Zeitung Heute : Stinkende Karten

Wie Tausende Chinesen ihr Glück in einer nordkoreanischen Spielhölle suchen

Harald Maass[Rason]

„Willkommen“, ruft der Hotelpage auf Chinesisch und verbeugt sich – willkommen im merkwürdigen Casino von Rason. Schon der Anstecker mit dem Konterfei des verstorbenen Diktators Kim Il Sung, den alle Nordkoreaner tragen müssen, wirkt seltsam an seiner Hoteluniform. Der Page ist umringt von chinesischen Hostessen in hoch geschlitzten Kleidern. Sie lächeln der eingetroffenen chinesischen Reisegruppe zu. Tausende Chinesen machen jährlich die Reise in die nordkoreanische Stadt Rason, denn Glücksspiel ist fast überall in der Volksrepublik verboten. Es ist eine Reise in ein hungerndes Land.

Das Emperor, vor vier Jahren von einer Hongkonger Investmentfirma in eine Sandbucht gebaut, ist einzigartig in Nordkorea – ein Flecken im letzten streng sozialistischen Staat der Erde. In der Hotellobby stehen Marmorsäulen und künstliche Palmen. Durch ein riesiges Panoramafenster blicken die Hotelgäste auf das Meer. Nordkoreaner servieren Hamburger und Coca-Cola.

Frau Pak ist unsere koreanische Aufpasserin. Im Kontrollhaus am Grenzübergang hatte sie plötzlich unangekündigt vor uns gestanden, und seitdem lässt sie uns keinen Moment mehr aus dem Auge. Offiziell sind wir als Touristen im Land. Die 150 luxuriösen Zimmer des Emperor sind nur für Chinesen und Ausländer mit harter Währung gedacht. Nordkoreaner dürfen, mit Ausnahme der Angestellten, das Hotel nicht betreten. Pjöngjangs Regime will den Kontakt seiner Bürger mit der Außenwelt verhindern. Die Angst mag nicht ganz unbegründet sein. „Ich würde gerne Englisch lernen und mit einem Computer arbeiten können“, sagt Kim, 22 Jahre alt, eine von 220 nordkoreanischen Angestellten. Chinesisch hat sie sich selbst beigebracht, aber nach China darf Kim nicht reisen. Auch das chinesische und japanische Satellitenfernsehen in den Hotelzimmern ist für sie tabu. Nordkoreaner dürfen nur einen Propagandasender sehen, der die Heldentaten des „Geliebten Führers“ Kim Jong Il preist.

Das Emperor ist auch das einzige Hotel im Land mit einem Pornokanal, und die Hotelsauna wirbt: „Unsere erfahrenen Masseusen werden sicherstellen, dass sich jeder Zentimeter ihres Körpers entspannt.“ Nachts sitzen Chinesinnen, die Gesichter stark geschminkt, in der Karaoke-Bar und lächeln den Männern zu.

Das Kasino ist rund um die Uhr geöffnet. Schon am Nachmittag ist die Hälfte der Tische besetzt. An den meisten wird Baccara und Blackjack gespielt. „Choi pai!“, ruft Herr Wang und wirft verärgert seine Karten auf den Spieltisch – „stinkende Karten!“ Wang kommt ebenfalls aus Nordchina und will hier zwei Tage lang nur spielen. Aber schon jetzt liegt er mit 300 Dollar im Minus.

Das Emperor verdankt seine Existenz dem verstorbenen Diktator Kim Il Sung und den Vereinten Nationen. Drei Jahre vor seinem Tod 1994 hatte der „große Führer“ und Vater des heutigen Diktators in den Städten Rajin und Sonbong eine Sonderwirtschaftszone ausgerufen. In der Hoffnung, dass Nordkorea den chinesischen Weg der Wirtschaftsreformen einschlagen könnte, entwarf das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen Pläne für einen Handelsfreiraum zwischen Nordkorea, China und Russland. Pjöngjangs Regime erklärte das Gebiet zur „Rajin-Sonbong-Freihandelszone“ und lud Investoren ein. Doch einzig die Hongkonger Emperor Group, eine in vielen Branchen tätige Finanzfirma, wagte mit dem Kasinohotel eine große Investition. Drahtzieher des Geschäfts ist Albert Yeung, einer der mächtigsten Tycoons von Hongkong. Yeung war im vergangenen Jahr wegen Korruptionsvorwürfen kurzzeitig in Haft.

Stadtrundfahrt am frühen Abend. Frau Pak besteht darauf, dass wir mit ihrem Bus fahren. In vielen Plattenbauten brennt kein Licht. Nur wenige Autos sind zu sehen, dafür ärmlich gekleidete Nordkoreaner. Unser erster Stopp ist der Buchladen für Auslandssprachen: In verstaubten Vitrinen liegen die Werke der beiden Kim-Diktatoren. Immerhin erlaubt Frau Pak den Besuch des Marktes: Auf kleinen Decken auf dem Erdboden verkaufen alte Frauen Gemüse. Im Vergleich zum Großteil des Landes, wo die Nordkoreaner Hunger leiden, ist die Versorgung in Rason noch gut.

Im Kasino herrscht mittlerweile Hochbetrieb. Seit Stunden sitzen die chinesischen Gäste an den Spieltischen, rauchen und fluchen. Am Eingang zum Kasino kommt es kurz zu Handgreiflichkeiten, als zwei Nordkoreaner versuchen, heimlich hineinzukommen. „Dieses Land ist verrückt. Die sind noch immer in der Kulturrevolution“, sagt ein chinesischer Geschäftsmann.

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