Zeitung Heute : Störenfriede für den Frieden

„Je länger du hier arbeitest, umso schlechter schläfst du“: Die Wiener Atombehörde, Mutterhaus der Inspekteure

Paul Kreiner[Wien]

Unwienerischer als hier könnte Wien kaum sein. Man muss hinaus aus den engen Gassen der Altstadt, allen staubgrauen Barock und Pseudobarock hinter sich lassen, mit der U-Bahn genau zwischen Prater und Heurigenfallen hindurchpeilen, die Donau überschreiten, dann landet man auf freiem Feld, unter den kahlen Betonhochhäusern der UN-City. In deren „B-Tower“ sitzt im neunten Stock David Kinley, schaut hinaus auf die breite, gleißende Donau, auf die sonnengrelle Ebene, und sagt: „Je länger du hier arbeitest, umso schlechter schläfst du.“

Erst vor ein paar Tagen, erzählt der Amerikaner, der hier bei der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO arbeitet, sei wieder so etwas passiert. „Anruf aus Nigeria, zwei starke atomare Strahlungsquellen gestohlen. Ob wir von Wien aus helfen können?“ Kinley hat sich gleich erinnert an den schrecklichen Fall in Brasilien, 1987, wo Kinder plötzlich mit einem nie zuvor gesehenen, fantastisch blau funkelnden Metallpulver spielten und es sich auf Haut und T-Shirts strichen. Cäsium 137 aus einer Krebsklinik, niemand kannte es. Es gab Tote und grauenvoll Verletzte. Und in Nigeria? „Viel tun können wir nicht. Ein weites, ein chaotisches Land. Zwei Experten schicken wir hin, die bei der Suche helfen.“

Für März hat die IAEO eine internationale Konferenz einberufen, die sich mit dem weltweit akuten Problem der „verlorenen Strahlungsquellen“ befasst. „Das jagt einem schon Schrecken ein“, sagt Kinley. „Nahezu jedes Land der Erde nützt strahlendes Material. Aber kein einziges Land kann es optimal schützen.“ Selbst in den USA, die so erpicht darauf sind, in „Schurkenstaaten“ jedes Milligramm Uran zu entdecken, sind „seit 1996 die Spuren von 1500 Strahlungsquellen verloren“ gegangen.

David Kinley schiebt eine Videokassette in den Recorder. Eine Dokumentation der BBC, zusammen mit der IAEOA erstellt. Mlodramatisch inszeniert. Nächtlicher Wald in Georgien. Fahles Mondlicht. Kanister mit stark strahlendem Strontium unter raschelndem Laub. Zum Befeuern zahlloser Kleingeneratoren und von Leuchttürmen, zum Bestrahlen des Saatguts hat die alte Sowjetunion atomares Material eingesetzt, und mit düsterer Stimme sagt der Fernsehsprecher: „Heute ist ganz Russland übersät mit vergessenem Cäsium.“ Wie viel „schmutzige Bomben“ irgendwelche Terroristen wohl daraus herstellen könnten?

2200 Menschen arbeiten in der IAEO; 134 Staaten gehören der UN-Behörde mittlerweile an. Das Budget von 240 Millionen Dollar jährlich, hauptsächlich bestritten von den USA, Japan und Westeuropa, ist seit 15 Jahren nicht mehr aufgestockt worden, Atomfragen standen nach dem Wirbel um Tschernobyl wieder fernab der Aufmerksamkeit. „Ist schon erstaunlich. Kein Journalist hat uns in den 90er Jahren besucht. Und jetzt auf einmal, diese politischen Verwicklungen…“ Die Namen der Verwickler spricht Kinley gar nicht erst aus. Aber dass er den Irak meint und Nordkorea, ist klar. Inspekteure der IAEO suchen – zusammen mit ihren fürs Biologische und Chemische zuständigen Kollegen der Vereinten Nationen – nach atomaren Waffen im Wüstensand. Der ägyptische IAEO-Chef Mohammed al Baradei und sein in die Dienste des Weltsicherheitsrats gewechselter schwedischer Vorgänger Hans Blix sind in allen Schlagzeilen. Aber „hier bei uns im Haus“, hat Kinley schon vorab mitgeteilt, „werden Sie zu diesen Themen kein einziges Interview kriegen. Politisch ist das viel zu heikel.“

Dafür zeigt er umso lieber das eher verborgene Alltagsleben der Atombehörde. Kinley führt uns – in den geschwungenen Hochhäusern der Wiener UN-City, die keinen rechten Winkel kennen, ist es mit der Orientierung ja so eine Sache – in das winzige Büro von Christopher E. Gazze. Dessen Abteilung verschlingt nahezu die Hälfte des IAEO-Budgets. Gazze ist einer von 250 Technikern, Ingenieuren, Physikern, Chemikern, Computerspezialisten, die weltweit nachsehen, ob sich die Staaten an die Bestimmungen des Atomwaffensperrvertrags halten. „Die Welt soll sicher sein, dass Nuklearmaterial nur zu klar erklärten, friedlichen Zwecken verwendet wird.“ So sagt es Gazze, und so steht es auch in der Satzung der 1957 gegründeten IAEO.

Gut 100 Tage im Jahr sind Inspekteure wie Gazze unterwegs, fragen, messen, nehmen Proben, „schauen nach, ob alles spaltbare Material vorhanden ist, das diese Staaten deklariert haben und ob sie alles deklariert haben, was sie besitzen“. 2487 solcher Kontrollen verzeichnet der IAEO-Tätigkeitsbericht für das Jahr 2001. Wie Finanzprüfer fühlen sich die selbst in „ordentlichen“ Staaten durchaus als betriebsstörend angesehenen Inspekteure. Unangekündigt dürfen sie auch erst seit ein paar Jahren auftauchen, und nur 28 Unterzeichnerstaaten haben bisher jenes Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag ratifiziert, das es den Inspekteuren erlaubt, auch abseits der offiziell bei der IAEO gemeldeten Anlagen und über das offiziell deklarierte Uran oder Plutonium hinaus zu suchen und zu messen.

Dass die IAEO eine Atomlobby sei, wie es Kernkraftgegner behaupten, das findet David Kinley „einfach falsch“. Natürlich schreibt die Satzung vor, dass die UN-Behörde „weltweit den Beitrag der Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand mehren und beschleunigen“ soll. Aber das, sagt Kinley, „war ja auch eine andere Zeit“. Vor Tschernobyl galt die zukunftsgläubig betrachtete Atomenergie als aktiver Beitrag zur Entwicklungshilfe. Der Idee ist man in Wien bis heute treu geblieben – aber auf ganz neue Art und Weise. Kinley schleppt Stapel bunter Hochglanzprospekte heran, die das erklären sollen: Mit radioaktiver Bestrahlung von Tsetse-Fliegen wird zum Beispiel die Schlafkrankheit in Afrika ausgerottet, entvölkerte Gebiete können so wieder besiedelt werden; mit radioaktiver Bestrahlung werden Reissorten verändert und zu weitaus höherem Ertrag gebracht – die IAEO betreibt ein eigenes Forschungslabor in der Nähe von Wien. Oder sie etabliert Strahlentherapie in Ländern der Dritten Welt, die sich das sonst nicht leisten können.

Die IAEO, das ist, sagt David Kinley, zusammen mit der großen UN-City ein Dorf für sich. Und auch ein globalisiertes Dorf abseits der Wiener Gesellschaft. Man bleibt unter sich, viele Kontakte zu Einheimischen hat Kinley nicht. „Wozu auch?“, fragt er, „es gibt in der Hochhauswelt ja alles, was der Mensch so braucht. Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, soziale Kontakte, eine gemeinsame, die englische, Sprache. Sogar einen eigenen IAEO-Skiclub. Der fährt zum Kitzsteinhorn, nach Bad Aussee, nach Flachau. So ganz ohne österreichische Bodenhaftung geht es eben doch nicht.

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