Zeitung Heute : Straße der Angst

1000 Euro bieten sie ihm für eine Fahrt mit dem Tanklaster von der Türkei in den Irak. Ein Himmelfahrtskommando wegen der Terroristen und der Unfallgefahr. Soll er das Risiko eingehen?

Erwin Decker[Silopi]

Er ist nicht allein an der Grenze. Er sitzt neben seinem Tanklaster, viele Männer sitzen neben ihren Lastern, die Schlange der Fahrzeuge ist 40 Kilometer lang. Nihad Osman schaut in die blaue Flamme seines Gaskochers. Zwei Kollegen sind bei ihm. Ein hölzerner Kasten an der Unterseite des Tankwagens ist ihre Küche, die Klappe hat Osman heruntergelassen, sie ist ihr Tisch. Die Sonne geht unter hinter den Bergen Kurdistans, und das Land leuchtet rot. Bald wird es Nacht sein und kalt.

Nihad Osman ist 32 Jahre alt, Türke und Fernfahrer. Er ist in den letzten 15Monaten über 30Mal mit seinem Tankwagen in den Irak gefahren, von der Raffinerie in der türkischen Hafenstadt Iskenderun am Mittelmeer mit Benzin in den Irak und mit Rohöl zurück, er weiß nicht mehr ganz genau, wie oft. Es ist ein gutes Geschäft für ihn. Aber seit einer Woche steht er hier an der Grenze zum Irak und wartet, zusammen mit all den anderen, weil der Zoll so langsam arbeitet, aber vor allem, weil sie alle nachdenken müssen, weil sie sich fragen, ob das Risiko nicht zu groß ist. 25000 Liter Benzin auf Osmans Laster, soll er fahren? Man hört so viel Schreckliches. Man sieht es auch.

Vor zwei Tagen wurden auf der Pritsche eines Lastwagens zwei tote Kollegen in Plastiksäcken über die Grenze gebracht. Ihre abgetrennten Köpfe lagen in einem Sack neben ihnen. Die Körper und die Köpfe voll getrocknetem Blut. Osman kannte beide Männer und musste sie bei der Polizei identifizieren. Seitdem hat er immer die Plastiksäcke vor Augen. Widerständler und Terroristen – besonders die Terrorgruppe um den Jordanier Abu Mussab al Sarkawi – wollen, dass im Irak Chaos und Anarchie herrschen. Kein Benzin, keinen Strom, kein Wasser sollen die Iraker haben und dann ihre Wut darüber an der Übergangsregierung und den Amerikanern auslassen.

Zwei Drittel der Laster in der Schlange sind Tankwagen. Es gibt zwar eine Ölpipeline vom Irak in die türkische Stadt Ceyhan, aber durch die fließt so gut wie nichts, die Leitung wird regelmäßig gesprengt. Das ist auch der Grund dafür, dass die irakischen Raffinerien nicht genug Benzin für das Land produzieren können. Es gibt kaum Benzin im ölreichen Irak. Die türkischen Öltransporter bilden eine rollende Pipeline sowohl für den Rohstoff als auch für das Fertigprodukt.

Nihad Osmans roter MAN-Tankwagen wurde in den 60er Jahren in Deutschland gebaut und ist inzwischen über drei Millionen Kilometer gefahren. Osman liebt ihn und kann die Defekte meist selbst reparieren. Das Fahren mit so einem Veteranen ohne Servolenkung und modernes Getriebe ist harte Arbeit. Aber moderne Technik ist auch anfällig, sagt Osman.

Jetzt sitzt er also neben seinem Fahrzeug und hat Angst. Es sollen schon über 40 türkische Fernfahrer im Irak umgekommen sein, so wird erzählt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Es muss aber etwas dran sein, denn die Spedition, für die Osman arbeitet, erhöht fast wöchentlich die Prämien für die Fahrten in den Irak. Bekam er vor zehn Monaten 300 Euro für die Fahrt nach Mossul, sind es in der letzten Woche 600 gewesen. Osmans eigentlicher Verdienst aber kommt vom Schmuggel. Er schmuggelt Diesel in die Türkei. Die Treibstoffpreise dort sind so hoch wie in Deutschland. Und im Irak kostet der Liter nur einen Cent. Osman hat an seinem MAN Zusatztanks für 1200 Liter anbringen lassen. Das ist nicht legal. Es wird geduldet. Er verkauft den Sprit daheim auf eigene Rechnung.

„Die Spedition hat mich heute angerufen und 1000 Euro für eine Fahrt nach Tikrit geboten. Dort sollen die Tankstellen kein Benzin mehr haben“, sagt Osman.

Das Merkblatt der türkischen Ölspedition schreibt vor, dass die Fahrer im Umkreis von 15 Metern um den Lastzug kein Feuer machen dürfen. Die Benzindämpfe könnten sich entzünden. Trotzdem kochen alle wie Osman an ihren Fahrzeugen. Bisher ist angeblich noch nie etwas passiert. Die meisten Unfälle passieren auf dem Weg bis zur irakischen Grenze auf der Staatsstraße D400. In den Bergen, wenn es abwärts geht, lassen die Fahrer die Lastwagen im Leerlauf rollen, um Schwung zu holen für die nächste Steigung. Oft sind sie dann in den Tälern zu schnell, es gibt Unfälle. Die schwarzen Rauchwolken sieht man kilometerweit.

Die für die D400 zuständige Polizei in der türkischen Stadt Urfa sagt, dass so ein Unfall zweimal in der Woche passiert. Sie nennen das Kollateralschäden, sagt ein Polizist.

Die D400 ist die Straße der toten Trucker und der ausgebrannten Lastwagenwracks. Bisher sagte jeder Fahrer, „mir passiert so etwas nicht. Ich passe auf“. Obwohl jeder einen Kollegen kennt, der die D400 nicht überlebt hat. In den Restaurants an der Fernstraße prahlen die Fahrer und unterbieten sich darin, wer in wie vielen Stunden die 800 Kilometer in den Irak geschafft hat. Aber das Schicksal kann auch die Vorsichtigen treffen.

„Das Risiko, jetzt in den Irak zu fahren, ist für uns Ölkutscher das größte, das ein Mensch eingehen kann“, sagt Osman. Er habe mit Männern geredet, die vor ein paar Monaten von irakischen Widerständlern gefangen genommen wurden. Nachdem ihre Firma zugesagt hatte, sich aus dem Irakgeschäft zurückzuziehen, wurden sie nach einer Woche wieder freigelassen. Sie seien anständig behandelt worden. „Aber seitdem Sarkawi das Gebiet im Nordwesten des Landes kontrolliert, werden die meisten gefangen genommenen Türken umgebracht“, sagt Osman. Die Fahrer werden auf den einsamen Strecken zwischen Mossul, Baidschi und Samarra gestoppt. Ein Überlebender, der trotz Beschuss weitergefahren ist, hat ihm erzählt, dass die Fahrer aussteigen müssen, gefesselt werden und dann in die Wüste abgeführt. Die Tanklastzüge werden meistens angezündet. Einige Fahrer werden erschossen, andere geköpft. Die Leichen und Köpfe findet man später am Straßenrand oder am Ufer des Tigris. Osman flüstert das türkische Wort für „Kopf abhacken“ und reibt sich die Augen dabei. Er wendet sich ab und geht hinter den Lastwagen. Als er wieder neben dem Fahrerhaus steht, sind seine Augen rot.

Es ist Zeit für das Abendgebet. Der Teppich wird neben dem Tankwagen ausgerollt, und Nihad Osman sucht eine Antwort auf seine Ängste bei Allah. Sein Gebet dauert länger als sonst. Was soll er machen? Mit den 25000 Litern Benzin wieder zurückfahren in die Raffinerie? Dann bekommt er nie wieder einen Job. Er war lange genug arbeitslos und kennt das Elend.

Mit seinen Kollegen zu sprechen, das helfe ihm nicht weiter, sagt Osman. Einige meinen, es wird schon nichts passieren, die anderen möchten nur noch dieses eine letzte Mal fahren und dann aufhören. Er kennt auch Kollegen, die an der Grenze umgekehrt und wieder nach Hause gefahren sind. Von denen hat er nie wieder etwas gehört.

Inzwischen ist das Abendessen fertig. Es gibt Eintopf: Kartoffeln, Gemüse und Cornedbeef aus der Dose. Die Lastwagenfahrer haben eine ganze Versorgungsindustrie in der kleinen Grenzstadt Silopi etabliert. Da kein Fahrer sein Fahrzeug verlassen kann, weil er sonst beim Nachrücken übergangen wird, gibt es Dutzende von fliegenden Händlern, die auf Handkarren alle möglichen Lebensmittel anbieten. Und was genauso wichtig ist: Sie sind die Nachrichtenbringer. Das neueste Gerücht kommt mit dem nächsten Händler: US-Präsident George W. Bush soll versprochen haben, die türkischen Tankzüge auf dem Gebiet des Iraks in einem Konvoi zu sichern.

Die Nachricht klingt zu schön, um wahr zu sein. Aber sie gibt für zwei Stunden Gesprächsstoff. Bis ein Händler mit dem nächsten Gerücht kommt: Der irakische Ministerpräsident Ijad Allawi habe gesagt, sein Land würde einen neuen Vertrag mit dem Iran machen, wenn die Lieferungen mit dem Benzin aus der Türkei nicht funktionierten. Das sitzt. Nihad Osman diskutiert mit seinen Kollegen nicht darüber, ob die Botschaft falsch ist oder nicht. Oder ob es besser ist, bei der Spedition zu Hause nachzufragen. Die Männer diskutieren über die Folgen dieser angeblichen Entscheidung aus Bagdad. Das Elend, in das alle türkischen Fahrer stürzen werden. Raten für die Tanklastzüge, die nicht mehr bezahlt werden können.

Am nächsten Morgen entschließt sich Nihad Osman, mit seinen 25000 Litern Benzin in den Irak zu fahren. Wo ist die Angst davor geblieben, dass Terroristen ihn köpfen könnten? Wo sind die Erinnerungen an die Leichen in den Plastiksäcken? „Wir werden in einem großen Konvoi fahren“, sagt Osman. „Und alle Fahrer können sie nicht umbringen.“ Das ist die Logik des neuen Tages. Er ruft noch einmal bei seiner Familie an, solange er noch hier an der Grenze ist und das Handy funktioniert, spricht mit seiner Frau und dreien seiner vier Kinder.

Nach dem Grenzübertritt sammeln sich 18 Tanklastzüge hinter der irakischen Stadt Sahko, um zusammen nach Süden zu fahren. Es geht steil bergab in die Ebene von Summél. Die Bremsen verbreiten Brandgeruch. Es regnet, so stark, dass die Asphaltstraße mit braunem Lehm überflutet ist. 20 Kilometer hinter der Abzweigung nach Dohuk ist der letzte Checkpoint der kurdischen Peschmerga-Kämpfer. Der Offizier fragt die Fahrer, ob sie ihr Benzin nicht ins sicherere Arbil bringen wollen, in den Nordosten, ins Kurdengebiet, statt weiter nach Süden, nach Samarra, denn ab hier sind sie der Willkür der Terroristen ausgesetzt. Nihad Osman denkt noch einmal kurz nach, aber nun beginnt der Konvoi wieder zu rollen. Gute Fahrt und viel Glück.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!