Zeitung Heute : Stolperstein auf dem Weg des Lebens

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Von Gemma Pörzgen, Sarajewo

Ramiza hat nichts vergessen. Sie sitzt an der Information des neuen Einkaufszentrums „Mercatore“, eines riesigen Baus aus verspiegeltem Glas. Wie alle Angestellten hier, trägt die Muslimin eine rote Uniform. Freundlich gibt sie Auskünfte, packt für eine Kundin die gekaufte Barbiepuppe ein. Draußen vor der Tür steht ein Straßenschild. Weg des Lebens steht darauf.

Inmitten des Kaufhaustrubels zeichnet Ramiza eine Skizze, die genau zeigt, von welchem Hügel die Scharfschützen auf die tief im Tal liegende Stadt zielten. Ramiza war den ganzen Krieg über in Sarajewo, als die bosnische Hauptstadt beschossen und belagert wurde. Auf der vierspurigen, parallel laufenden Hauptstraße der Stadt, die jeder damals Scharfschützen-Allee nannte, war niemand seines Lebens sicher. Deshalb wichen alle auf den Weg des Lebens aus.

Die Menschen nannten die Straße so, weil sie nur auf diesem etwa drei Kilometer langen Weg vom Kugelhagel geschützt aus den Neubauvierteln ins Zentrum von Sarajewo gelangten. Wie kaum ein anderer Ort in dieser Stadt kann man an dieser Straße die Widersprüche bosnischer Normalität beobachten. Auf der einen Seite der Konsumtempel, gegenüber ein schmutziger, kleiner Markt, nur wenige Meter weiter völlig zerschossene Fassaden, als wäre der Krieg erst gestern zu Ende gegangen. „Damals war eine Zwiebel schon ein Ereignis“, sagt eine von Ramizas Kundinnen, „fünf Mark haben wir für ein Ei bezahlt.“ Heute ist im „Mercatore“ alles zu haben. Neue Zeit in Sarajewo.

„Alle Häuser haben wieder heile Fensterscheiben, und viele Gebäude wurden renoviert“, sagt Ramiza. „Schauen Sie sich um, es ist eine ganz andere Stadt.“ Die dunkelhaarige Mittvierzigerin ist zufrieden, hat einen guten Arbeitsplatz, und die Familie hat überlebt. Das ist weit mehr, als sie einst vom Leben in dieser Stadt erwarten konnte.

In Sarajewo kann man dieser Tage die heitere Sommerstimmung spüren. Die Cafés in der Fußgängerzone Ferhadija sind voll. Eine Gruppe älterer Männer spielt auf dem Boden Schach mit großen Figuren. Bewaffnete Soldaten der internationalen Friedenstruppe und Panzer, die das Bild der Nachkriegszeit prägten, sieht man hier nicht mehr. Sarajewo ist wieder die Stadt der Moscheen, Kirchen und Synagogen, sie vermittelt dem Besucher das lebendige Flair einer wiedererwachten Balkan-Stadt mitten in Europa.

Die bosnische Politik hat sich schon halb in den Sommerurlaub verabschiedet. Die drei Präsidenten des Landes sind mit ihren Ehefrauen zum Staatsbesuch in die Türkei gereist. Da sehen die meisten Bosnier den Streit im fernen New York, der die Verlängerung des UN-Mandats für Bosnien in Frage stellt, eher gelassen. „Es wäre schade, wenn die Amerikaner gehen“, sagt Ramiza. Aber es ist nicht ganz einfach zu verstehen, worum es da eigentlich geht. Die USA fordern Straffreiheit für ihre Bürger vor dem Internationalen Gerichtshof und blockieren deswegen die Verlängerung des UN-Mandats. Am 15. Juli läuft es aus. Viel interessanter für die meisten Bosnier ist da die Nachricht dieser Tage, dass Volkswagen in Bosnien wieder den populären VW-Golf bauen wird.

Fahrudin Djapo, Chefredakteur der größten Zeitung des Landes „Dnevni Avas“, sitzt in seinem Büro in einem luxuriösen Glashaus an der früheren Scharfschützen-Allee. Das Zimmer ist modern eingerichtet und im obersten Stockwerk des Gebäudes gibt es sogar ein Schwimmbad. „Wir haben mit Europa schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Djapo. „Sie haben Srebrenica zugelassen, und das haben die Leute im Kopf.“ Deshalb sei vor allem Colin Powells Versprechen wichtig , dass die USA als Stabilitätsfaktor für Bosnien erhalten bleiben. Erst das Eingreifen der USA und das Dayton-Abkommen haben 1996 Frieden gebracht. Auf Europa warte nun die wichtige Aufgabe, Bosnien und die ganze Region stärker zu integrieren.

Und die UNMIB-Mission ist auch für Europa wichtig. Denn mit ihrer Hilfe wird die multiethnische Grenzpolizei Bosnien-Herzegowinas aufgebaut. Das Projekt ist erst zu 80 Prozent abgeschlossen. „Einige der Grenzen, vor allem nach Kroatien, sind noch nicht abgedeckt“, sagt Missionssprecherin Kerstin Haupt. Die Polizei habe bereits dazu beigetragen, die illegale Einwanderung über Bosnien nach Westeuropa sowie den Drogen- und Menschenhandel einzudämmen.

„Es könnte keinen schlechteren Zeitpunkt geben“, schimpft Mark Wheeler über die Politik der US-Regierung. Wheeler ist Direktor des Bosnien-Büros der International Crisis Group, einer angesehenen Organisation, die Entscheidungsträgern weltweit mit ihren Berichten Empfehlungen an die Hand gibt. Die Übergabe der UN-Mission an die Europäer werde im Januar schon schwierig genug, sagt Wheeler. Nun besteht seiner Meinung nach die Gefahr, dass die EU frühzeitig nur auf dem Papier übernimmt, die Arbeit aber nicht ausfüllen kann. Das gefährde die Stabilität Bosniens.

Wheeler war schon während des Krieges oft in Sarajewo. „Die Leute hier erwarten viel“, sagt er. Es reiche nicht aus, dass in den Straßen nicht mehr geschossen werde. „Die Menschen wollen Jobs, Reisefreiheit und den Wohlstand der alten jugoslawischen Zeit.“ Da bestehe das große Risiko, die Bosnier zu enttäuschen, wenn sich beispielsweise der versprochene EU-Beitritt eines Tages als leeres Versprechen erweist.

Auf dem Weg des Lebens kann man dieser Tage auch Menschen treffen, die nicht mehr wissen, warum die Straße diesen n trägt. Da ist zum Beispiel die 18 Jahre alte Igbala , die vor allem Eines weiß: dass sie aus dieser Stadt und aus diesem Land weg will. „Das ist doch alles nur Schminke“, sagt sie und zeigt auf das Einkaufszentrum „Mercatore“. „Die Leute hier in Sarajewo sind zwar gut angezogen und fahren neue Autos. Aber das vermittelt einen ganz falschen Eindruck.“ Fast alle Leute im Bekanntenkreis ihrer Eltern sind ohne Job. Igbala träumt davon, nächstes Jahr nach Abschluss der Schule Jura zu studieren. „Und dann will ich möglichst ganz weit weg.“ Am besten bis nach Australien.

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