Zeitung Heute : Strandleben in Italien: Nie allein - Sonne, Wasser und vor allem Gesellschaft

Peer Meinert

Am vornehmsten ist das italienische Strandleben in Venedig. Wer sich vor dem Hotel des Bains, wo Thomas Manns "Tod in Venedig" verfilmt wurde, zu Wasser lassen will, muss dafür bis zu 360 Mark am Tag hinblättern. Dafür gibt es ein cremefarbenes Zelt, geräumig genug für die Siesta, Kellner servieren ein standesgemäßes Mittagsmahl - am Lido de Venezia herrscht noch der geruhsame Luxus längst versunkener Tage. Drangvolle Enge dagegen ein paar Kilometer weiter südlich. In Cattolica in der Nähe von Rimini, errechnete die Umweltschutzgruppe Legambiente jüngst, hat der minder betuchte Sonnenanbeter gerade mal 15 Zentimeter "Sandbreite" zu verteidigen. "Schlank sein ist zur unbedingten Voraussetzung geworden", kommentiert ein Journalist bissig.

Strandleben in Italien ist anders, nicht nur wegen der höheren Temperaturen als an der Nord- und Ostsee. Während Deutsche sich am Meer nach Ruhe und Abgeschiedenheit sehnen, Sandburgen zum Schutz vor dem Nachbarn auftürmen, wird es Italienern erst beim Kontakt mit ihren Mitmenschen richtig warm ums Herz. Ob Venedig oder Rimini, Costa Smeralda oder Taormina - eine "giornata al mare", ein Tag am Meer, das heißt neben Sonne und Wasser vor allem Gesellschaft: Sehen und Gesehen werden, ewiges Plaudern mit dem Nachbarn.

Sommer am Meer, das ist ein Herzstück italienischer Lebenskultur. Den Liegestuhl ins seichte Wasser gestellt, die sanfte Flut umspült die Beine - doch das alles wäre nichts ohne "compagnia", Gesellschaft. Und dazu zählt der Blick auf braun gebrannte Bikini-Schönheiten und durchtrainierte Papagalli ebenso wie der Dauerplausch mit seinesgleichen. Sommerzeit ist auch die Zeit des großen Flirtens. "La scappatella estiva", der sommerliche Seitensprung, ist italienisches Dauerthema zu dieser Zeit. "Ob es gefällt oder nicht, erleben wir eine Art kollektiven Biorhythmus, eine Explosion jahreszeitlicher Gefühle, eine soziale Neigung zur Untreue", meinte eine römische Zeitung.

Alles vollzieht sich vor den Augen des Anderen. Akribisch genau etwa halten Zeitungen fest, welche Vips wo Urlaub machen. "Und Du, an welchen Strand gehst Du?" hieß die Titelstory eines Politmagazins. Die Grundregel heißt: Junge Leute, die Remmidemmi wollen, gehen an die Adria, die Älteren an die Toskana, die Schönen und Reichen an die Costa Smeralda - doch allein sein will niemand.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben