Zeitung Heute : Stimmengewirr im Internet

Wer im Internet unverschämt lügt, gegen Andersdenkende hetzt oder sonst Ärgerliches treibt, muß künftig mit öffentlichen Kommentaren auf seinen Web-Seiten rechnen: Mit Hilfe einer neuen Technik der kleinen kalifornischen Firma Third Voice in Redwood City wird Meinungsfreiheit im World Wide Web auch in der umgekehrten Richtung Wirklichkeit.

Wer das Browser-Zusatzprogramm von Third Voice ( www.thirdvoice.com ) einsetzt und sich beim Computer dieser Firma anmeldet, kann überall im Internet seine Anmerkungen hinterlassen. Diese werden auf dem Server von Third Voice gespeichert und sind dann automatisch für alle anderen Internet-Surfer sichtbar, die ebenfalls bei Third Voice registriert sind und deren Programm installiert haben. Die Kommentare tauchen als kleine rote Pfeile im Text einer Web-Seite auf. Ein Mausklick darauf öffnet ein Fenster, das wie ein kleiner gelber Klebezettel aussieht und den Kommentar mitsamt Namen und E-Mail-Adresse des Absenders enthält. Der Anbieter einer Homepage kann nicht verhindern, daß auf seinen Web-Seiten solche unerbetenen Kommentare auftauchen.

"Bloß nicht kaufen - dieses Produkt ist schrecklich!" heißt es da etwa in einem Kommentar zur Homepage eines Online-Anbieters. Natürlich kann man auch zu einer solchen Bemerkung weiter Stellung nehmen, so daß es zu intensiven Diskussionen ähnlich wie in einer Newsgroup kommen kann. Wenn zu einer Textstelle mehrere Kommentare abgegeben werden, erscheint dort ein besonderes Symbol dafür; ein Mausklick öffnet dann eine Liste mit zehn Anmerkungen, die der Reihe nach abgerufen werden können.

Die Möglichkeiten sind grenzenlos, wenn etwa Kapitalanleger auf problematische Entwicklungen in einer Firmenbilanz hinweisen, Anhänger der Naturmedizin den Thesen von Schulmedizinern widersprechen oder wenn Politikern auf ihrer Homepage die unerfüllten Versprechungen im Wahlkampf vorgehalten werden. "Third Voice schafft erstmals ein System der Gewaltenkontrolle im Internet", sagt Chris Shipley vom Technologie-Newsletter "DemoLetter". "Es gibt nun die Möglichkeit einer Kommunikation im Kontext, was erhebliche Auswirkungen hat."

Mitarbeiter von Third Voice sollen deshalb darauf achten, daß keine Beleidigungen oder rechtswidrige Kommentare gespeichert werden. Sie sollen auch Beschwerden entgegennehmen und prüfen. Zudem sind Kommentare nur von Einzelpersonen und nicht von Firmen möglich. "Wir werden es nicht zulassen, daß Chrysler auf die Web-Seite von Ford geht und dort eine Nachricht hinterläßt", sagt der Mitbegründer von Third Voice, Eng Siong Tan. Er räumt allerdings ein, daß es mit der Kontrolle schwierig werden könnte, wenn die Idee erst richtig populär wird - derzeit beschäftigt die im vergangenen Jahr von Tan und zwei weiteren Informatikern aus Singapur gegründete Firma 26 Angestellte.

Third Voice plant eine Hitliste der Web Sites mit den meisten Kommentaren. Dort soll es zur Finanzierung der ganzen Sache auch Werbung geben. Aber Gewinne seien ein zweitrangiges Ziel, versichert Tan. Third Voice wolle vor allem "einen kleinen Schritt zurück zur ursprünglichen Bedeutung" der Internet-Kommunikation leisten: "die freie, offene Meinungsäußerung für alle". Die Aussicht auf Werbeeinnahmen war aber wohl verheißungsvoll genug, um Third Voice ein Startkapital von mehr als 5,5 Millionen Dollar zu verschaffen.

Neben öffentlichen Kommentaren speichert Third Voice auch Anmerkungen, die der Nutzer als persönlich gekennzeichnet hat und deswegen nur von ihm selbst eingesehen werden können. .

Derzeit wird nur der Internet Explorer 4.0 unterstützt, eine Version für den Netscape Communicator 4.0 ist in Arbeit. Kritiker befürchten, daß mit Third Voice das ohnehin schon störende Grundrauschen im Netz noch lauter, das endlos flimmernde Stimmengewirr noch chaotischer wird. Aber dafür gibt es eine technische Lösung: Die Third-Voice-Software läßt sich einfach abstellen, so daß die Pfeile mit den Kommentaren nicht mehr auftauchen. Dann kehrt wieder Ruhe ein ins Netz.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar