Zeitung Heute : Stilvoll essen

Man sitzt zu den Mahlzeiten wieder am Tisch. Im Trend liegen große Platten aus unbehandeltem Holz

Nellie Krickhahn

Den Teller auf dem Schoß und auf dem Bildschirm die Sportschau – das war einmal. Das „TV-Dinner“ ist out. Nicht nur Ernährungsexperten raten schließlich dazu, dem Essen Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Heute ist es zu einer Frage des Stils geworden, wie man seine Mahlzeiten zu sich nimmt. Das oberste Gebot: Man sitzt am Tisch.

„Das Thema Essen wird heute zelebriert“, sagt der Berliner Einrichtungsplaner Lars Mayer. Kochsendungen wie „Das perfekte Dinner“ zeigen, dass die Rezepte eigentlich nur eine geringe Rolle dabei spielen, ob sich die Gäste gut fühlen. Wie sieht der Tisch aus, von dem gegessen wird? Wie wird eingedeckt? Wo steht dieser Tisch? Das sind die Fragen, die den Zuschauer bewegen und den Einrichter inspirieren.

Die Wohnküche mit großem Esstisch ist seit den ersten Studenten-WGs populär – und zwar nicht mehr nur bei Studenten. Doch macht sich inzwischen auch ein weiterer Trend bemerkbar. „Zu einem gelungenen Dinner gehört immer auch das Umfeld“, sagt Lars Mayer, und dieses Umfeld sollte festlich sein. „Der Mensch möchte auch die feierlichen Momente zu Hause und nicht im Restaurant erleben.“ Dazu muss er nicht einmal selber kochen: „Home Cooking“ oder „Private Cooking“ heißen die Initiativen, bei denen man den Koch samt Zutaten zu sich nach Hause einladen kann. Und weil ein opulentes Mahl mit Stoffservietten und Kerzenschimmer nur schwerlich zwischen Küchenchaos und Spülmaschine denkbar ist, fordert der Experte einen eigenen Raum zum Speisen: Das gute alte Esszimmer kommt wieder in Mode.

Es gab eine Zeit, in der sich die Tischgesellschaft nach dem Dessert mit dem Verdauungsschnaps in der Hand zur Couchgarnitur ins Wohnzimmer bewegte. Heute dagegen verbringt die Runde gerne den ganzen Abend im Esszimmer. Denn mit dem richtigen Esstisch erhält auch dieser Funktionsraum eine repräsentative Note. „Der Tisch ist zu 90 Prozent reine Optik und lediglich zu zehn Prozent ein Nutzmöbel“, sagt Mayer. In Berliner Altbauwohnungen mit ihren schlauchförmigen Zimmerfluchten ist es ohnehin kein Problem, eine lange Tafel unterzubringen. Denn vor allem soll der Esstisch großflächig sein, er will Platz haben. Hersteller, wie beispielsweise „Form Exklusiv“, bringen ihn gar nicht erst auf den Markt, wenn er nicht mindestens zwei Meter lang ist und er es in ausgeklapptem Zustand gar auf zwei Meter achtzig bringt. Der Tisch von heute ist also lang genug, um König Arthurs Ritterrunde aufzunehmen. Aber was, wenn sich nicht zehn, sondern nur drei Gäste angekündigt haben? „Dann wird das freie Ende eben dekoriert – mit Blumenvase und Kerzenleuchter“, sagt Mayer. „Bei einem langen Tisch darf die Dekoration die Mitte verlassen, er darf asymmetrisch gedeckt werden.“

Der ideale Esstisch ist ohnehin schon riesig und sollte mit wenigen Handgriffen verlängert werden können. Er bietet nicht nur genügend Raum auf der Platte, sondern auch darunter: Weil die Tischbeine jeweils in den Ecken angebracht sind, gewährt er kompromisslose Beinfreiheit. Etwas enger darf es dagegen auf dem Sitzmöbel werden. Statt des Stuhls mit seiner Sitzfläche von etwa 60 Zentimeter, die normalerweise dem Gast zugedacht sind, kombiniert heute gerne mal eine Sitzbank das Ensemble. Die bietet nicht nur noch mehr Gästen Platz, sie schafft auch Intimität.

Der Trend-Esstisch von heute besteht aus gutem, ehrlichem und massivem Holz. Geeignet ist alles, von der hellen Eiche bis zum dunklen Nussbaum oder der rötlichen Kirsche. Hauptsache, er bleibt nahezu unbehandelt.

Am Esstisch wird gespielt, gemalt, gegessen und gekleckert. Man lebt ja schließlich nicht im Museum. Selbst die Spuren des Kleinen, der seinen letzten Wutanfall mit Matchboxautos an der Platte ausgetobt hatte, sind nicht wirklich schlimm: Macken und Kratzer können mit einem bisschen Öl oder Wachs schnell ausgebessert werden. Holz ist ein pflegeleichtes und emotionales Material, das Lebendigkeit und Behaglichkeit verspricht. Die Astlöcher in uralten Bohlen, eine unregelmäßige Maserung, die weiche, warme Oberfläche – all das sei doch viel zu schön, um es mit einer Tischdecke zu verhüllen, findet der Experte. Doch glücklicherweise ist es heute längst nicht mehr so, dass das ganze Zimmer aus einem Guss gestaltet sein muss. Viel lässiger ist dagegen der mutige Materialmix: Besonders apart wirkt der Tisch, der zum Beispiel eine Platte aus altem Holz mit einem modernen Material kombiniert. Das können Beine aus Stahl, Kunststoff oder Aluminium sein, oder farbiges Glas, das der Platte besondere Akzente verleiht.

Nicht in jeder Wohnung findet sich Platz für eine lange Tafel. Kein Problem, meint der Einrichter Lars Mayer. „Vor allem in den sonst eher schwer einzurichtenden Berliner Zimmern ist ein quadratischer Esstisch eine Alternative.“ Alle Plätze sind gleichwertig – und wie ein runder Tisch fördert er die Kommunikation unter den Gästen.

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