Zeitung Heute : Stille im Hain der Abwesenden

Ein Jahr nach den Terroranschlägen hat in Madrid die Lust zu leben gesiegt, sagt der Bürgermeister. Aber nicht bei allen

Ralph Schulze[Madrid]

Die Stimme vibriert. Die Augen flackern nervös, es wirkt, als würden sie hier irgendwo etwas Bedrohliches vermuten und gleich auch zu sehen bekommen. Die Stimme sagt: „Ich habe immer noch Angst, wenn ich hier bin, im Atocha-Bahnhof.“ Menschenmassen wälzen sich über den Bahnsteig Nummer zwei, auf dem vor einem Jahr der wohl schlimmste Terroranschlag in Europas Geschichte stattfand, im Herzen Madrids, im Hauptbahnhof.

Die Stimme gehört einem Mann, er heißt José. José hatte damals, an einem Donnerstagmorgen, gerade Dienst als Wachmann. Die Bomben explodierten. In einem der rot-weißen Nahverkehrszüge, der Sekunden zuvor eingefahren war. Herumfliegendes Glas, Metallsplitter bohrten sich in Josés Körper, schwer verletzt brach er zusammen.

Ein Jahr später ist von den Verwüstungen – insgesamt starben bei den Bombenattentaten auf vier Madrider Vorortzüge 191 Menschen, 2061 wurden verletzt – nicht mehr viel zu sehen: Ein Reisender hinterlässt einen Blumenstrauß, er hängt ihn an einen Pfosten. Die große Uhr über dem Bahnsteig, die am 11. März 2004 um 7 Uhr 37 stehen blieb, tickt wieder.

Schweigend steigen Menschen aus Zügen aus, andere steigen ein. Gut 650000 Personen hetzen täglich durch diesen wichtigsten Verkehrsknoten der Hauptstadt. Den Kopf eingezogen, die Augen starr. Aktentaschen, Zeitungen, Mobiltelefone, Schulmappen umklammert. Vor den viel zu schmalen Treppen, die hinauf in die Bahnhofshalle führen, staut sich der Menschenstrom.

Eine Schulklasse klettert aus einem Waggon. Die Jungen und Mädchen tragen Rucksäcke, sie machen einen Ausflug. Aufgeregt scheucht ein Lehrer sie Richtung Ausgang. „Endstation Atocha“, knarrt es aus einem Lautsprecher.

Am Tatmorgen, vor zwölf Monaten, muss es hier ähnlich zugegangen sein. Bis plötzlich, fast zeitgleich, drei in Rucksäcken versteckte Bomben hochgingen, den Zug auf Bahnsteig zwei in Stücke rissen. Minuten später explodierten noch sieben weitere Sprengsätze in drei voll besetzten Nahverkehrszügen. Züge, die alle auf dem Weg nach Atocha waren.

Ein Horror, an den eigentlich heute, am ersten Jahrestag, ein großes gläsernes Mahnmal vor dem Bahnhof erinnern sollte. Doch auch die Wege der staatlichen Trauer sind in Spanien manchmal quälend lang. Irgendwann einmal werden in diesem Glassarg jene Trauerbotschaften zu lesen sein, die am Tatort niedergelegt wurden. Etwa die Zeichnung eines Kindes, das seine Mutter verlor: „Ich liebe dich“, steht auf diesem Bild, in Kritzelschrift. Auf dem Bild sieht man, wie eine Eisenbahn in die Luft fliegt.

In der Bahnhofshalle erinnern im Moment nur, in einer Ecke versteckt, zwei Computerbildschirme an die Tragödie. Auf ihnen können Passanten ihren persönlichen Aufschrei gegen die Unmenschlichkeit hinterlassen. Mehr als 59000 Menschen schrieben sich hier in den letzten zwölf Monaten ihre Angst, ihre Wünsche, ihren Zorn von der Seele. Die Botschaften sind kurz und deutlich: „Frieden“, „Verdammte Hurensöhne!“, „Warum?“

Daneben zwei große Papierrollen, die ebenfalls zu Kommentaren einladen: „Aznar, deine Hände sind blutbefleckt“, steht da geschrieben. Der frühere konservative Regierungschef Spaniens, der sein Land gegen den erklärten Willen der Nation im Irakkrieg an die Seite der USA stellte, wird von vielen Terroropfern für das Blutbad mitverantwortlich gemacht.

Jener Mann, der am schwärzesten Tag Spaniens die politische Verantwortung trug, zog es vor, nun seinem Land nicht tröstend beizustehen. Aznar sei auf Vortragsreise in Mexiko, berichten die spanischen Medien. Auch an dem internationalen Antiterrorgipfel in Madrid, der am Donnerstag zu Ende ging, nahm er nicht teil. Obwohl er Mitglied jenes Club de Madrid ist – eine Vereinigung früherer Regierungschefs –, der die Konferenz organisierte.

Viele Überlebende und Hinterbliebene haben ebenfalls die Flucht ergriffen vor dem Gedenkrummel, der die spanische Hauptstadt in diesen Tagen ergreift. „Wir wollen einen Tag der Stille“, bittet Pilar Manjon, die 46-jährige Sprecherin der Opfervereinigung 11. März. Pilar, die ihren 20-jährigen Sohn David verlor, wurde mit ihrem Engagement für die Betroffenen des Terrors zur Heldin. „Ich bin die Stimme der Abwesenden“, schluchzte sie vor laufenden Kameras und brachte damit gleich die ganze Nation zum Weinen.

Antonio Delgado, 41 Jahre alt, einer jener vier Zugführer, die am 11. März die Todeszüge steuerten, will jedoch zur staatlichen Gedenkfeier gehen, die heute im Madrider Retiro-Stadtpark stattfindet. Dort weiht Spaniens Königsfamilie den Hain der Abwesenden ein. Für jeden Toten wurde dort ein Baum gepflanzt, Zypressen und Olivenbäume. Die spanische Regierung und Politiker aus der ganzen Welt werden dabei sein. Reden soll es nicht geben.

Inzwischen steuert Delgado wieder Züge durch die Stadt, aber es ist nicht mehr so wie früher: „Der Horror fährt immer mit“, sagt er. 69 Menschen starben in seinem Zug. Es läuft ihm kalt den Rücken herunter, sagt er, wenn er die Metallsplitter sieht, die immer noch an den Bombenorten zwischen den Gleisen liegen.

Die Waggonwracks warten derweil auf dem Hof eines Recyclingunternehmens auf ihre weitere Verwendung. „Da machen wir etwas Nützliches draus“, sagt ein Firmensprecher, man gebe den Terrortrümmern „so etwas wie ein neues Leben“ – aus ihnen werden Eisenträger, Straßenlaternen oder Waschmaschinen.

Alberto Ruiz-Gallardon, der Bürgermeister, hat wohl Recht mit seiner Einschätzung, dass Madrid eine besondere Fähigkeit habe, „aus der Asche aufzusteigen“. Er lobt den Geist der Bürger, gegen die Barbarei anzukämpfen. „Die Stadt knickt nicht vor dem Terrorismus ein.“ Am Ende hätten „die Lust zu leben und der offene, tolerante Geist gesiegt“.

Auch hat es nach dem Anschlag des Islamisten-Kommandos keine Übergriffe auf Madrids große Muslim-Gemeinde, ihre Geschäfte und Moscheen gegeben. „Der Islam tötet nicht“, schrieben die Kinder einer arabischen Schule auf große Kartons. „Wir haben ein gutes Herz.“ Und: „Nein zum Massaker – nicht in Palästina, nicht im Irak und auch nicht in Spanien“.

Die Zahl der Fahrgäste in den Nahverkehrs- und Metro-Zügen ging nur in den ersten Wochen nach dem Blutbad zurück. Inzwischen sind die Wagen besetzt wie immer. Oder sogar noch voller. Wie es all den Menschen darin geht, wer weiß. Vielleicht haben einige von ihnen ja doch Angst, so wie José, der Wachmann vom Atocha-Bahnhof.

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