Straßenverkehr : Radeln im Regelwald

Nun rasen sie wieder durch Frankreich - auf Rädern, die jeder Berliner Polizist sofort aus dem Verkehr ziehen würde. Was ist im Alltag erlaubt und was nicht? Ist der Helm Vorschrift? Der i-Pod verboten? 50 ultimative Antworten.

Ariane Bemmer

Tour de France: 171 Radler aus 19 Teams heizen drei Wochen lang quer durch Frankreich – und brechen dabei unter lautem Beifall und von Millionen Fernsehzuschauern beobachtet sämtliche Regeln der Straßenverkehrsordnungen. Sie werden Tempolimits überschreiten und ohne zu gucken über Kreuzungen preschen, sie werden die Hände vom Lenker nehmen, kein Licht dabei haben und auch keine Reflektoren in den Speichen. Die Fahrer der Tour de France dürfen alles – außer Dopen. Das ist das Gegenteil dessen, was den Zur-Arbeit-Radler im Sattel erwartet. Die dürfen quasi nichts – außer Dopen. Oder?

50 Fragen an den Fachmann Benno Koch. Er ist der Berliner Fahrradbeauftragte und Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC.

Darf ich mich mit Epo dopen?

Ja, aber das bringt doch nichts. Epo hilft, Sekunden zu gewinnen. Die braucht auf dem Weg zur Arbeit doch keiner.



Muss ich einen Helm tragen?

Nein.

Wenn ein Radweg vorhanden ist, muss ich den benutzen?

In der Regel nicht. Benutzungspflichtig ist der Radweg nur, wenn er mit einem runden blau-weißen Schild gekennzeichnet ist. In Berlin sind das nur etwa 25 Prozent der Radwege.

Wie sieht ein benutzungspflichtiger Radweg aus?

1,50 Meter breit, er sollte möglichst gradlinig verlaufen und gute Sichtbeziehungen im Kreuzungsbereich haben.

Ab wann sollte ich Licht anmachen?

In der Dämmerung, wenn die Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer mit Licht fährt.

Stimmt es, dass festinstallierte Lampen mit Dynamo vorgeschrieben sind?

Ja, außer Sie haben ein Rennrad, das unter elf Kilogramm wiegt.



Das heißt, dass ich vorschriftswidrig handle, wenn ich an meinem Mountainbike eine Batterielampe montiere?

Ja.



Ist das nicht albern?

Doch. Deshalb gibt es in Berlin die inoffizielle Verabredung, Batterielampen zu dulden.



Muss ich Batterieleuchten dabei haben, wenn ich am helllichten Tag herumfahre?

Ja.

Wenn ich mit dem Rad auf der Straße fahre, wo fahre ich dann am besten?

Zwischen dem Lenkrad und den parkenden Autos muss ein Meter Abstand sein.

Wie viel Abstand müssen Autos halten?

Autofahrer müssen beim Überholen einen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zum Radfahrer halten. Wenn also eine normale Fahrspur 3,50 Meter breit ist, und ein Radlenker einen Meter breit und der Radler noch einen Meter Abstand zu den parkenden Autos hat, dann bedeutet das, dass ein Radler wie ein Auto richtig mit Spurwechsel überholt werden muss.



Darf ich, um die Autos zum „richtigen“ Überholen zu zwingen, mitten auf der Fahrbahn radeln?

Man kann sich als Radler bemühen, autofreundlich zu fahren. Aber man sollte dabei auf die eigene Sicherheit achten.

Dürfen Autofahrer mich anhupen?

Nein.

Wieso bin ich mit schuld, wenn ein Autofahrer seine Tür aufreißt, und ich dagegen fahre?

Weil Sie dann ganz offensichtlich den vorgeschriebenen Mindestabstand von einem Meter zum parkenden Auto nicht eingehalten haben.

Dürfen zwei Radler nebeneinander fahren?

Ja. Wenn der Verkehr dadurch nicht behindert wird. So lautet die Regel. Andererseits sollen Autofahrer ja Radfahrer großräumig umfahren. Ob einen oder zwei, macht da keinen Unterschied.

Wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin: Müssen alle hintereinanderher radeln?

Kommt auf die Gruppengröße an: Ab dem 16ten Teilnehmer können die Radler nebeneinander herfahren.

Darf ich freihändig fahren?

Nein.



Ist Telefonieren mit dem Handy erlaubt?

Nein, nur, wenn Sie eine Freisprechanlage haben.



Und Musikhören mit i-Pod oder Walkman?

Das ist nicht verboten, so lange das Wahrnehmungsvermögen nicht beeinträchtigt ist (das gilt auch für Autofahrer: überlaute Musik im Auto ist verboten).



Sollte ich, wenn ich Alkohol getrunken habe, nicht mehr auf den Sattel steigen?

Ein paar Radler wären schon möglich. Die Promillegrenze liegt bei 1,6. Kommt es allerdings zum Unfall, ist der Radler ab 0,3 Promille als Mitverursacher dran.

Darf ich in Einbahnstraßen in die Gegenrichtung fahren?

Nur, wenn die mit dem Zusatzschild „Radfahrer frei“ gekennzeichnet sind.

Darf ich in durch Grünanlagen fahren?

Nur da, wo die Wege als Radwege ausgewiesen sind. In Berlin sind beispielsweise alle Parkwege in den Bezirken Mitte und Lichtenberg für Radler freigegeben. In anderen Bezirken sind die Verantwortlichen weniger großzügig.



Darf ich auf dem Fußweg fahren?

Nein, nie.

Auch nicht, wenn ich in die falsche Richtung durch eine Einbahnstraße will?

Dann erst recht nicht.

Dürfen Kinder auf dem Fußweg fahren?

Kinder unter acht Jahren müssen auf dem Fußweg fahren, für die ist auch der Radweg verboten. Kinder bis zehn Jahren können auf dem Fußweg fahren. Alle, die älter sind als zehn, müssen auf dem Radweg oder der Straße fahren.

Gibt es Tempobegrenzungen für Radler?

Ja, es gelten die normalen Tempobegrenzungen (z.B. Tempo 10 in Spielstraßen) auch für Radler. Wer als Radfahrer durch eine Tempo-30-Zone pest, muss zahlen.

Muss ich beim Queren der Fahrbahn vom Rad absteigen?

Nein.

Darf ich meinen Hund mit dem Rad ausführen?

Ja.



Darf ich auf der Straße über durchgezogene Linien überholen?

Nein.

Muss ich Straßen an Ampeln überqueren?

Nein.

Darf ich an roten Ampeln ohne Grünen Pfeil rechts abbiegen?

Nein.

Wenn die Ampel rot ist, und sich die Autos stauen, darf ich dann bis nach vorne durchfahren?

Ja. Einen Stau oder eine Schlange vor der Ampel darf ich vorsichtig rechts überholen.



Wie oft sollte ich die Bremsen meines Fahrrads kontrollieren lassen?

Es gibt zwar keine vorgeschriebenen Sicherheits- und Qualitätschecks für Fahrräder. Aber die Gefährte müssen natürlich verkehrssicher sein. Ein Radfahrer ist nämlich ein Fahrzeugführer und kein Fußgänger auf zwei Rädern.

Was bedeuten abgefahrene Bremsen im Falle eines Unfalls?

Im Zweifelsfall eine Mithaftung. Allerdings sind Radunfälle, die auf technischen Fehlern beruhen, sehr selten – unter ein Prozent.



Wer zahlt die Schäden, wenn ich als Radler einen Unfall verursache?

Die Privathaftpflicht.



Darf ich auf dem Radweg in die dem Straßenverkehr entgegenlaufende Fahrtrichtung fahren?

Nein. Außer das ist durch ein gesondertes Zeichen erlaubt.

Kann ich meinen Autoführerschein verlieren für Fahrradsünden?

Ja. Wer rote Ampeln überfährt, bekommt auch Punkte in Flensburg, und ab 18 Punkten ist der Führerschein weg.



Ist Radfahren ein Risikofaktor, den ich meiner Lebens- oder Krankenversicherung melden muss?

Nein. Noch gilt Radfahren als gesund. Autofahrer leben viel gefährlicher.

Was mache ich mit meinem T-Mobile-Shirt – kann ich das überhaupt noch beim Radfahren anziehen?

Das gilt inzwischen als verpönt.

Warum gibt es überhaupt Fahrräder zu kaufen, die nicht straßentauglich sind?

Das wüsste ich auch gerne.



Darf ich mit Super-Rennmaschinen in der Stadt fahren?

Ja. Mit denen eher als mit einem Mountainbike, weil für die weniger strenge Beleuchtungsregeln gelten. Sie müssen gegebenenfalls aber auch den Radweg benutzen.



Kann ich mein Fahrrad mit Außenspiegeln und Ghettoblaster aufmotzen?

Ja. Es gibt keine Zulassungsbehörde, der man ein getuntes Rad vorführen müsste.



Hupe oder Klingel?

Hupen sind verboten. Vorgeschrieben ist eine „helltönende Glocke“.

Darf ich mit Schlauchkleid und 9-cm-Highheels radfahren?

Dazu gibt es keine Vorschriften.

Gibt es ein Mindestprofil für Radreifen?

Nein.

Muss ich mein Fahrrad an einer Laterne anschließen?

Die meisten Versicherungen schreiben vor, dass das Fahrrad an einem festen Gegenstand angeschlossen werden muss.

Geht auch ein Verkehrsschild?

Ja, solange das Rad das Zeichen nicht verdeckt. Bei privaten Schildern oder Zäunen sollten Sie aber nachfragen.

Ist es erlaubt, jemanden auf dem Gepäckträger mitzunehmen?

Nein. Ausnahme: Kindertransport in einem Kindersitz.



Wenn ich vom Einkaufen komme, hänge ich die schweren Tüten an den Lenker.

Das ist erlaubt. Ausdrücklich erlaubt ist das Mitführen eines zweiten Rades.

Dürfen Fahrräder quietschen?

Ja, aber nur die von Technikmuffeln, die sich das Radfahren schwermachen wollen.

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