Zeitung Heute : Stipendium: "Viel intensiver und irgendwie euphorischer"

Ljiljana Nikolic

Franziska Matthäus, Ralf Steinhauser und Jan Kretzschmar studieren zurzeit in den USA und in Polen. Dabei werden sie von "ihrer" Universität in Deutschland unterstützt. Erstmalig hat die Hochschule in diesem Jahr das Humboldt-Universitäts-Stipendium für besonders begabte Studierende verliehen, um ihnen das Studium im Ausland finanziell zu erleichtern.

Das gehört zur neuen Internationalisierungsstrategie der Hochschule. Besonders die Studenten sollen Erfahrungen im Ausland sammeln, kennenlernen, wie dort geforscht wird und sich so den internationalen Standards in der Wissenschaft annähern. Zehn Monate lang erhalten die Ausgezeichneten dafür nun eine Unterstützung von 2000 bzw. 1000 Mark (zwei der ausgewählten Studenten teilen sich ein Stipendium) im Monat und einen Reisekostenzuschuss.

Mit weiteren vier Humboldt-Stipendien werden ausländische Studenten bei einem Aufenthalt an der Humboldt-Universität unterstützt. Diese Stipendien fördert die Siemens AG. Die ersten Stipendiaten werden in diesem Semester beginnen.

Die Vizepräsidentin für Internationales und Öffentlichkeitsarbeit der Humboldt-Universität, Anne-Barbara Ischinger schätzt Auslandserfahrungen hoch ein. Mindestens ein Semester, besser ein Jahr, soll das Auslandsstudium dauern. Die meisten bringen eine ganz neue Sicht der Dinge mit zurück. Mit dem Perspektivenwechsel entwickeln sich dann differenziertere Sichtweisen und neue Ansätze zu Problemlösungen.

Franziska Matthäus ist Promotionsstudentin der Biophysik und zurzeit an der Universität Warschau. "Ich war schon vor Beginn des Studienaufenthaltes oft hier und kannte das Interdisziplinäre Zentrum für Modellierung (ICM) bereits. Die Forschungsgebiete haben mir gefallen", berichtet die Doktorandin. Modellierung in vielen Bereichen, von Molekularbiologie bis Meteorologie - Themen, mit denen sie sich auch im Rahmen ihres Studiums beschäftigt hatte, gehören dazu. Das ICM ist mit dem Stefan Banach International Mathematical Centre, einem "Centre of Excellence" der Europäischen Union, assoziiert. "Mir war also klar, dass es einerseits eine Herausforderung sein würde, andererseits aber auch eine Chance, viel Neues zu lernen", berichtet Franziska Matthäus.

Zurzeit verbringen etwa 15 Prozent der Humboldt-Studenten einen Teil ihres Studiums im Ausland. Eine Zahl, die die Universität stablisieren und ausbauen will. So viele Studierende wie möglich sollen die Chance bekommen, einen qualifizierten Auslandsaufenthalt zu absolvieren. Davon sollen ihnen möglichst viele Studienleistungen für ihr weiteres Studium anerkannt werden.

In den Plänen der Universität geht es aber auch darum, den ausländischen Studierenden an der Humboldt-Universität eine hervorragende Betreuung angedeihen zu lassen. Eine schnelle Integration in das deutsche Hochschulsystem und fachliche Unterstützung durch besondere Beratungsangebote, Vertrauensdozenten und Tutorien innerhalb der Fakultäten beziehungsweise Institute gehören dazu.

Das Augenmerk der Universität gilt besonders Studierenden, die das gesamte Studium hier absolvieren, und die nach Studienende durch das geplante Alumni-Netzwerk weiterhin mit ihrer Universität in Kontakt bleiben sollen. Eine wichtige Institution zur Integration internationaler Studierender ist der internationale Club ORBIS HUMBOLDTIANUS, wo sich zahlreiche Aktivitäten konzentrieren, damit deutsche und ausländische Studenten zusammenfinden. Ein vielfältiges Angebot von kulturellen und informativen Veranstaltungen, der im ORBIS etablierte Visa-Service gehört dazu, fördert die Integration.

Wie wichtig gute Organisation gerade in der Anfangsphase ist, davon kann der HU-Stipendiat Jan Kretschmar mittlerweile aus Erfahrung berichten. Er studiert bis zum Mai 2002 an der University of Illinois of Urbana Champaign, in einer Kleinstadt in der Nähe von Chicago. "Die ersten paar Tage bestehen hier vor allem aus Besuchen in diversen Büros, wo man seinen Reisepass und sonstige Dokumente vorzeigen, seinen Studentenausweis und die Sozialversicherungsnummer beantragen und seine Impfungen überprüfen lassen muss", berichtet der HU-Stipendiat. Eine Menge Bürokratie, aber "nicht wirklich dramatisch".

"Die Amerikaner sind meistens sehr nett und hilfsbereit." Es gibt ein zentrales Koordinierungsbüro, Einführungsveranstaltungen, umfangreiche Merkzettel undviele "Handbücher" über das Verhalten im Wohnheim bis zum Umgang mit dem "Kulturschock", die einem den Einstieg erleichtern. Grundsätzlich überwiegen ohnehin die Gemeinsamkeiten westeuropäischer und nordamerikanischer Lebensweise, meint der Student. "In der Forschung wird in Amerika auch nur mit Wasser gekocht."

Nach dem zweisemestrigen Aufenthalt in den USA will Kretzschmar sein Diplom in Angriff nehmen und arbeitet jetzt schon daran. "Ich werde wohl etwas im Bereich experimentelle Teilchenphysik machen. Ich besuche hier die Pflichtvorlesungen für dieses Fachgebiet und auch mein kleines Projekt mit einem Professor ist in einer solchen Arbeitsgruppe angesiedelt."

Franziska Matthäus hat vor allem mit der Sprache zu kämpfen. "Es ist anstrengend und manchmal frustrierend, oft nachfragen zu müssen und auch nicht einfach drauflos reden zu können." Daran kann sie sich überhaupt nicht gewöhnen.

Ralf Steinhauser, Student des HU-Masterstudiengangs Economics and Management Science und der dritte im Bunde der HU-Stipendiaten, wundert sich über Arbeitsaufwand und Stil. "Hier hat man die Möglichkeit, aus einer Menge hochgradiger Kurse seine Auswahl zu treffen, obwohl der Status, den wir als offizielle Undergraduate-Studenten haben, doch ein wenig eingeschränkt ist", berichtet der Student von der Berkeley University of California. Gerade die interessanten Sachen seien im Graduate-Bereich angesiedelt. Zu tun gibt es aber trotzdem viel. Für vier Kurse im Semester müssten pro Woche und Kurs oft Bücher mit über 300 Seiten gelesen werden. "Auch die Lehrmethoden sind hier völlig anders, als man sie von zu Hause kennt. Man wird viel intensiver einbezogen und alles ist irgendwie euphorischer." Obwohl es den Studenten vor allem um das fachliche Weiterkommen geht, möchten sie mittlerweile auch die neue Atmosphäre nicht missen. "Ich möchte weder auf das Erfahren der anderen Lebensart noch auf die neuen internationalen Freunde verzichten", meint Jan Kretzschmar.

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