Straßenverkehr : Ist ein Verkehrs-Tüv für Senioren sinnvoll?

Drei Menschen starben, weil ein 79-Jähriger bei einem Schützenumzug im Sauerland in eine Menschenmenge raste. Jetzt wird ein Verkehrs-Tüv für Senioren gefordert. Wie sinnvoll ist das? Diskutieren Sie am Ende des Artikels mit!

Marc Mudrak
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Foto: dpaDVR

Der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann formuliert es drastisch. Für ihn sind betagte Autofahrer eine „Zeitbombe“ im täglichen Verkehr. Der Verkehrsexperte will künftig den über 70-Jährigen regelmäßige Untersuchungen vorschreiben, um ihre Fahrtüchtigkeit zu überprüfen. Das Ergebnis sollten die Ärzte dann an die zuständigen Behörden weiterleiten. „Im Jahr 2020 wird fast ein Drittel der Führerscheininhaber älter als 60 Jahre sein. Wir wissen, dass die Fahrtauglichkeit im Alter allmählich geringer wird“, sagte Hermann der „Passauer Neuen Presse“.

Dass nun wieder Fahrprüfungen für Senioren gefordert werden, hat einen traurigen Hintergrund. In Menden im Sauerland raste ein 79-jähriger Autofahrer während eines Schützenumzugs in die Menschenmenge. Dabei kamen drei Menschen ums Leben. Die Polizei nannte einen Schwächeanfall als möglichen Grund für die Katastrophe. Genauere Erkenntnisse über die Ursache des Unglücks sind allerdings noch nicht bekannt. Auch Dorothée Menzner, verkehrspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, forderte mehr Tests für Senioren. „Das halte ich durchaus für sinnvoll, es geht aber nicht darum, jemanden zu diskriminieren“, sagte Menzner der Deutschen Presse- Agentur (dpa).

Lange galten Ältere als erfahrener und verantwortungsbewusster am Steuer als jüngere Fahrer. Ein Blick in die Statistik bestätigt das. Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes sind die über 65-Jährigen nur für zehn Prozent aller Unfälle mit Verletzten oder Toten verantwortlich. Dabei machen sie rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung aus. Bei knapp 22 Prozent der schweren Unfälle sind demnach die 18- bis 25-Jährigen die Hauptverantwortlichen. Der Bericht betont aber auch, dass Senioren deshalb nicht automatisch die besten Autofahrer seien. Denn im Jahr 2007 lag bei 70 Prozent der Unfälle, an denen ein über 65-Jähriger beteiligt war, die Schuld bei ebenjenem.

Generell sei es deshalb wünschenswert, dass man sich ab einem gewissen Alter regelmäßig auf die Fahrtauglichkeit untersuchen lasse, sagt Hannelore Hoffmann-Born, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin (DGVM) und leitende Ärztin beim Tüv Hessen. „Ab 75 sind gewisse biologische Einschränkungen normal“, betont die Verkehrsmedizinerin. In diesem Alter seien zum Beispiel das Sehvermögen und die Reaktionsgeschwindigkeit beeinträchtigt. Eine exakte Altersgrenze, ab der das Fahren schwerer falle, lasse sich aber nicht bestimmen. Noch etwas stört Hoffmann-Born am Vorschlag der Grünen. „Die Ärzte können die Untersuchungsergebnisse nicht einfach so an die Behörden weitergeben“, sagt die Tüv-Medizinerin. Dem stünde die ärztliche Schweigepflicht entgegen.

Statt auf Zwang setzt die DGVM-Funktionärin deshalb auf Freiwilligkeit. Dazu müsste die Politik aber die Voraussetzungen schaffen. „Ärzte sollten eine Gebühr für Beratungsgespräche zur Verkehrssicherheit erhalten.“ Generell müssten die Mediziner für die Problematik der älteren Autofahrer sensibilisiert werden. Und natürlich sollten die Krankenkassen die Kosten für die Fahrtauglichkeitstests übernehmen.

Die Linken-Politikerin Menzner hält jedoch wenig von freiwilligen Untersuchungen für die Alten. „Viele denken, ich fahre 50, 60 Jahre unfallfrei und merken gar nicht, wie sich ihr Reaktionsvermögen im Straßenverkehr verschlechtert“, erläuterte Menzner gegenüber der dpa. „Schließlich muss auch das Auto regelmäßig zum Tüv.“ Rechtlich ist es schon heute möglich, Autofahrern aus gesundheitlichen Gründen den Führerschein zu entziehen. „Wenn ein 80-Jähriger offensichtlich verwirrt durch die Gegend fährt und die Polizei ihn dabei erwischt, werden die Behörden benachrichtigt“, erklärt Hannelore Hoffmann-Born vom Tüv Hessen. Dann folgten Untersuchungen und Gutachten, die aber nur in Extremfällen zum Entzug der Fahrerlaubnis führten, sagt Hoffmann-Born. Die meisten Zwangstests fänden außerdem wegen Alkohol- oder Drogendelikten statt, nicht wegen des Alters.

Derweil protestiert die Autofahrerlobby gegen die Pläne von Grünen und Linken. „Der ADAC ist energisch gegen eine Testpflicht ab einem gewissen Alter“, sagt Automobilclub-Sprecher Dieter Wirsich. „Für alte Menschen ist Mobilität wichtig, die darf nicht angetastet werden.“ Außerdem käme den Alten ihre Erfahrung im Straßenverkehr zugute, erklärt der ADAC-Sprecher. Für ihn sind im Gegenteil die Fahranfänger das größere Risiko im Straßenverkehr. Aber auch der ADAC muss zugeben, dass die Fahrtüchtigkeit von Senioren oft eingeschränkt ist. „Deshalb empfehlen wir den älteren Verkehrsteilnehmern, selbstständig ihr Hör- und Sehvermögen kontrollieren zu lassen“, sagt Wirsich.

Sollte also Freiwilligkeit Vorfahrt haben? „Viele Fahrschulen bieten theoretische und praktische Auffrischungskurse für Senioren an“, sagt Peter Glowalla, Vorsitzender des Fahrlehrer-Verbands Berlin. „Fit im Verkehr“ heißt eines seiner Programme, das er seit mehr als 20 Jahren für ältere Fahrer anbietet. „Doch die Kurse sind leer, niemand geht hin“, bedauert Glowalla.

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