Zeitung Heute : Stolzer Staatsfeind

Seine Lieblingsoper ist „Fidelio“, die Geschichte eines politischen Gefangenen. Denn so sieht er sich auch selbst: als einen, der zu Unrecht in Haft war. Nach 18 Jahren ist Mordechai Vanunu, der Mann, der Israels Atomprogramm enttarnte, frei. Und er sagt: „Ich bin glücklich über das, was ich tat.“

Annabel Wahba

Meir Vanunu braust in seinem Auto über den Highway, irgendwo zwischen Jerusalem und Aschkelon. Er kommt gerade vom Gefängnis der Hafenstadt, auf dem Rücksitz liegen die letzten Habseligkeiten seines Bruders Mordechai, die er dort abgeholt hat. Am Tag zuvor, endlich, nach 18 Jahren, hatten sie ihn aus dem Gefängnis entlassen: Mordechai Vanunu, Israels Atomspion, für die einen ein Held, für die meisten ein Verräter.

Tausende von Briefen liegen jetzt hier im Auto. Anhänger aus der ganzen Welt hatten sie ihm über die Jahre ins Gefängnis geschickt. Bücher liegen daneben und vor allem CDs. „Mordechai liebt Opern“, sagt sein Bruder Meir. Im Gefängnis lauschte er gerne den Klängen Wagners – der deutsche Komponist wird von israelischen Radiosendern bis heute nicht gespielt, weil Hitler ihn so liebte. „Meist hörte er aber Beethovens ,Fidelio’“, sagt der Bruder. Die Geschichte eines politischen Gefangenen, der im Kerker schmachten muss, weil er für die Freiheit gekämpft hat. Doch dann kommt die Rettung: Seine Frau, als Mann verkleidet, befreit ihn just in dem Augenblick, als er getötet werden soll.

Ein politischer Gefangener, ein Freiheitskämpfer – so sieht sich Mordechai Vanunu. Auch in seinem Leben spielte eine Frau die entscheidende Rolle. Allerdings befreite sie ihn nicht, sondern brachte ihn ins Gefängnis.

Mordechai Vanunu, Sohn marokkanischer Einwanderer, arbeitete in den 70er Jahren als Techniker im Atomzentrum Dimona in der Negev-Wüste. Damals war es noch als Textilfabrik getarnt, keiner sollte vom Atomprogramm erfahren. In Dimona kam Vanunu auf Ideen, die für einen jungen Israeli, der eigentlich eine Nuklearanlage bewachen sollte, in dieser Zeit ziemlich eigenartig waren: Die Palästinenser brauchen einen eigenen Staat, fand er damals schon, außerdem interessierte er sich für philosophische Schriften und kommunistische Gruppen. 1985 verlor er nach einer großen Entlassungswelle seinen Job, fotografierte aber noch heimlich das, was verborgen bleiben sollte.

Mit den Fotos in der Tasche verließ er Israel, der Jude konvertierte zum Christentum – was für viele Israelis schon Grund genug ist, ihn für ziemlich verrückt zu halten. Vanunu nahm Kontakt zur „Sunday Times“ in London auf, dort erschien am 5. Oktober 1986 die sensationelle Story: Dutzende von Fotos aus dem Innern des Atomreaktors von Dimona, außerdem beschrieb Vanunu detailliert die Produktion von Plutonium dort. Israel war mit Vanunus Bericht als Atommacht enttarnt. Und hat seither die Unterzeichnung internationaler Abkommen über die Nichtverbreitung von Atomwaffen und jegliche Kontrollen seiner Anlagen abgelehnt.

Doch Vanunu war verschwunden, als seine Enthüllungen Politiker in aller Welt aufschreckten. Er war „Cindy“, einer Agentin, in die Falle gegangen. Die Frau, die ihn ins Gefängnis brachte, lebt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Florida, die Familie führt erfolgreich ein Immobilienbüro.

Was damals geschah, daran will sich Cheryl Hanin Bentov alias „Cindy“ lieber nicht erinnern. Ein anderer ehemaliger Mossad-Agent erzählte der israelischen Zeitung „Haaretz“ sehr genau, wie sie auf Vanunu stießen, nämlich durch puren Zufall. Der Geheimdienst hatte über einen israelischen Journalisten von Vanunus Material erfahren und fand heraus, dass er sich in London aufhielt. Mit seinem Foto in der Tasche streiften Agenten durch die Stadt, und es war ein ausgesprochener Glücksfall für die junge „Cindy“, dass Vanunu eines Tages neben ihr vor einem Schaufenster am Leicester Square stand. „Sind Sie auch Tourist“, soll sie ihn gefragt haben. Er lud sie zum Kaffee ein und sie ihn einige Zeit später in die Wohnung ihrer Schwester in Rom. Dort wartete der Mossad auf Vanunu. Aus Großbritannien, zu dessen Geheimdienst Israel damals keine allzu guten Kontakte unterhielt, hatte man ihn nicht entführen wollen. Mit dem Boot brachte man Vanunu dann von Italien nach Israel, wo er zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde.

Es gibt ein Foto von damals, kurz nach seiner Entführung: Vanunu presst seine Hand gegen die Scheibe eines israelischen Polizeibusses, in die Hand hat er auf Englisch eine Nachricht für die Außenwelt geschrieben: „Vanunu wurde entführt in Rom, 30.9.86, 21.00, BA504“. BA504 war die Nummer seines Fluges nach Rom. Für viele Israelis passte er von nun an perfekt ins Bild des Verräters, dieser kleine Marokkaner, der nicht nur die Sicherheit des Landes bedroht, sondern auch noch glaubt, dass Jesus der Messias ist.

Einige der Männer, die seinen Bruder vor Gericht und anschließend ins Gefängnis brachten, kannte Meir Vanunu gut. Er hatte an der Hebräischen Universität in Jerusalem Jura studiert, der Richter seines Bruders und der Staatsanwalt waren seine Lehrer gewesen. „Ich habe jeglichen Respekt vor dem israelischen Justizsystem verloren“, sagt Meir Vanunu heute. Meir hat die letzten acht Jahre in Australien gelebt, von dort aus nahm er Kontakt auf zu Menschenrechtsgruppen und anderen Aktivisten, die sich für die Befreiung Vanunus einsetzten. Es ist eine eigenartige Koalition aus britischen Journalisten, Atomkraftgegnern, Pazifisten und Christen, die in ihm eine Art Märtyrer sehen, der seine Freiheit für den Frieden geopfert hat. „Er hat es gewagt, sich ganz alleine gegen die Geheimdienste und Regierungen dieser Welt zu stellen und die Wahrheit auszusprechen“, sagt Meir Vanunu über seinen berühmten Bruder Mordechai. Die Umstände seiner Verhaftung, die Entführung, und die harten Haftbedingungen – Vanunu saß fast zwölf Jahre in Einzelhaft –, hatten den Mythos um seine Person vermutlich erst befeuert. „Mein Bruder hat mir immer wieder gesagt, er habe die Kraft, all die Jahre im Gefängnis durchzuhalten, aus seiner Religion gezogen“, sagt Meir. Er selbst würde jedoch nie zum Christentum konvertieren wollen. Meir und sein anderer Bruder Ascher sind die Einzigen aus der Familie, die noch Kontakt zu Mordechai halten.

Die nächsten zwölf Monate, das ist die Auflage der Behörden, darf Mordechai Vanunu das Land nicht verlassen. „Dagegen haben wir Beschwerde eingelegt“, sagt Meir, „mein Bruder will Israel als freier Mann verlassen. Er will in die USA auswandern.“

Wo sein Bruder jetzt ist, ob er noch in der anglikanischen Gemeinde in Jerusalem wohnt, in die er gleich nach seiner Freilassung fuhr, oder in seinem Appartement in Jaffa/Tel Aviv, will Meir nicht sagen. Am Mittwoch, als Mordechai Vanunu um kurz nach elf Uhr durch die himmelblauen Türen des Gefängnisses trat, hob er die Hand zum Victory-Zeichen. Für einen 50-Jährigen, der 18 Jahre in Haft verbracht hat, sah er erstaunlich durchtrainiert aus. „So wie Sie ihn im Fernsehen sehen konnten, so fühlt er sich auch“, sagt Meir. Kämpferisch und voll Selbstvertrauen. „Ich bin stolz und glücklich über das, was ich getan habe“, sagte der Freigelassene vor den angereisten Anhänger. Aber es waren auch Demonstranten da, die Vanunu den Tod wünschen. Er ist jetzt frei, aber er wird sich für den Rest seines Lebens in Acht nehmen müssen.

In der anglikanischen St.-Georgs-Kirche wartete der britische Journalist Peter Hounam, der 1986 Vanunus Enthüllungen veröffentlichte, auf ihn. Die beiden Männer fielen sich in die Arme. Dann konnte man Vanunu sehen, wie er zwischen zwei Geistlichen, einer von ihnen der anglikanische Bischof von Jerusalem, in die Kirche schritt. Die beiden Männer hielten Vanunu fest am Arm, pressten ihn an sich. Fast sah es so aus, als würde ihn da wieder jemand abführen.

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