Zeitung Heute : Stoppt de Mol! - Über die schöne, neue Fernsehwelt

Herr Roland[Hamburg hat immer eine besondere Roll]

Jürgen Roland (74) hat mit "Stahlnetz" und mit "Polizeirevier Davidswache" Fernseh-Geschichte geschrieben. In der ARD startet heute um 18 Uhr 55 eine weitere Staffel der Serie "Großstadtrevier", bei der auch Jürgen Roland Regie geführt hat. Unser Mitarbeiter Andreas Kötter sprach mit Roland darüber, was Männer vom Kiez mit einem Altkanzler verbindet, und über die neue TV-Welt.

Herr Roland, Hamburg hat immer eine besondere Rolle gespielt in Ihrem Werk, egal ob bei "Polizeirevier Davidswache" oder bei "Großstadtrevier". Ist Ihre Arbeit ohne Hamburg überhaupt denkbar?

Absolut. Zwar bin ich sowohl als Privatmann als auch als Filmemacher der Meinung, dass Hamburg vielleicht die schönste Stadt der Welt ist, aber ich habe einige meine Kinofilme zu Beispiel in Hongkong gedreht und war natürlich von der Exotik dieser Stadt fasziniert. Die Dekors schrien gerade zu danach, fotografiert zu werden.

Dennoch sind Jürgen Roland und Hamburg untrennbar. Stets war es dort der Kiez, der Sie interessierte.

Der Reiz ist nicht vergangen, obwohl ich mir darüber klar bin, dass der Kiez sich natürlich verändert hat. Ich habe die Männer vom Kiez, die ich schon durch mein Boxen kennengelernt habe, im Gegensatz zu manchen Kollegen, nie idealisiert. Man darf nicht vergessen, dass das Männer sind, die ihre Schwierigkeiten haben mit der Einhaltung der Gesetze; aber das soll ja sogar Alt-Bundeskanzlern passieren. Der Kiez war nie der, den uns Herr Albers oder Herr Wedel vermitteln wollten, wenn das auch schöne Märchen waren. Das echte St. Pauli hat mir gefallen, weil ich dort häufig wirkliche Liberalität und Toleranz angetroffen habe. Natürlich hat sich die Gewaltkriminalität verändert. Heute ist der Einfluß der Gangs nicht nur unüberseh-, sondern auch unüberhörbar; gerade haben sich Türken vor dem Hamburger Polizeipräsidium beschossen - das allerdings liegt in einem Nobelviertel und nicht auf St. Pauli.

"Lebensnah" sollten Ihre Geschichten immer sein. Heute dagegen verstehen Filmemacher "lebensnah" als gewaltige Kraftanstrengung, meist als explodierendes Inferno.

Wir sollten vermeiden zu verallgemeinern, aber in vielen Fällen ist es ohne Frage so. Neben Sie z. B. die "German Classics", etwa "Die Halbstarken" mit Til Schweiger; das war doch gespenstisch! Selbst "Das Mädchen Rosemarie", das heute als Erfolg dargestellt wird, war gemessen am Original mit Nadja Tiller, keine Offenbarung.

Sie haben sich als "Fernseh-Dinosaurier, der sich in die Neuzeit vorgearbeitet hat", bezeichnet. Was halten Sie von der schönen, neuen TV-Welt?

Es gibt etwa bei "Großstadtrevier" vorzügliche junge Burschen, die nicht jede verwackelte Kamera für moderne Filmkunst halten. Und doch inszenieren diese Regisseure modern. Das ist nötig, schließlich haben wir ein völlig anderes Sehverhalten, als in den 50ern. Wir gucken einfach schneller. Sprechen Sie das Fernsehen grundsätzlich an, "Big Brother" zum Beispiel, dann ist das eine andere Sache. Wenn wir einem Herrn de Mol (Produzent von "Big Brother", d. Red.), entschuldigen Sie den Ausdruck, nicht bald das Maul stopfen, dann sehe ich schwarz.

Zur neuen TV-Welt gehört auch, dass "Tatort"-Kommissare singen und Werbung für die Telekom machen. Was halten Sie davon, dass Stöver und Brockmöller beinahe Popstars geworden sind?

Der NDR-"Tatort" mit Manfred Krug ist nun mein eigenes Haus und als man damit anfing, war das eine schöne Pointe. Die Pointe hat sich verselbständigt, das hat dem "Tatort" nicht gut getan. Zum Glück ist Manfred Krug ein so hervorragender Schauspieler, dass er die Geschichte und selbst einen Werbespot für die Telekom in den Griff bekommt. Ich war damals übrigens auch dagegen, dass Berti Vogts mitspielte. Der "Tatort" braucht niemanden, der nach einer verdienten Niederlage (das WM-Aus gegen Kroatien; d. Red.) von einer Verschwörung faselt.

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