Zeitung Heute : Stolz und Urteil

Fast trotzig wirkt er, und seine Verdienste um Berlin, die will er sich nicht nehmen lassen. Fehlt Klaus Landowsky der Sinn für Schuld? Ein Treffen, kurz vor dem Ende des Bankenprozesses

Werner van Bebber

Es gibt zwei Klaus Landowskys. Der eine ist der, den die Leute in Erinnerung haben. Ein Mann in den besten Jahren, breitschultrig, blauäugig, mit einem markanten Gesicht und grauen Schläfen, einer, der den dunkelblauen Anzug ausfüllte, Einstecktuch, elegante Krawatten, weißes Hemd: Der perfekte Banker und zugleich viel mehr als das. Klaus Landowsky, einer der einflussreichsten Berliner Politiker der Nachkriegszeit. Bis 2001, bis zur Bankenaffäre. Dieser Landowsky, 64 Jahre alt, steht seit vielen Monaten vor Gericht. In einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der bundesrepublikanischen Geschichte wird ihm Untreue vorgeworfen. Nicht wenige in Berlin halten ihn für einen Verbrecher. Sein öffentliches Ansehen, die Sympathie der Leute, hat er weitgehend verloren.

Der zweite Klaus Landowsky ist älter geworden, aber nicht alt. Er wirkt robust und kräftig, die Uniform des Bankers legt er nur noch an den Moabiter Gerichtstagen an. Ansonsten sieht man ihn in schwarzem Jackett und schwarzem Hemd, krawattenlos. Dieser Klaus Landowsky hat nicht mehr viel Einfluss. Er wird nicht mehr überall eingeladen, wo man ihn früher gerne sah. Er hat in den vergangenen sechs Jahren erlebt, wie es ist, wenn man fällt.

Es ist ein Sturz wie in Zeitlupe, und er ist noch nicht zu Ende. Schuld? Sühne? „Ich kämpfe hier um meine Ehre“, sagt Landowsky. Er sitzt in seiner Lieblingskneipe, dem „Floh“ am S-Bahnhof Grunewald. Wer den ehemaligen Banker für einen Snob hält, sollte mal hier hingehen. Bürgerliche Gastronomie, biedere Holzmöbel, Tischdecke, Wandmalereien, gut gekühltes Pils. Der „Floh“ ist sein zweites Zuhause. „Hallo Klaus“, geht es alle paar Minuten, ältere Männer klopfen grüßend auf den Tisch. Zumindest hier wird er nicht moralisch verurteilt. Fast vier Stunden wird das Gespräch dauern. Nicht das Verfahren soll das Thema sein, sondern die Frage, wie die Stadt mit ihm umgeht – und er mit ihr.

„Persönliche Freunde habe ich überhaupt nicht verloren“, sagt Landowsky. Er sitzt da, das Kreuz gerade und kräftig, die Arme verschränkt – kämpferisch. Er hat schon geschwächter gewirkt in den Jahren nach dem Abgang aus der Politik. 2001 wirkte er im Gespräch verletzt, argwöhnisch. Zwei Jahre später, bei einem anderen Treffen, ließ er Groll erkennen. Jetzt, da der Druck doch ungeheuer stark sein muss, wirkt er gelassen, als sei er mit sich im Reinen. Vielleicht ist deshalb die alte Bereitschaft wieder spüren, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Die Leute seien „heute offener in ihrem Urteil“ als kurz nach dem Skandal, sagt er.

Schwer zu sagen, ob Landowsky, der emotionale Politiker, der Stimmungen immer gut einschätzen konnte, das richtig einschätzt – oder ob es Wunschdenken ist.

Der Sturz begann im Februar 2001. Landowsky bestätigte damals, eine Barspende für die Berliner CDU in Höhe von 40 000 Mark angenommen zu haben. Sie kam von zwei Managern des Immobilienunternehmens Aubis. Die waren wiederum Kreditnehmer der Bank Berlin Hyp, der Landowsky vorstand. Der Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses hat später festgehalten: Die Aubis-Spende sei „in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Erteilung von Krediten überreicht“ worden, „die die Berlin Hyp dem Großkreditnehmer Aubis genehmigte“. Und: Die Annahme der Spende „verstieß nicht nur gegen das Parteienfinanzierungsgesetz, sondern ist auch mit der Tätigkeit eines Bankvorstandes nicht vereinbar“.

Dann erschienen auch die 600-Millionen-Mark-Kredite für Aubis selbst als riskant, und ein Skandal nahm seinen Lauf: Landowsky gab seinen Vorstandsposten auf und trat als CDU-Fraktionschef zurück. Es folgten binnen weniger turbulenter Wochen im Frühjahr und Frühsommer 2001 der Bruch der großen Koalition, der Machtverlust der CDU, die Wahl Klaus Wowereits zum Regierenden Bürgermeister. Ermittlungen begannen, gegen Landowsky und andere. Ende 2004 wurden 14 frühere Bankmanager angeklagt. Sie stehen wegen Untreue in besonders schwerem Fall vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen vor, leichtfertig Kredite vergeben und das Vermögen des Landes Berlin geschädigt zu haben. Um die Spenden geht es längst nicht mehr.

Eine Ahnung davon, wie schmerzhaft Landowskys Sturz enden könnte, bekamen das Publikum und der fassungslose Angeklagte vor ein paar Wochen. Da forderte die Anklägerin Vera Junker für Landowsky drei Jahre Haft. Landowsky war darüber so erschüttert, dass er nicht mal für Freunde zu sprechen war. Erst zwei Tage später habe er sich gemeldet, sagt jemand aus dem Freundeskreis. Im „Floh“ berichtet Landowsky, wer ihn nach der Haftstrafennachricht alles angerufen habe. Sogar Günter Schabowski habe sich gemeldet, sagt er. Das ist der Mann aus dem Zentralkomitee der SED, dessen missverständliche Worte am 9. November 1989 die Mauer öffneten.

In ein paar Wochen wird das Gericht sein Urteil bekannt geben. Landowsky hofft – und das ist nicht nur Pose – auf einen Freispruch. Er erinnert an eines der ersten Verfahren, die nach dem Skandal begonnen hatten. Die Berlin Hyp hatte versucht, ihn auf Schadenersatz zu verklagen. Hätte er verloren und zahlen müssen – es wäre im juristischen Sinn ein Beweis für seine Mitschuld am Bankenskandal gewesen. Aber er gewann, die Bank verlor. Und jetzt? Wie hat er das Verfahren bislang überstanden? Er trinkt einen Schluck, der Blick wandert, er überlegt nur kurz. „Das können Sie nur überstehen, wenn Sie ein gutes Gewissen haben“, sagt er. Dann, ein wenig lauter, nachdrücklicher, mit einem Lächeln: „Und den letzten Trumpf im Ärmel, nämlich die Wahrheit!“

Das ist seine Verteidigungslinie, auch vor Gericht: Er hat die Regeln eingehalten. Er hat, behauptet er, gerade den beiden Aubis-Managern keinen besonderen Zugang verschafft, sondern hat sie auf Abstand gehalten, hat sie immer an die zuständigen Sachbearbeiter verwiesen. Die gerichtlich nachprüfbaren Tatsachen, das erwartet er, sprechen für ihn.

Doch im laufenden Verfahren und in der Stadt gibt es zwei Interpretationen seiner „Wahrheit“. Landowsky war und ist viel zu sehr Politiktalent und Kommunikator, um nicht zu spüren, wie kalt der Wind ist, der ihm an vielen Orten entgegenweht. Denn der eine Landowsky, die Verkörperung des Erfolges der Berliner CDU in den 80er und 90er, ist noch immer vieler Leute Feindbild. Es ist ein flimmerndes, unscharfes Feindbild. Man bringt ihn mit dem Berliner Filz zusammen, mit den engen Beziehungen zwischen Baubranche und Politik. Dabei ist sein Name in diesen Zusammenhängen, etwa im Antes-Skandal, nicht gefallen. Bei anderen steht er für die West-Berliner Mentalität der Teilungsjahre: Wer hier lebte, hatte Anspruch auf Zulagen, Alimente, Staatsknete, verteilt von einer wohlmeinenden politischen Klasse, angeführt von der CDU. Bei wieder anderen steht er für das Vorurteil, die CDU sei einfach eine korrupte Partei. Wie Kohl auf der Bundesebene ein Spendennehmer war, so war es Landowsky in Berlin.

Dieses öffentliche Urteil gilt bis in die Gegenwart. Friedbert Pflüger hat als CDU-Spitzenkandidat die Fernwirkung im Wahlkampf gespürt. Bei einem Rededuell gegen Klaus Wowereit schlug dem Mann, der mit der Berliner CDU erst seit kurzem zu tun hat, die kollektive Abneigung des Ost-Berliner Publikums entgegen: CDU gleich Bankenskandal.

Landowsky hat sich aus dem großen Betrieb zurückgezogen, doch er macht sich nicht rar. Als es bei einem ersten Telefonat um den Termin fürs Treffen geht, prüft er murmelnd eine ganze Reihe offenbar voller Tage. Vernissagen scheint er oft zu besuchen, scheint Anteil vor allem am kulturellen Leben zu nehmen.

Klaus Landowsky wird das Gefühl, einer der Großen der Stadt gewesen zu sein, genossen haben. Doch für seine Bilanz ist das nicht mehr wichtig, sagt er. „Man selber hat nie das Gefühl, mächtig zu sein“, sagt er an dem Abend im „Floh“. Er und seine Generation hätten mit der Einheit der Stadt „eine historische Aufgabe erfüllt“. Dass dies für ihn mit einem „Crash“ endete, tue ihm leid. Doch wenn er das ausblende, „hat es sich gelohnt“. Das sagt er mit dem leichten Pathos, das ihn schon immer als Gefühlsmenschen ausgewiesen hat. Die Staatsanwältin mit ihrer Anklage, so möchte er es gern vermitteln, hat ihn nicht erschüttern können. Fast trotzig sagt er: „Die Sinnfrage lass ich mir von ihr nicht nehmen.“ Was er wohl meint: Die Sache mit der Bank mag unglücklich verlaufen sein – aber seine Verdienste um das freie Berlin, die hat er doch!

Man kann sich fragen, ob die politische Hauptperson des Verfahrens ohne Sinn für irgendeine Mitverantwortung am Skandal ist. Aus manchem, was Klaus Landowsky an diesem Abend sagt, ist herauszuhören, dass er sich zu Unrecht angeklagt fühlt. In seiner Einlassung vor Gericht hat er der Staatsanwältin Vera Junker die Politisierung des Verfahrens vorgeworfen. Sie habe sich öffentlich zur „Berliner Linken“ bekannt; Angehörige dieses SPD-Flügels bestreiten das allerdings. Und doch kann man den Bankenskandal nicht vom großen Bruch zwischen CDU und SPD im Jahr 2001, den die SPD nutzte, um vom kleineren Partner zur stärksten Partei zu werden.

Landowsky kann scharf und schneidend werden, wenn er anderen Vorurteile und Ungenauigkeiten nachweisen will. Ansprache und Blick sind dann sehr direkt, die Rede laut und druckvoll. Er übersetzt seine Empörung unmittelbar in eine aggressive, mit dem Verstand des Juristen geschärfte Anklage. Die Sache mit der 40 000-Mark-Spende – wiewohl juristisch folgenlos geblieben für Landowsky, weil verjährt – beschäftigt ihn immer noch. Dass es falsch war, das Geld anzunehmen, hat er längst zugegeben. Aber er bestreitet, dass die Spende der Aubis-Manager in Zusammenhang mit Krediten für die Immobilienfirma gestanden habe. Er habe „immer darauf geachtet, dass er nicht in sachwidriger Weise vereinnahmt werden“ konnte. Das ist so ein Beispiel für seine Wahrheit, die als Trumpf stechen soll. Tatsächlich gilt als nachgewiesen, dass er vom Skandal nicht profitiert hat.

War die Spende also nicht mehr als die übliche Pflege der politischen Landschaft? Und überhaupt, so fragen seine Freunde: Ist der Schaden denn wirklich so hoch, da die Landesbank heute saniert ist und für viel Geld verkauft wird? Landowsky sagt, es sei der Berlin Hyp und dem Land nicht ein Euro Schaden durch das Aubis-Engagement entstanden.

Der SPD-Abgeordnete Frank Zimmermann, der den Untersuchungsausschuss geleitet hat, erinnert jedoch zu Recht daran, dass die Bank Verluste gemacht und Schaden genommen habe. 1,7 Milliarden Euro hat das Land 2001 in die Bankgesellschaft investieren müssen, um deren Eigenkapital zu erhöhen und sie vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Schließlich hat das Land noch viele Jahre für gewisse Fondsgeschäfte der Bankgesellschaft zu haften; bislang haben sie über 62 Millionen Euro gekostet. Niemand weiß, wie sich die Landesgarantien für die Fonds, die so genannte Risikoabschirmung, auf die Landesfinanzen noch auswirken wird. Zimmermann erwartet „erhebliche“ Millionenbelastungen.

Es sind gar nicht so wenige in der Berliner Gesellschaft, die von Klaus Landowsky noch immer etwas halten. Sie sprechen respektvoll über ihn, wollen aber nicht mit Namen zitiert werden. Sie haben, wenn sie bewusst oder aus alter Verbundenheit, öffentlich Landowskys Nähe suchten, hinterher gehört: „Mit dem sprichst du noch?“ Sie hatten Landowsky zu Gast und wurden gefragt: „Den lädst du noch ein?“

Ausgerechnet zwei Männer aus der sonst eher CDU-abgewandten Kulturszene bekennen sich zu Landowsky, weil er viel für Kunst und Kultur getan habe. Jürgen Schleicher, Ex-Kanzler der Universität der Künste und Beisitzer der Karl-Hofer-Gesellschaft, hat viele Jahre gemeinsam mit Landowsky junge Künstler gefördert. Schleicher erzählt: Kurz nach dem Crash habe Landowsky den Vorstand gefragt, ob jemand meine, er solle ausscheiden – dann werde er das sofort tun. Doch das wollte laut Schleicher niemand. So macht Landowsky dort weiter bis heute.

Oder Jörn Merkert, Vorstand der Stiftung Berlinische Galerie. Der Professor gerät ins Schwärmen über Landowskys Kulturverständnis. Es gab Zeiten, in denen Berliner Politiker die Kunstförderung als öffentliche Angelegenheit betrachteten. Das begann mit dem so genannten Atelierprogramm, ging über die Artothek und gipfelte in ebenjener Berlinischen Galerie, die über einen Ankaufsetat von einer Million Mark jährlich verfügte – so lange, wie Klaus Landowsky dem Lottobeirat vorsaß, einem Geldverteilungsmedium für viele Projekte. Für Merkert ist Landowsky einer von denen, die den schönen Neubau des Museums an der Alten Jakobstraße ermöglicht haben. Und die Bilder, die man ihm verdanke! Der Baselitz, zum Beispiel. Das waren noch Zeiten.

Landowsky hat auch lange nach der Wende noch gern und ganz bewusst von „West-Berlin“ gesprochen. Das war für ihn nicht die Terminologie des Kalten Krieges, „West-Berlin“ war für ihn etwas Besonderes. Die Stadt habe immer alle aufgenommen, das hat er schon früher mal gesagt, „es hat jeder für jeden etwas versucht zu tun“. Das dürften gerade die nachempfinden, die in den 70er und 80er Jahren nach West-Berlin gekommen sind, in diese ummauerte und doch offene Stadt.

Landowsky hat West-Berlin damals als „offene Gesellschaft“ beschrieben – wohl wissend, dass mit diesem Begriff sowohl seine kleinen Leute etwas anfangen konnten als auch die, die schon mal von dem westlich-liberalen Philosophen Karl Popper gehört haben, der den Begriff geprägt hat. Auch jetzt, im „Floh“, kommt er darauf zurück. Dieses West-Berlin mit seinem Gefühl des Aufeinander-Angewiesen-Seins war sein Bezugsrahmen, sein Aktionsfeld. Die offene Gesellschaft West-Berlins hat nie jemanden ausgespuckt. Landowsky hofft, dass diese Stadt bald auch ihm wieder offen steht.

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