Zeitung Heute : Stille suchen am Brandenburger Tor

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Unser Herr Rentner steht am Pariser Platz und denkt, dass dieses von der Friedensgöttin gekrönte Flanierquadrat einmal eine Art Denkmal für unseren verschütt gegangenen Ex-Senator Peter Strieder werden könnte. Auch krasse Gegner des Auto-durchs-Tor-Fahr-Verbots haben sich mittlerweile mit dem für die fußgehenden Berlin-Bekieker reservierten Ort arrangiert. Der größte Lärm bleibt fern hinter den „Linden“, hier darf ohne Angst vor rollendem Blech fotografiert und geruhsam über friedliche Revolutionen, Mauerfälle und hehre Präsidentenworte nachgedacht werden. Nur ein paar aggressive Radfahrer erinnern noch an Rücksichtslosigkeiten von Menschen, die auf Rädern sitzen und egozentrisch durch die Gegend flitzen.

An diesem Platz, im rechten Torhaus, begegnen wir als Höhepunkt der verkehrslärmfreien Zone der Stille persönlich. Sie bewohnt einen eigenen Raum, liebt das Karge und zwingt jeden zu so etwas wie innerer Einkehr. Vor der dunklen Tür zum Ruhe-Raum streifen wir eine Tafel mit dem Wort „Frieden“ in 45 Sprachen. Und das „Gebet der Vereinten Nationen“ sagt, wessen Geist hier zu Hause ist: der der Menschlichkeit, Friedfertigkeit und Toleranz. Im stillen Zimmer fällt der Blick auf einen dunkelbraunen Wandteppich, auf dem ein lichter Punkt aus der Ferne das Dunkel zu erhellen scheint: Mensch, morgen ist ein neuer Tag. Und dort ist das Licht.

Seit Oktober 1994 gibt es diese Stille im Tor. Einem Förderkreis sei Dank, dass 80 Damen und Herren – darunter auch die frühere Abgeordnetenhaus-Präsidentin Hanna-Renate Laurien – reihum ehrenamtlich Dienst tun und den bis zu 200 Besuchern täglich erzählen, was das hier ist: ein Ort der Entspannung, der Erinnerung und Meditation am geschichtsträchtigen Platz. „Unser Raum nimmt die Idee des Friedenstores auf und entspricht dem Genius loci“, sagt die Bewacherin der Stille, „ein Ort der Nachdenklichkeit, Geschwisterlichkeit und Friedfertigkeit“.

Schön, dass sich die Stadt an ihrem besten Platz so etwas gönnt. „Hat mir gut getan in der herrlichen Hektik Berlins“, steht im Gästebuch, und: „Dank für die fünf Minuten schnelles Schweigen“.

Der Raum der Stille ist täglich von 11 bis 18 Uhr für jeden geöffnet.

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