Zeitung Heute : Stolz auf den Kiez

Wider die neue Spaltung der Stadt

Armin Lehmann

Die eine Teilung hat die Stadt überwunden, aber in den vergangenen Jahren hat sich eine neue entwickelt: die soziale Spaltung. Die zwischen Arm und Reich. Manche, die etwas bewegen wollen in der Stadt, nennen es deshalb die größte Herausforderung, die Vision der „Sozialen Stadt“ zu verwirklichen. „Sie ist unsere einzige Alternative“, sagt Philipp Mühlberg von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Soziale Stadt, was soll das sein? 1990 dachte man, Berlin werde bald eine Mega-City. Heute aber leben 40 000 Menschen weniger hier als im Jahr der Einheit, es gibt 100 000 Erwerbstätige weniger als vor zehn Jahren. Eine Folge: Ein entspannter Wohnungsmarkt veranlasste zwei Millionen Menschen, innerhalb der Stadt umzuziehen. Doch Urbanisten wissen: Je entspannter der Wohnungsmarkt, desto gespannter die soziale Lage in einzelnen Stadtteilen. Weg ziehen nur diejenigen, die es sich leisten können. Zurück bleiben meist Migranten, Arbeitslose, Arme. Die soziale Ausgrenzung wächst, Verhaltensarmut nimmt zu, Barrieren des Anstands fallen, Kriminalität steigt. Innensenator Körting sagt, die „Gefahr wächst, dass einzelne Stadtteile in die Ghettoisierung kippen“. Was also tun?

„Hineingehen in die Orte“, antwortetPhilipp Mühlberg. Er weiß, wovon er spricht. Seit Jahren begleitet Berlin das bundesweite Projekt „Soziale Stadt“ mit seinem „Quartiersmanagement“. Mehr Sicherheit, mehr Integration, mehr Chancen auf Arbeit, mehr Miteinander – die Ziele wirken naiv, aber in der Praxis gilt: Die Kiezarbeit ist alternativlos, weil sie die Menschen mitnimmt. Das Ziel: die Lebensqualität einzelner Stadtteile heben. Das heißt: das menschliche Klima verbessern. Es geht um harte, ehrenamtliche Arbeit. Die vielen Mieterinitiativen, Bürgervereine, Jugendorganisationen, Nachbarschaftshilfen, die entstanden sind, sind ein Produkt dieser Mühen. „Wir fördern klassische Gemeinwesenarbeit“, sagt Mühlberg. Sie wirke dem Trend entgegen, den der Soziologe Hartmut Häußermann schon vor Jahren ausgemacht hat und nach dem sich Städter immer häufiger wünschen, „sich von Nachbarn distanzieren zu können, deren Kultur- und Lebensgewohnheiten er nicht mag“.

Ein Beispiel unter vielen: In einer Straße im Neuköllner Reuterkiez tyrannisierte eine Jugendbande jahrelang Kinder wie Erwachsene, die Quartiersmanager brauchten mit den Anwohnern mehr als ein Jahr, um in endlosen Gesprächen die Jugendlichen wieder einzubinden. Natürlich gibt es Gegenbeispiele, trotzdem glaubt auch Hasso Brühl vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin, dass das Quartiersmanagement „ein wichtiges Instrument ist, um auch den Stolz auf den eigenen Kiez zu fördern“. Stolz sei wichtig, weil die sozialen Brennpunkte immer stigmatisiert sind. Die Stadt sich nicht selbst zu überlassen ist ein ehrgeiziges Vorhaben. Mühlberg sagt: „Es geht um Respekt, um Standards im sozialen Umgang, die nachwirken. Auch in zehn Jahren noch.“

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