Zeitung Heute : Stimmen gegen die Stimmung Wahl in Sachsen Anhalt:

Der Tagesspiegel

Von Stephan-Andreas Casdorff

Bundesweit mit mehr als 20 Prozent im Durchschnitt die höchste Arbeitslosenquote, bundesweit die höchste Quote an Insolvenzen, die niedrigste an Unternehmensgründungen, die höchste an Abwanderungen – in Sachsen-Anhalt ist die Welt nicht in Ordnung. So schön die Magdeburger Börde ist, so gut das Bier, der Sekt, so sehr das Chemiedreieck jetzt glänzen mag, tiefschwarz sehen viele in diesem Land die Perspektiven. Sie haben sich darum abgewandt von der Politik, schon vor der Wahl: Eine Woche ist es her, da wusste ein Drittel der Wahlberechtigten nicht, dass sie stattfindet.

Unmut über den Mangel an Aufbruch im Land – ein Wort, das selbst CDU-Spitzenkandidat Wolfgang Böhmer vorsichtshalber meidet –, Missmut über die Lage im Bund, den SPD-Ministerpräsident Reinhard Höppner vorsichtshalber hat anklingen lassen, haben sich im Wahlkampf zu seltsamer Stimmung verbunden. Spätere Impulsivität bei der Stimmabgabe nicht ausgeschlossen. Acht Jahre hat Höppner regiert, ein „Magdeburger Modell“ propagiert, nun wird ihm die Rechnung präsentiert. Wo sich die SPD mit der PDS einlässt, kommt dieses Ergebnis heraus – das ist die eine Botschaft des Tages, die über das Land hinausweist. Die andere lautet: Dass dieses Land wegen der Vielzahl an Großkombinaten einen besonders schweren Start ins neue Deutschland gehabt habe, trägt zwölf Jahre nach der Einheit als Argument zur Entschuldigung nicht mehr. Besonders dann nicht mehr, wenn alle anderen Länder auf dem vormaligen DDR besser dastehen; wenn Sachsen, der CDU-regierte Nachbar, so viel glänzender wirkt.

Die Unzufriedenheit reicht tief in die Gesellschaft hinein. Dazu kommt ein Mittelstand, der sich über Bürokratie beklagt, über ein desorganisiertes Wirtschaftsministerium, über eine Regierung, der eine Veränderung zum Besseren nicht mehr zugetraut wird. Das Misstrauensvotum war längst öffentlich. Der Arbeitgeberpräsident und 50 Unternehmer hatten zur Abwahl Höppners aufgerufen.

Die Wahl als Abrechnung: Der Ministerpräsident lag in der Beliebtheit bei einstelligen Ergebnissen, die Auseinandersetzung mit der CDU war uninspiriert. Das Regieren in der schönen Börde als Bürde – da ist die Suche nach einem Strukturwandel zum Wunsch nach einem Regierungswechsel geworden. Die Ostdeutschen, erklärte Wolfgang Thierse vor dem Ostparteitag der SPD in Magdeburg, seien enttäuschbarer, hätten weniger Parteibindung, nähmen schneller übel, seien wechselbereiter. Auf Sachsen-Anhalt bezogen bedeutete das: Wer mehr Hoffnung als Höppner versprechen konnte, konnte sich auch mehr Stimmen versprechen. Böhmer kam da gerade recht, ohne Dünkel, aber mit Seriosität und einem Anflug von Humor. Die Stimmabgabe, vor allem die der Jungen, der Arbeiter und der Arbeitslosen, war die Auflehnung gegen eine triste Perspektive.

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