistin Sgrena. Ihre Verwandten, die die Bewegung anführten, wurden im Palast des Staatspräsidenten empfangen.

Im Fall der jetzt entführten Deutschen bleiben öffentliche Solidarisierungsbewegungen aus. Daran änderte auch die verzweifelte Videobotschaft von Hannelore Marianne Krause nichts. „Vielleicht könnt ihr zu den Zeitungen gehen, vielleicht könnt ihr einen Protestmarsch organisieren“, hatte sich die Geisel an zwei ihrer Kinder gewandt. „Ich bitte euch, unternehmt etwas.“

Eine Aufforderung, die wohl nicht im Sinne des Auswärtigen Amtes war: Dort hatte man seit Bekanntwerden des Entführungsfalls vor allem die Medien immer wieder um Zurückhaltung gebeten. „Es ist richtig, dass der Krisenstab versucht, in diesem Fall ohne große Öffentlichkeit auszukommen“, sagt die frühere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung und Grünen-Bundestagsabgeordnete Claudia Roth. „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, jetzt für die Geiseln eine Demonstration zu organisieren.“ Sie selbst habe auf Bitten des Auswärtigen Amtes eine für Februar geplante Reise in den Nordirak abgesagt.

Psychotherapeut Peter Boppel, der mehrere Bücher über Folterer und Geiselnehmer verfasst hat, findet den Wunsch der Krauses nach öffentlichem Zuspruch nur allzu verständlich. „Für die Geiseln ist das ein Lebensschutz“, sagt er. „Sie hoffen, dass sich ihre Situation durch öffentliche Aktionen verbessert und die Entführer vorsichtiger mit ihnen umgehen“, sagt er. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass auch die Geiselnehmer versuchten, die Forderung nach mehr Öffentlichkeit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. „Für sie bedeutet wachsender Druck durch das Volk, dass die Politik möglicherweise eher bereit ist, ihre Bedingungen zu erfüllen“, sagt Boppel. Dass der aktuelle Entführungsfall in Deutschland weniger Aufsehen erregt als frühere Geiselnahmen, hat nach Boppels Einschätzung nichts mit den Vorgaben des Auswärtigen Amtes zu tun. „Ich glaube eher, dass die Öffentlichkeit inzwischen ermüdet ist“, sagt er. Hinzu komme, dass Hannelore Marianne Krause vermutlich wegen ihres Lebensmittelpunktes im Irak und der Heirat mit einem Iraker nicht als Deutsche gesehen werde. Vielleicht halte sich auch deswegen das öffentliche Mitgefühl in Grenzen.

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