Zeitung Heute : Störender Fall

Harald Schumann

Im Streit um das Atomkraftwerk Brunsbüttel ist am Montag die Frist abgelaufen, die Umweltminister Gabriel dem Betreiber Vattenfall gesetzt hatte, um Sicherheitsbedenken auszuräumen. Warum gilt dieses AKW als besonders unsicher?


Der Anlass für Gabriels Vorstoß ergab sich bei einer Sitzung der Reaktorsicherheitskommission (RSK) am vergangenen Donnerstag. Dort gestand ein leitender Ingenieur des Betreiberunternehmens Vattenfall, dass entgegen den bisherigen Versprechungen der Konzernleitung das Notstromsystem in Brunsbüttel möglicherweise doch eine ähnliche Schwachstelle aufweist wie der Block 1 des AKW im schwedischen Forsmark.

Dieser war im Juli nur durch Zufall einem Super-GAU entgangen, als zwei der vier Notstromdiesel nach einem Kurzschluss im Netz ihren Dienst versagten. Wären auch die beiden anderen Maschinen ausgefallen, wäre eine Kernschmelze unvermeidlich gewesen. Warum der ungeplante Stromschlag im System nicht alle vier Generatoren lahmlegte, ist bis heute ungeklärt. Denn die Ursache waren falsch geschaltete sogenannte Wechselrichter, die den Gleichstrom aus Batterien in Wechselstrom verwandeln, der für das Anfahren der Notstromversorgung benötigt wird. Diese Geräte waren bei allen vier Generatoren die gleichen. Zwei fielen aus, zwei nicht.

In Brunsbüttel, so stellte sich nun heraus, werden anders als in allen anderen deutschen Kernkraftwerken auch Wechselrichter benötigt, um im Notfall die Dieselgeneratoren ans interne Netz zu schalten. Den Ausfall eines der Geräte, so heißt es bei der Kieler Aufsichtsbehörde, könne das System verkraften, mehr nicht. Zwar gilt es für die Brunsbütteler Anlage als ausgeschlossen, dass wie in Forsmark eine kurzfristige Überspannung die Wechselrichter unbrauchbar macht. Aber es könnte ja auch andere Fehlerquellen geben. Darum habe sein Ministerium im Einvernehmen mit Minister Gabriel von Vattenfall den Nachweis gefordert, dass nicht mehrere Wechselrichter durch die selbe Ursache, etwa einen Brand, beschädigt werden könnten, sagt Chefaufseher Wolfgang Cloosters. Nach Angaben des Unternehmens soll dieser Nachweis mittlerweile erbracht sein. „Ein gleichzeitiger Ausfall der Wechselrichter ist in Brunsbüttel, anders als in Forsmark, ausgeschlossen“, versicherte Geschäftsführer Bruno Thomauske.

Doch die Glaubwürdigkeit solcher Versprechen steht mittlerweile in Frage. Offenbar kennen die Betriebsingenieure in Brunsbüttel ihre eigene, schon über 30 Jahre alte Anlage nicht genau. Anders ist kaum zu erklären, dass die Betriebsgesellschaft noch am 8. August in einem Schreiben an die Aufsichtsbehörde behauptet hatte „die Stromversorgung für Start, Regelung und Steuerung der Notstromdiesel erfolgt direkt von batteriegestützten Gleichstromschienen“. Demnach hätten Wechselrichter gar keine Bedeutung im Notstromfall. Doch das ist offensichtlich falsch. Ein Sprecher erklärte, die Aussage stimme gleichwohl, weil es noch eine Notstandswarte mit weiteren Generatoren ohne Wechselrichter gebe.

Vor diesem Hintergrund sei es schon „sehr problematisch, dass 30 Jahre lang überhaupt niemand die Frage nach der Sicherheit der Wechselrichter gestellt hat“, sagt Michael Sailer, Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit beim Öko-Institut und Mitglied der RSK.

Der Vorgang bestätigt zugleich die Befürchtung, dass Altanlagen aus der Frühzeit der deutschen Reaktortechnik ein besonders hohes Sicherheitsrisiko bergen. Dabei fiel besonders der Reaktor in Brunsbüttel schon mehrfach durch spektakuläre Störfälle auf. Schon 1978 entwichen zwei Tonnen radioaktiven Dampfes in die Atmosphäre. 1983 mussten zwölf Kilometer Rohrleitungen ausgetauscht werden. 1992 kam heraus, dass in den Hauptrohren erneut 61 Risse entstanden waren. Im Dezember 2001 kam es dicht beim Reaktorbehälter zu einer Knallgasexplosion, die nur durch Glück keine Katastrophe auslöste. Insgesamt musste die Anlage sechseinhalb Jahre ungeplant stillgelegt werden, ein deutscher Rekord.

Vor zwei Wochen schließlich deckte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auf, dass die RSK bereits 2003 die Notstromversorgung als veraltet kritisiert hatte und sie „nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik“ entspricht. Doch die Verhandlungen mit der Behörde über mögliche Nachrüstungen ziehen sich seit nunmehr drei Jahren hin. Hintergrund ist nach Meinung von Insidern der Atomausstieg. Bleibt es beim vereinbarten Plan, dann bleiben dem AKW Brunsbüttel nur noch drei Jahre Betriebszeit – für Vattenfall wohl zu wenig, um in millionenschwere Nachrüstung zu investieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar