Zeitung Heute : Stille Tage in Tirol

Wie der Transitverkehrsgegner Fritz Gurgiser ein wenig Ruhe nach Österreich brachte

Alexandra Rigos[Vomp]

Vomp trägt einen dieser typischen Tiroler Ortsnamen, die weiter nördlich immer etwas sonderbar klingen. Sonst hat Vomp drei Gastwirtschaften, Häuser im alpenländischen Stil, eine Kirche. Und, nicht ganz so typisch, aber auch wieder nichts Besonderes in dieser Gegend: die Autobahn, die auf 16 Betonpfeilern über die Dorfstraße stelzt und den alten Ortskern vom Neubaugebiet trennt.

Einen Steinwurf von der Autobahn entfernt steht das Reihenhaus vom Gurgiser. So hat Österreichs berühmtester Transitgegner den Feind immer im Blick: die Lastwagenkolonnen, die auf dem Betonband dahinkrauchen und von unten aussehen wie eckig geratene Käfer auf einem Zweig. Nur lauter sind sie. Das Motorengebrumm hat etwas Einlullendes, fast denkt man an Meeresrauschen.

Für den Gurgiser war es eine echte Verbesserung, als er 1981 hierher gezogen ist. Seine Kindheit hat er nämlich auf einem Bauernhof in Vill verbracht. Das liegt ein paar Kilometer von Innsbruck entfernt, zwischen dem Bergisel, wo der Andreas Hofer, der Tiroler Freiheitsheld, einst gegen den Franzosen gekämpft hat, der Mülldeponie und der Brennerautobahn. Die wurde seinerzeit gerade gebaut, und als Fritz Gurgiser so fünf oder sechs Jahre alt war, ist er gern auf den Baggern herumgeklettert: „War eine dolle Sache“, erinnert er sich. Verkehr ist Leben, hieß es damals in Tirol, die Leute hatten schließlich Angst, Fortschritt und Wohlstand würden sozusagen an ihnen vorbeifahren ohne die Autobahn. Die Familie Gurgiser merkte dann aber schneller als ihre Landsleute, dass das mit dem Leben so nicht stimmen kann, weil das ja nicht wirklich ein Leben ist, wenn man sich vor der eigenen Haustür nicht mehr unterhalten kann.

Gurgiser weiß also, wovon er spricht, wenn er gegen den Transitverkehr wettert. Er ist kein grüner Intellektueller, er ist bodenständig. Wie er da sitzt in seiner Küche, zwischen dem Herrgott an der Wand und den Kakteen auf dem Fensterbrett, und redet, schnell, eindringlich, aber nie laut. Ein wenig sieht der 51-Jährige so aus, wie man sich einen Gewerkschaftsführer vorstellt: gedrungene Statur, kariertes Flanellhemd, Velourslederweste, unrasiert. Und dieser misstrauische Blick aus kleinen blauen Augen. Wie es sich für ein Tiroler Mannsbild gehört, benutzt er Kraftausdrücke: Jener Landespolitiker ist ein Trottel, die Bundesregierung in Wien, das sind halt Dilettanten, und der europäische Straßengüterverkehr als Ganzes, der sei „Teil der organisierten Kriminalität“.

Bis Ende 2003 hat der alte Transitvertrag den Fernverkehr immerhin ein bisschen in Schranken gehalten. Jetzt aber haben Wien und Brüssel den Tirolern eine Neuregelung eingebrockt, die auf freie Fahrt für fast alle Laster hinausläuft, ohne Rücksicht auf deren Ohren und Atemwege. Und das, obwohl seit Jahren die Stickoxidkonzentrationen im Unterinntal die EU-Grenzwerte übersteigen.

Deshalb hat Gurgiser mit seinem „Transitforum Austria-Tirol“ in der Karwoche an drei Tagen den Osterverkehr lahmgelegt. Alle sind sie seinem Ruf gefolgt, von der Blaskapelle bis zur Innsbrucker Professorenschaft, haben ihre Kinder mitgebracht und auf der Betonspur ein Volksfest gefeiert. Riesenstimmung, „ein Wahnsinn“, sagt Gurgiser. Zwei Nachmittage lang fuhr auf der Inntalautobahn nichts mehr, am dritten Tag wurden zur Abwechslung zwei Landstraßen blockiert. Und sogar der Innsbrucker Bischof hat dem Unternehmen „Ostern aktiv“ seinen Segen gegeben. Die dreitägigen Proteste sollen für Österreich einen wirtschaftlichen Schaden von 20 bis 30 Millionen Euro zur Folge haben, hat ein Volkswirtschaftler ausgerechnet. Für den europäischen Transportverkehr ergäben sich noch einmal mindestens genauso hohe Verluste.

Schon seit 17 Jahren kämpft Gurgiser gegen den Verkehr. Mittlerweile gehören dem „Transitforum“ 200 Gemeinden und Verbände an, und er amtiert als Vorsitzender oder vielmehr Obmann, wie das hier heißt. Im Laufe der Zeit hat er acht Verkehrsminister an- und abtreten sehen und natürlich auch selbst Angebote aus der Politik bekommen. „Aber da säße ich jetzt in Wien, hätte 120 Kilo auf den Rippen und wäre zweitverheiratet“, sagt er. Und das ist nichts für einen, dem die Familie, die Heimat und der Berg so wichtig sind wie ihm.

Also betreibt er seine Verkehrspolitik auf eigene Faust, neben seinem Job als kaufmännischer Angestellter. Sein Arbeitgeber ist ein Metall verarbeitender Betrieb, Mittelstand. Da hat er nicht nur selbst die Aufgabe, Güter zu verfrachten, da ist er auch zu der Überzeugung gekommen, dass der Fernverkehr dem Land Tirol mehr nimmt als Ruhe und saubere Luft: Arbeitsplätze nämlich. Früher, da musste die Firma ihre Stahlteile nur zehn Kilometer weit transportieren, um sie verzinken zu lassen. Heute, sagt er, gebe es in ganz Tirol keine Verzinkerei mehr. Und fast jede Woche flattere eine Anfrage aus Polen oder Slowenien ins Haus, ob man nicht die Produktion nach Osten verlagern wolle.

Er sei nicht gegen die EU-Osterweiterung, sagt Gurgiser, ihm gehe das nur zu schnell. Gegen den EU-Betritt Österreichs war er aber schon, da hat er einiges einstecken müssen, Morddrohungen, Beschimpfungen. Dabei ging es ihm gar nicht nur um den Transit damals, obwohl der heutige Schlamassel schon abzusehen war, sondern ums Prinzip: „Ich bin ein Mensch, der Zentralismus zutiefst verabscheut.“ Ein Mal war er sogar zur Lobbyarbeit in Brüssel, aber das eine Mal habe ihm auch gereicht, sagt er, all diese Meetings und Verlautbarungen, in denen am Ende doch nichts drinstehe.

Wenn er so über die EU schimpft, dann weiß man, warum ihn die Zeitungen gern mit Andreas Hofer vergleichen, dem Freiheitshelden. Obwohl der Gurgiser ziemlich ungehalten darauf reagiert. Er eifere überhaupt keinem nach, dem Hofer erst recht nicht: „Den haben sie schließlich erschossen.“

Aber eine Parallele zur Tiroler Freiheitsgeschichte sieht er doch. Damals ging es zwar gegen die napoleonische Armee und heute gegen die Brüsseler Bürokraten, aber immer galt es, einen „Anschlag auf die Alpen“ abzuwehren: „Nur wird der Krieg heute nicht mehr mit der Waffe, sondern mit dem Auspuff geführt.“

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