Zeitung Heute : Stille Post

Er ging 1938 nach Palästina, sie wollte ihm folgen. Doch Mirjam Bolle wurde ins KZ verschleppt. Nun erscheinen ihre Briefe an den Geliebten.

-

Von Esther Kogelboom Mit ein paar schnellen Schritten ist Mirjam Bolle, geborene Levie, im Restaurant. Sie schlüpft aus ihrem Mantel und streicht das feine Strickensemble glatt, zieht sich die Lippen nach, legt die Hände flach auf den Holztisch. Eine Berlin-Besucherin, die auf der Fahrt vom Flughafen Tegel nach Berlin-Mitte durch das Autofenster das Brandenburger Tor gesehen hat, das Holocaust-Mahnmal, den Alexanderplatz, Baustellen, Eis und Schnee.

Mirjam Bolle ist zum ersten Mal in Berlin. „Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich einmal hierher kommen würde“, sagt sie mit weichem niederländischen Akzent. Sie macht eine kurze Pause. „Ich habe die Deutschen gehasst.“ Und dann, fast entschuldigend, leiser: „Ja, das muss man wohl so sagen.“

Mirjam Bolle ist 88 Jahre alt, ihr weißes Haar trägt sie kurz. Als klar war, dass ihr Buch „Ich weiß, dieser Brief wird dich niemals erreichen“ ins Deutsche übersetzt werden würde, lud der Verlag sie ein. Mirjam Bolle lehnte dankend ab, der Verlag insistierte, auch Mirjam Bolle insistierte.

Doch plötzlich gab sie nach. Warum? „Ich weiß nicht, man hatte mich einfach eingeplant. Das hat sich so ergeben“, sagt sie und lächelt. Tochter und Schwiegersohn haben sie begleitet auf der Reise in ein Land, das für Mirjam Bolle auf immer und ewig das Land ist, das Bergen-Belsen errichtete, das einen unüberwindlichen Keil trieb zwischen sie und den Menschen, den sie liebte.

Ihr Buch ist eine Sammlung von Briefen, die die junge Amsterdamer Jüdin Mirjam an ihren Freund schrieb, der als glühender Anhänger der zionistischen Idee bereits 1938 nach Palästina ausgewandert war. Mirjam blieb in Amsterdam zurück und überwand nach und nach fast alle bürokratischen Hürden, um Leo endlich folgen, ebenfalls ausreisen zu können. Doch während sie noch auf ihr letztes „Zertifikat“ wartete, überfiel die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 ihre Heimatstadt, verschleppte kurze Zeit später 400 Juden ins österreichische Mauthausen, schlug einen zweitägigen Generalstreik nieder und deportierte schließlich 102 000 Juden, von denen nur 5000 überleben sollten.

Die Briefe, die Mirjam an Leo schrieb, liegen vor ihr auf dem Tisch, in einer kleinen Kiste. Es gibt welche mit Schreibmaschinenschrift auf dünnem Papier, die sind aus Amsterdam, eng mit Schnörkelschrift beschriebene Kladden, die sind aus dem „Auffanglager“ Westerbork – und schließlich die wackeligen Bleistiftaufzeichnungen aus Bergen-Belsen, das etwa 60 Kilometer nordöstlich von Hannover in der Lüneburger Heide liegt. Knapp sechseinhalb Jahre hat Mirjam Bolle fast täglich alles aufgeschrieben, was sie erlebte und bewegte. Einen Brief abschicken, das konnte sie nie. „Ich wollte alles ganz genau notieren, um Leo später davon erzählen zu können, was mir und den anderen passiert ist“, sagt Mirjam Bolle, deren detailreiche Chroniken wegen ihrer Unmittelbarkeit auch für Historiker von Bedeutung sind. Denn Mirjam Bolle, die als Sekretärin beim Jüdischen Rat arbeitete, schildert in ihren ersten Briefen aus nächster Nähe, wie ihre Chefs zum großen Teil vergeblich versuchten, Amsterdamer Juden vor der Deportation zu retten, und später den Befehl erhielten, den Rat aufzulösen. „Viele hatten damals den Verdacht, der Jüdische Rat würde mit den Nazis kollaborieren“, sagt Mirjam Bolle mit fester, nachdrücklicher Stimme. „Aber so war es nicht.“

Wie es war, das Überleben im Lager, davon erzählt sie zum Beispiel am 12. Februar 1944: „In Eile. Gestern ein schrecklicher Tag. Mussten von Viertel nach sieben bis halb elf und von halb zwölf bis Viertel nach drei beim Appell stehen. Angeblich, weil morgens zwei Baracken zu spät erschienen waren, doch in Wirklichkeit wohl, weil sie eine Sch-Laune hatten, denn vorgestern und in der Nacht wurde ständig Luftalarm gegeben. Als eine Frau zusammenbrach und man sie in die Baracke bringen wollte, sagte der Kommandant: ,Lass sie kaputtgehen, bei uns gehen so viele kaputt.‘ Ich brauchte nicht hin, d. h. nur morgens, aber es war ein schreckliches Gefühl, zu wissen, dass Mutter den ganzen Tag stehen musste. (…) Es bleibt schrecklich. Auch wir haben erst mit den anderen Essen bekommen und somit einen Tag gefastet. Liebster, nun bist Du also wieder informiert.“

Mirjam Bolle hat überlebt, weil sie zusammen mit 221 weiteren Gefangenen im Juni 1944 im Austausch gegen Deutsche freikommen konnte. Nach dem zwischen Deutschland und Großbritannien ausgehandelten Abkommen, das sagt der niederländische Historiker Johannes Houwink ten Cate, seien Deutsche, die in Palästina oder anderen Teilen des British Empire lebten, gegen Juden ausgetauscht worden. So gelangte Mirjam Bolle nach Haifa. Mirjam Bolle hat auch überlebt, weil sie durch ihre Aufzeichnungen eine Distanz schaffen konnte zu dem, was um sie herum passierte, zu den alltäglichen Schikanen, dem Hunger, der Folter und dem Tod, glaubt ten Cate, der mitgeholfen hat, die Briefe zu publizieren. Durch ihre Zeilen schimmert auch in Stunden größter Verzweiflung die Hoffnung auf ein freies Leben. Verbittert klingen sie nur ganz selten. An guten Tagen protokollierte sie für ihren Freund die neuesten Lagerwitze.

Sechs Wochen nach ihrer Ankunft in der Freiheit heiratete Mirjam Bolle ihren Verlobten in einem geliehenen weißen Kleid aus dem Kibbuz: „Es war eine schöne Hochzeit.“ Die Briefe, die sie in einem wasserdichten Beutel über all die Jahre mitgeschmuggelt hatte, verstaute sie in ihrem Kleiderschrank – und vergaß sie in der Aufregung der neuen Zeit.

Mirjam Bolles Strategie der Bewältigung war das konsequente Ruhenlassen des Geschehenen, die Erinnerungen mochte sie nicht mehr antasten.

Bis zu seinem Tod im Jahre 1992 hat Leo Bolle die an ihn adressierten Tagebuchbriefe nie gelesen. Mirjam Bolle sagt: „Das war einfach kein Thema mehr für uns. Den meisten ist es damals viel schlechter ergangen als mir. Ich hatte Glück.“ Trotzdem, ist es nicht seltsam, dass sich Leo Bolle nie Zeit genommen hat für die Kiste voller Briefe und Kladden? „Es ist schade, dass er sie nicht gelesen hat.“ Sie schaut aus dem Fenster, auf die Belforter Straße, räuspert sich, nimmt einen tiefen Schluck Wasser. Ihr Alter merkt man ihr nicht an, sie sitzt kerzengerade da, drückt ihre Schultern zurück und gestikuliert nur sparsam.

Ihr Mann habe gar nicht so genau erfahren wollen, was mit ihr geschehen sei, sagt sie weiter, und es ist weder Groll noch Unverständnis in ihrer Stimme zu hören, nur große Zuneigung. Sie hätten sich eben in die Arbeit gestürzt, um Geld zu verdienen. Er wurde Direktor der orthodoxen Mittelschule Ma’aleh. Mirjam Bolle hat drei Kinder bekommen, den Haushalt mit knappen Mitteln organisiert und im niederländischen Konsulat, das später zur Botschaft wurde, gearbeitet. Nachts, wenn es ruhig war, habe sie ausgezeichnet geschlafen: „Nur am Anfang war ich ein bisschen deprimiert.“ Und wieder: Den anderen sei es wirklich schlechter gegangen. Sie sei jung gewesen, von stabiler Konstitution. Eine große Nüchternheit in Verbindung mit ausgeprägtem Realitätssinn habe ihr schon ihr Volksschullehrer in Amsterdam bescheinigt. Hilfreiche Eigenschaften seien das, die das Leben zu Krisenzeiten einfacher machten.

Vielleicht war es auch die Fähigkeit zum Wegdenken und zum Wegfühlen in die Richtung eines fernen, vertrauten Adressaten? Sie nickt. „Ja, das auch.“ Ihr Blick wandert wieder zu dem Kasten mit den Briefen.

Mirjam Bolle erinnerte sich erst wieder an den wasserdichten Beutel in ihrem Kleiderschrank, als ihre Schwester ihr vor wenigen Jahren von dem Vortrag berichtete, den sie vor israelischen Schulkindern gehalten hatte. Die Schwester war als Zeitzeugin eingeladen gewesen und habe den Kindern von einem provisorischen Chanukka-Fest im Lager erzählt. „Wir stritten über Nebensächlichkeiten. Ich sagte: ,Das stimmt nicht, was du den Kindern erzählt hast.‘ Und plötzlich fielen mir die Briefe ein. Ich öffnete den Schrank, da waren sie noch, und habe beweisen können, dass ich Recht hatte.“ Nach 50 Jahren blätterte Mirjam Bolle zum ersten Mal in ihren Aufzeichnungen, die sie nach einigem Überlegen und auf Drängen ihrer Tochter an eine Forschungsstelle in den Niederlanden schickte. Mit der jungen Frau, die diese Tagebuchbriefe schrieb, verbinde sie nur noch wenig.

Schlimmer, viel schlimmer als die Zeit im besetzten Amsterdam und in den Lagern sei der Verlust ihrer beiden Kinder gewesen. Mirjam und Leo Bolles Sohn Chananja starb 1967 während des Sechstagekrieges, er war Pilot und wurde abgeschossen. 1970 fuhr ihre jüngste Tochter in ihrem Auto auf eine von Syrern gelegte Landmine. Sie und vier weitere jungere Israelis überlebten nicht.

„Das wird nie wieder gut“, sagt Mirjam Bolle. Während dieser schweren Jahre habe sie sich zwingen müssen, aus dem Haus zu gehen. Zum ersten Mal an diesem Mittag wirkt sie erschöpft, sinkt für einen Moment kaum merklich in sich zusammen. Wie schafft man es, bei all dem nicht zu verzweifeln? „Man darf einfach nicht zu Hause bleiben, man muss sich zwingen, am Leben teilzuhaben“, sagt sie und findet in ihre Gelassenheit zurück.

Tagebuch geschrieben habe sie nie wieder, auch mit Briefen tue sie sich schwer. Stattdessen besorgte sie sich schon früh einen Computer und erlernte in einem Kurs in Jerusalem, wie man E-Mails verschickt. „Tja, wenn ich damals einen Computer gehabt hätte …“, sagt sie und schwärmt von den vielen Möglichkeiten moderner Schreibprogramme. „Ich kann hier etwas ausschneiden und dort wieder einfügen, herrlich. Es ist so leicht.“

Ihre Briefe haben die Zeit überdauert.

Mirjam Bolle: „Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen – Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen“, Eichborn Berlin, 299 Seiten, 22,90 Euro

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben