Zeitung Heute : Stottern will verlernt sein

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Was gegen die Sprechstörung hilft

Hartmut Wewetzer

Was haben Marilyn Monroe, Winston Churchill und Bruce Willis gemeinsam? Natürlich, dass sie englisch sprachen oder sprechen. Oder besser: stotterten. Alle drei litten nämlich als Kinder unter dieser Sprechbehinderung. Etwa jedes 20. Kind stottert. Gewöhnlich beginnt es zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. Bei den meisten geht das Stottern von allein wieder weg. Nur jeder 100. Erwachsene stottert noch – allerdings wird man in späteren Jahren die lästige, ja quälende Störung praktisch nicht mehr los.

Soll man sein Kind zur Therapie schicken, obwohl das Stottern bei vier von fünf später von selbst aufhört? Ja, sagt Katrin Neumann von der Klinik für Phoniatrie der Uniklinik in Frankfurt am Main. Denn die Therapie kann jenen helfen, die sonst ihren Sprechfehler behalten würden. Auch wenn man in Kauf nimmt, dass Kinder unnötig „mittherapiert“ werden. Neumann empfiehlt allerdings, vor der Behandlung ein halbes Jahr zu warten. Wenn sich in dieser Zeit das Stottern nicht bessert, sollte man handeln.

„Früher hat man Schuldkomplexe bei den Eltern stotternder Kinder erzeugt“, sagt die Ärztin. „Man glaubte, Stottern sei eine erlernte Störung, vielleicht durch familiäre Konflikte hervorgerufen.“ Heute weiß man, dass die Gene eine große Rolle spielen. Stottern wird zum großen Teil vererbt. Darauf deutet auch hin, dass sich die Störung im Gehirn niederschlägt. Denn die Nervenverbindungen zwischen jenen Gebieten der Hirnrinde, die Muskeln steuern und jenen, die Sprache verarbeiten, sind unterentwickelt. Die Abteilungen für Sprachplanung und -ausführung im Gehirn arbeiten nicht gut zusammen. Diese Schwäche versucht das Gehirn auszugleichen, indem die in der linken Hirnhälfte heimische Sprachregion ihr Pendant auf der rechten Seite mitaktiviert. Dieser Effekt schwindet, wenn eine Therapie erfolgreich ist.

Aber welche Therapie soll’s sein? Der Markt ist unüberschaubar, die Qualitätsspanne weit. „Nur die Kasseler Stottertherapie und die Lidcombe-Behandlung sind in Deutschland auf ihre Wirksamkeit überprüft“, sagt Katrin Neumann. Der Trend geht zu pragmatischen Verfahren. Mit ihnen wird die Sprechstörung direkt behandelt und das Kind auf sein Stottern aufmerksam gemacht. Auch das in Australien entwickelte Lidcombe-Programm zählt dazu. Statt nicht an das Stottern zu rühren, um Angst abzubauen, wird auf Stolpern und Stammeln hingewiesen, aber kein Druck ausgeübt. Vor allem aber wird flüssiges Sprechen gelobt und so verstärkt. Die Eltern spielen eine entscheidende Rolle, denn sie werden zu Ko-Therapeuten.

„Das Verfahren ist erstaunlich erfolgreich“, sagt die Stotterexpertin Neumann. Das belegt auch eine neuseeländische Studie, die nun im Fachblatt „BMJ“ veröffentlicht wurde. Vorschulkinder, die mit dem Lidcombe-Programm behandelt wurden, stotterten danach deutlich seltener als solche, die keine Therapie bekamen. Es lohnt sich also, frühzeitig etwas zu tun. Auch wenn es manchmal mehr ist als nötig.

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