Störfälle in Krümmel : Atompannen – Gabriel fordert Kurswechsel der Union

Der Streit um die Laufzeiten und den Umgang mit Atomkraftwerken geht weiter. Nach dem neuerlichen Störfall im Kernkraftwerk Krümmel hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die Union zur Umkehr in der Atompolitik aufgerufen.

Stephan Haselberger[Berlin] Dieter Hanisch[Hamburg]

„Ich fordere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Karl- Theodor zu Guttenberg im Interesse der Sicherheit der Bürger auf, ihren Kurs aufzugeben. Die jüngsten Vorfälle in Krümmel beweisen, dass eine Laufzeitverlängerung für ältere Kraftwerke nicht zu verantworten ist“, sagte Gabriel (SDP) dem Tagesspiegel.

Das Atomkraftwerk Krümmel im schleswig-holsteinischen Geesthacht musste am Samstag zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage vom Netz genommen werden. Der Reaktor bei Hamburg gilt als einer der störanfälligsten in Deutschland. Im Sommer 2007 war die Anlage nach dem Brand eines Transformators für zwei Jahre stillgelegt und erst vor knapp zwei Wochen wieder hochgefahren worden.

Nach Angaben des Betreibers Vattenfall geht auch der jüngste Störfall auf einen Schaden an einem Transformator zurück. Mit dem Gerät wird der erzeugte Strom des Kraftwerks ins Netz eingespeist. Vattenfall-Geschäftsführer Ernst Michael Züfle sprach von einem „Kurzschluss“ und kündigte eine gründliche Untersuchung an.

Schleswig–Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die für die Atomaufsicht des Landes zuständig ist, forderte Vattenfall zu weitreichenden Konsequenzen auf. „Die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus.“ Künftig müssten Bauteile im Zweifelsfall komplett erneuert anstatt nur repariert werden.

Umweltminister Gabriel kündigte an, er werde „über die Atomaufsicht des Bundes prüfen lassen, ob es in anderen deutschen Kraftwerken ähnliche Probleme mit der Elektronik gibt“. Zugleich appellierte er an die Kraftwerksbetreiber, „die ältesten und problematischsten Reaktoren abzuschalten“ und deren Stromkontingente auf modernere Anlagen zu übertragen. Vattenfall will das AKW Krümmel nach den Worten von Geschäftsführer Züfle aber erst in acht bis neun Jahren endgültig vom Netz nehmen.

Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast sprach Vattenfall die Eignung ab, Atomkraftwerke zu betreiben. Dies würden die „ewigen Pannen“ im Kraftwerk Krümmel beweisen, sagte sie dem Tagesspiegel. „Es zeugt von gefährlichem Dilettantismus, dass Vattenfall das AKW in nur zwei Wochen zweimal vom Netz nehmen muss.“ Bei der Bundestagswahl werde auch über die Zukunft der Kernenergie entschieden, sagte Künast. „Wer will, dass alte Schrottreaktoren wie Krümmel abgeschaltet werden, muss mit uns gegen eine schwarz-gelbe Koalition im Bund kämpfen.“

Anders als SPD und Grüne, die auf dem Atomausstieg beharren, wollen Union und FDP den Energiekonzernen längere Laufzeiten für ihre Kernkraftwerke zugestehen. Kanzlerin Merkel (CDU) hatte dies vergangene Woche auf einer Tagung des Deutschen Atomforums, des Branchenverbands der Atomindustrie, noch einmal bekräftigt. Sie halte die Kernenergie derzeit für unverzichtbar. Wirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU) sagte am Wochenende, sichere Anlagen müssten nicht unbedingt wie geplant vom Netz gehen.

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