Zeitung Heute : „Stoppt Anastacia“

Urban Media GmbH

An jedem Abend, an dem das ZDF derzeit von den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City überträgt, darf Anastacia wieder und wieder akustische Zehn-Sekunden-Schnipsel über die Lautsprecher der deutschen Fernsehapparate heulen. „ One Day in your life“ dröhnt die röhrende Stimme der amerikanischen Rock-Lady zwischen Biathlon und Skispringen in die Wohnzimmer der Republik.

Doch auf die Sportfreunde, die schon jetzt angesichts der ewigen Wiederkehr des immer gleichen Pop-Songs nur noch mit Grauen die musikalisch unterlegten Trailer und Bilder des Tages verfolgen, kommen noch schlimmere Zeiten zu: Von Ende Mai an wird Anastacia während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan mit dem offiziellen WM-Song „Boom!“ weitere vier Wochen lang die Alleinherrschaft über die Ohren der Sportfreunde ausüben. Die offensichtlich gleich ausgerichteten Geschäftspolitiken von ZDF und FIFA machen die Omnipräsenz der Pop-Göre auf den Schauplätzen des Spitzensports möglich: Die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt wie auch der Weltfußballverband haben lukrative Deals mit Anastacias Plattenfirma ausgehandelt.

Für Christian Seidl geht das alles viel zu weit. Der Redakteur des Jugendmagazins „jetzt“ hat deshalb auf seiner Homepage www.stopp-anastacia.de zum interaktiven Widerstand gegen den Weltmeisterschaftssong aufgerufen. „Die amerikanische Sängerin hat weder eine erkennbare Beziehung zu Fußball und Fankultur, noch zu den Gastgeberländern, deren Kultur, Lebensart und Musikszene weitaus mehr zu bieten haben als ’Boom!’“, heißt es auf der Begrüßungsseite. Dass Anastacia während der Olympischen Spiele in ihrem Heimatland „dauernd trällert“, sei ja noch zu akzeptieren, sagt Seidl. Die Fußball-Weltmeisterschaft, auf die er sich seit dem letzten Abpfiff vor vier Jahren freue, lasse er sich aber nur äußerst ungern verleiden. Deshalb fordert Seidl stellvertretend für die Unterzeichner seiner Aktion im Internet von der FIFA sein Recht auf einen „würdigen Weltmeisterschafts-Song“ ein. Solch einen Hit hätten beispielsweise Gianna Nannini bei der WM 1990 in Italien oder Ricky Martin vor vier Jahren in Frankreich präsentiert. Beide hätten genau das in der Musik zum Klingen gebracht, was Fußball ausmacht: Leidenschaft, Emotion, Inspiration und Spielwitz. Anastacias „Boom!“ aber habe überhaupt keinen inneren Bezug zum Fußball.

Auch wenn sich Seidl freilich keine Hoffnungen macht, die FIFA zum neuerlichen Komponieren bewegen zu können, so haben die Fuß ballfans im demokratischen Forum des Internets wenigstens die Möglichkeit, ihrem zivilen Ungehorsam gegenüber den Herrschern über das lukrative Geschehen rund ums Leder Ausdruck zu verleihen. Bis zum 31. März dürfen sich Fuß ballliebhaber und Anastacia-Gegner auf stopp- anasctacia.de ihren Frust von der Seele schreiben, beispielsweise mit Worten wie „Das Gequäke geht mir schon bei der Winterolympiade dermaßen auf die Nerven! Habt Erbarmen mit den Fuß ballfans!". Im April will Seidl die Liste dann an Sepp Blatter, den obersten aller Herren des Weltfußballs, übergeben. Daniel Meuren

Der Protest im Netz:

www.stopp-anastacia.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!