Zeitung Heute : Straßenkunst entdecken

Lars von Törne

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Die Katze tauchte vergangenes Jahr in unserem Viertel auf. Schwarz und unauffällig duckte sie sich in Hauseingänge oder saß still unter Erdgeschossfenstern. Jemand hatte sie mit einer Schablone an die Häuserwände gesprüht. Ihre Silhouette war so gelungen, dass man sie im ersten Moment für ein echtes Tier halten konnte. Dabei war sie doch nur ein Stück Street Art, wie das auf Neudeutsch heißt, Vertreterin einer wachsenden Schar von Objekten aus der Grauzone zwischen Vandalismus und Kunst.

Street Art erzählt dem Betrachter im Vorbeigehen Geschichten, gibt ihm Rätsel auf oder regt ihn zum Nachdenken an, schreibt der Straßenkunst-Chronist Sven Zimmermann im Vorwort zu einem Foto-Büchlein, in dem er gut 100 Werke von Berliner Häuserwänden zusammengetragen hat. Die Katze aus meiner Nachbarschaft ist nicht dabei, dafür aber Dutzende ähnlich kunstvoller Sprüh-, Zeichen- und Klebebilder. Ein Baum mit echtem Laub ziert eine Hauswand, an anderen Fassaden hängen mysteriöse Comicfiguren, die jemand zu Papier gebracht und mit Tapetenkleister angeklebt hat. An manchen Wänden oder Müllcontainern stehen rätselhafte Slogans wie „Dinge passieren“ oder „Die Regeln von gestern gelten nicht mehr“.

Schön anzusehen ist diese Art von Kunst nur selten, die Fantasie wird durch sie aber umso mehr angeregt. Wie durch die gesprayten Ratten, die an einer Wand an Regenschirmen herabsegeln, mit Anzug, Schlips und Aktenkoffer. Eine tragische Liebesgeschichte verbirgt sich hinter den geklebten und gesprayten Bildern, auf denen ein namenloser Künstler einer Linda hinterhertrauert. Und einen alten Kühlschrank hat jemand zum Kunstobjekt umdefiniert und ihn zur „Limited Edition“ erklärt.

Manche mögen so was für Schmierereien halten, wie die Spraydosen-Kürzel oder Edding-Tags, die man überall sieht. Aber während diese in der Regel uninspiriert und von keiner künstlerischen Idee getrübt sind, ist Street Art wie die in diesem Buch versammelte fantasievoll und anregend. Hat man in seiner Umgebung erst mal solche Werke entdeckt, verändern sie den Blick auf die Stadt. Plötzlich sucht man überall nach schwarzen Katzen, die sich in Hauseingänge ducken.

„Berlin Street Art“, Sven Zimmermann, Prestel-Verlag, 14,95 Euro

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