Zeitung Heute : Stimme der Verstummten

Seit vier Wochen ist die Journalistin Giuliana Sgrena im Irak entführt – und Italien erlebt eine Welle der Solidarität ohnegleichen

Birgit Schönau[Rom]

Vier Wochen sind eine Ewigkeit. Für sie selbst, in den Händen ihrer Geiselnehmer, die über Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Leben und Tod entscheiden. Für ihre Angehörigen, die erst eine Demonstration mit einer halben Million Menschen angeführt haben und dann im prunkvollen Palast des Staatspräsidenten empfangen worden sind. Die jetzt das ganze Land kennt. Mutter Antonietta, eine zierliche, zurückhaltende Frau. Bruder Ivan, den das Staatsfernsehen gefilmt hat, während er das Video seiner Schwester aus der Gefangenschaft ansehen musste. Vater Franco, ein Bär mit einem eisgrauen Bart und dem grünen Halstuch der Partisanen aus seinem Heimattal im Piemont. Als blutjunger Mann hat er dort gegen Nazis und Faschisten gekämpft. „Ich kann deshalb die Iraker verstehen, die sich gegen die Besetzung auflehnen“, hat Franco Sgrena gesagt.

Aber er kann nicht begreifen, warum sie seine Tochter entführt haben. Giuliana, die Linke, die überzeugte Pazifistin, Giuliana, die nie auf der Seite der Besatzer stand. Immer hat sie denen eine Stimme geben wollen, die hinter dem grausamen Spektakel des Krieges verschwanden und verstummten. Frauen und Kinder, Alte und Flüchtlinge. Sie berichtete aus Mosambik und Ägypten, Somalia, Eritrea und Algerien, bevor ihre Zeitung „Il Manifesto“ sie als Korrespondentin in den Irak entsandte.

Von dort schrieb Giuliana Sgrena seit drei Jahren auch für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Als sie entführt wurde, hatte sie gerade auf dem Universitätsgelände von Bagdad Flüchtlinge aus Falludscha interviewt. Da kamen ein paar bewaffnete Männer, zogen sie in ein Auto und brausten mit ihr davon. Es war der 4.Februar 2005, um die Mittagszeit. Erst 13 Tage später traf ein Lebenszeichen ein. Ein Videoband, abgegeben im Bagdader Büro der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press, zeigte Giuliana Sgrena allein in einem künstlich beleuchteten Raum, bekleidet mit einer schlichten grünen Kattunjacke, die Hände wie zum Gebet aneinander gelegt, zeitweise auch in Verzweiflung vor das Gesicht geschlagen. Die zierliche 56-Jährige, abgemagert, verstört und verängstigt. „Ich bitte euch, beendet die Besetzung. Niemand darf mehr in den Irak kommen. Alle Ausländer, alle Italiener werden hier als Feinde betrachtet. Niemand darf mehr kommen, auch keine Journalisten.“ Ein Appell in Lebensangst, hervorgestoßen auf Italienisch und Französisch, unter Tränen: „Helft mir, mein Leben hängt von euch ab.“ Als Ivan, der Bruder, seine Schwester so sah, sagte er nur: „Uns sind die Hände gebunden. Niemand kann Truppen abziehen für Giuliana.“

Das mag stimmen. Dennoch ist Giuliana Sgrena in den langen Wochen ihrer Gefangenschaft zu einer neuen Galionsfigur der italienischen Friedensbewegung geworden. Mehr noch: Der Fall Sgrena hat die pazifistische Strömung in Italien noch breiter, die Überzeugung der Italiener noch mächtiger werden lassen, dass im Irak ein Krieg geführt wird, mit dem sie nichts zu tun haben wollen. Und er bringt die Irakpolitik der Regierung wie der Opposition auf den Prüfstein.

Dass in Rom 500000 Menschen für die Befreiung einer linken Journalistin auf die Straße gehen, muss die von Silvio Berlusconi geführte Koalition in Sorge versetzen. Zwar artete die Demonstration am 19. Februar zu keinem Zeitpunkt in eine Anti-Berlusconi-Veranstaltung aus. Aber das Schweigen der Demonstranten zeigte eindrucksvoller als laute Slogans: Viele Menschen verstehen das Engagement in der „Koalition der Willigen“ nicht mehr. Die Opposition zögert noch, diese Grundstimmung im Land aufzufangen und politisch umzusetzen. Bei der Abstimmung im Senat über die Neufinanzierung der italienischen Truppen blieb es zwar beim Nein des von Romano Prodi geführten Mitte-links-Bündnisses. Gleichzeitig können sich Prodi und seine Partner aber nicht dazu durchringen, den Abzug der 3000 Soldaten zu fordern, betreiben also eine Politik der Passivität: Neues Geld für unsere Truppen bewilligen wir nicht, aber zurückrufen wollen wir sie auch nicht, denn sie werden ja ganz offensichtlich noch gebraucht. Es ist Wahlkampf in Italien, am 3. und 4. April werden wichtige Regionalparlamente neu besetzt, letzte Umfragen zeigen die Regierungsparteien im Abwind. Giuliana Sgrenas Entführung ist längst ein Politikum, ihr weiteres Schicksal könnte entscheidend sein.

Jeden Abend informiert der Leiter des Krisenstabs, Gianni Letta, die Kollegen vom „Manifesto“ und Sgrenas Lebensgefährten Pier Scolari über die Entwicklung. Letta ist Staatssekretär im Amt des Ministerpräsidenten, ein Christdemokrat alter Schule, der seiner diplomatischen und diskreten Art wegen auch von politischen Gegnern geschätzt wird. Früher war er Chefredakteur des rechtsgerichteten römischen Blattes „Il Tempo“, aus dieser Zeit kennt er Valentino Parlato, einen der Gründerväter des „Manifesto“.

Was ihn in dieser Zeit sehr beeindrucke, sagt Valentino Parlato, sei auch die Loyalität, ja Solidarität von Politikern, die seine Zeitung stets bekämpft habe. Da ist Gianfranco Fini, der Außenminister, der Giuliana Sgrena jetzt „meine Kollegin“ nennt. Fini hat selbst mal als Journalist gearbeitet, allerdings für die damalige Parteizeitung der Neofaschisten.

„Il Manifesto“ trägt unter dem Titel die Bezeichnung „kommunistische Tageszeitung“. Zeitweise formierten die Journalisten des 1971 gegründeten Blattes sogar eine eigene Partei, ohne großen Erfolg. Mittlerweile stagniert die Auflage bei 30000 Exemplaren, seit Jahren kämpft die Zeitung, die sich als „linkes Gewissen“ Italiens versteht, um ihr wirtschaftliches Überleben.

Als Gianfranco Fini auf Valentino Parlato traf, reichte der hochgewachsene Rechtsnationale dem schmächtigen Kommunisten die Hand und sagte: „Parlato, jetzt ziehen wir an einem Strang. Wenn diese schlimme Sache vorbei ist, sind wir aber Gegner wie vorher.“ Lieber heute als morgen, hofft Parlato. „Aber es gibt nichts Neues“, murmelt der Journalist hinter seinem Schreibtisch in dem winzigen Büro, das er sich mit Luciana Castellina teilt, jener Kollegin, die seit den Anfangsjahren mit von der Partie ist. Castellina und Parlato, Legenden für die italienische Linke, durchleben seit der Entführung ihrer Korrespondentin ihr größtes gemeinsames Trauma. Und während Luciana Castellina, eine stolze, trotz ihrer Jahre noch immer auffallend schöne Signora, mit unerschütterlicher Haltung kämpft und vom Podium am Circus Maximus so elegant wie ein Conferencier Hunderttausende von Demonstranten dirigiert, scheint der Feingeist Parlato nach Giulianas Verschleppung ganz in sich und dem Nebel seiner Zigaretten zu versinken.

Persönliche Dramen und Politik, die Entführung einer Journalistin. Im „Manifesto“ treffen sich alle, die irgendetwas tun wollen, und sei es nur, durch ihr bloßes Dasein Solidarität zu zeigen. Und es sind viele. Es gibt eine Fastenaktion vor dem römischen Regierungssitz Palazzo Chigi, an der Christen, Muslime und Juden teilnehmen. Sogar der Papst hat beim Angelusgebet auf dem Petersplatz die Freilassung der Entführten verlangt und die Gläubigen aufgefordert, für Sgrena zu beten. Es gibt Lesungen von Giulianas Texten in ihrem Heimatort Masena unweit der Schweizer Grenze, Fackelzüge, es werden täglich Schweigemärsche und Plakat-Aktionen veranstaltet.

Ihr Foto hängt an der Fassade des römischen Rathauses auf dem Kapitolshügel, aber auch über den Vitrinen der Auto-Luxusmarke Ferrari, die gleich neben „Il Manifesto“ ein Geschäft betreibt. Noch nie hat das Land eine derartige Mobilisierung für eine einzelne Person erlebt. Dahinter steckt eine Strategie. Man will die Geiselnehmer erreichen, von denen man bislang nur weiß, dass sie sich „Mudschaheddin ohne Grenzen“ nennen. Man will ihnen deutlich machen, dass Giuliana Sgrena eine öffentliche Person in Italien ist, eine wichtige Person also. Wer ihr etwas antut, muss mit starken Reaktionen rechnen. „Giuliana soll in den Augen ihrer Entführer eine Unberührbare werden“, hat der Vorsitzende des italienischen Journalistenverbandes gesagt.

Inzwischen hat der oberste Rat der sunnitischen Geistlichen im Irak öffentlich dazu aufgerufen, die Journalistin freizulassen. Der Terrorist al Sarkawi, bin Ladens Statthalter im Zweistromland, distanzierte sich von der Entführung. Bis heute weiß man in Rom nicht genau, was die Geiselnehmer wollen. Geld, wird weithin angenommen, eventuell auch politische Zugeständnisse.

Nach der Ausstrahlung des Videos haben die Italiener Entgegenkommen signalisiert. Von kriegsverwundeten Kindern hatte Sgrena in ihrem Appell berichtet – prompt wurden Kinder aus dem italienischen Truppenstützpunkt Nassirijah zur Behandlung nach Rom ausgeflogen. Auch Fotos, die sie von verstümmelten Zivilisten gemacht hatte, erwähnte Sgrena – viele Zeitungen drucken sie jetzt immer wieder.

Ihren Lebensgefährten Pier Scolari hatte die Journalistin – möglicherweise auf Befehl ihrer Entführer – direkt angesprochen. Bald veröffentlichte „Il Manifesto“ auf der Titelseite Scolaris offenen Brief an Giuliana: „Ich weiß nicht, wer deine Entführer sind. Aber so fern sie uns auch sein mögen, sie sind Menschen und können zuhören. Und wenn sie anderes wollen – Geld, politische Zugeständnisse, was weiß ich – werden sie zu verhandeln wissen.“

Hinter den Worten der Verzweiflung ein klares Signal. Giuliana Sgrena ist nicht die erste entführte Italienerin im Irakkrieg. Im vergangenen Frühjahr wurden vier Bodyguards verschleppt, einer wurde ermordet, die anderen drei kamen frei. Im August kidnappten Fundamentalisten den Journalisten Enzo Baldoni und ermordeten ihn wenig später. Bis heute ist sein Leichnam verschollen. Im September wurden zwei italienische Aufbauhelferinnen entführt und nach Wochen freigelassen – angeblich gegen ein hohes Lösegeld.

Im Irak hat sich die Verschleppung von Menschen zum Business ausgewachsen, je bekannter das Opfer im Westen ist, je mehr Mitgefühl es erwecken kann, desto höher steigt der Preis. Giuliana Sgrena ist die 24. Journalistin, die seit Kriegsausbruch verschleppt wurde. Journalisten, die sich, anders als die amerikanischen Korrespondenten, ohne Leibwache abseits der Truppen bewegen, sind leichte Beute. Die Französin Florence Aubenas, Korrespondentin der Pariser Tageszeitung „Liberation“ ist bereits seit Januar in den Händen ihrer Kidnapper, am Dienstag kam das erste Lebenszeichen, ein Videoband. Die irakische Fernsehjournalistin Raida al Wasan wurde vor wenigen Tagen gemeinsam mit ihrer Tochter verschleppt. Das Mädchen ließen die Geiselnehmer laufen, die Mutter enthaupteten sie. Zwei indonesische Journalisten, die nach Giuliana Sgrenas Entführung gekidnappt wurden, sind inzwischen wieder frei, offiziell „ohne Konditionen“.

Das Außenministerium in Rom hat die letzten drei noch im Irak verbliebenen italienischen Journalisten zurückgerufen. Es gab offenbar konkrete Hinweise der Geheimdienste auf weitere geplante Entführungen. Einen Monat nach ihrer Entführung ist Giuliana Sgrena also die einzige italienische Korrespondentin im Irak. „Sie lebt, und es wird bald gute Nachrichten geben“, hat am Dienstag der irakische Innenminister versprochen. Bald – für ihre Angehörigen und Kollegen wieder eine neue Ewigkeit.

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