Zeitung Heute : Strategien für Streber

GRIPS THEATER In Dirk Lauckes „Stress! Der Rest ist Leben“ machen sich Schüler fit für den Markt

PATRICK WILDERMANN

Als Dirk Laucke noch Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin studierte, unterrichte dort auch Volker Ludwig. Damals bereitete die theaterpädagogische Abteilung des Grips Theaters gerade ein Projekt vor, das gegen die Abschiebung einer Berliner Schülerin Partei nehmen sollte, Ludwig fragte seine Studenten, ob jemand daran mitwirken wolle. So kam es, dass Dirk Laucke einer der Autoren des Aktionsstücks „Hier geblieben!“ wurde, und im Rückblick, sagt er, sei das ein wichtiger Moment für sein Schreiben gewesen. Zuvor hatte er sich an artifizielleren Texten versucht, „ein bisschen die Richtung Heiner Müller, Thomas Brasch“, nun realisierte er, „dass eine Dringlichkeit von den Geschichten auf der Straße besteht. Man muss nur zuhören“. Und wenn Dirk Laucke eines auszeichnet, dann ist es sein Ohr für die Schicksalswechselfälle und die Sprache der Randständigen, die er, um die entscheidende poetische Nuance versetzt, auf die Bühne bringt. Laucke recherchiert viel, er redet mit den Leuten, und was sie ihm erzählen, fließt mal mehr, mal weniger direkt in seine Stücke ein.

Für die Grips-Produktion „Stress! Der Rest ist Leben“ hat er sich mit Schülern einer Realschule in Zehlendorf und einer in Kaulsdorf Nord unterhalten, herausgekommen ist ein bitterkomisches Stück über zwei Klassen, die sich in einen absurden Leistungswettbewerb begeben. „Teamworx – Das Wirtschaftsprojekt“ lockt die Schüler, eigene Unternehmensstrategien zu entwickeln, und nicht alle reagieren darauf so lakonisch wie der Schüler Marek: „Du suchst aus dem Netz so’n paar Sachen zu ’ner Firma, machst ’ne Excel-Datei mit Einnahmen und Ausgaben und schreibst, wie viele Leute man entlässt.“ Wie eine Beckett-Situation hat Laucke diesen Contest entworfen, aber freilich existieren solche fragwürdigen Anbandelungen zwischen Bildung und Wirtschaft längst auch in der Realität. Genauso, wie es Klassen gibt, die am Laptop lernen, auch das ein Motiv, das Laucke für „Stress!“ benutzt. Er hat bei den Siebtklässlern wahrgenommen, wie sehr sie bereits dem allgegenwärtigen Trimm-dich-Programm für die morgige Markttauglichkeit unterworfen sind, in einem Alter, „in dem sie eigentlich das Recht hätten, noch ein bisschen Kind zu sein“. Er sagt auch, er hätte beim Schreiben für Jugendliche eine andere Verantwortung gespürt als sonst, schließlich werden das Stück am Grips tausende junge Menschen sehen, darüber reden, sich Gedanken machen.

Leistungsdruck ist ein Thema, mit dem sich Dirk Laucke, gerade mal 27 Jahre alt und ein überaus freundlicher, wacher Gesprächspartner, selbst gut auskennt. Sicher, er ist gefragt, spätestens seit seinem Erfolg mit „alter ford escort dunkelblau“, dieser AC/DC-unterlegten Odyssee dreier klammer Getränkemarktarbeiter in ein groteskes Utopia, zählt er zu den begehrtesten Jungautoren der nachwuchsgierigen Bühnen. Aber als Selbstständiger ist man vor Flautezeiten nie geschützt. „Eigentlich hatte ich mich darauf eingerichtet, nach dem Studium von Hartz IV zu leben“, sagt er eher achselzuckend, er brauchte nie viel. Aber mittlerweile hat er ein Kind, eine teurere Wohnung als das vormalige Kreuzberger WG-Zimmer, auch er muss zusehen, wie er sich auf dem Markt behauptet.

Dirk Laucke, der aus Halle an der Saale stammt, würde Stücke über ostdeutsche Verlierer schreiben, heißt es. Auf zwei, drei seiner Arbeiten mag das zutreffen, vor allem schreibt er aber über Themen, zu denen er einen persönlichen Zugang findet, das macht seine Stücke so lebendig, so drängend gegenwärtig. Kürzlich verstarb in Lauckes Haus eine alte Frau, mit der er nie viel Kontakt hatte. Darüber kam er ins Grübeln, die Gedanken führten zu Fragen der Stadtentwicklung, der Gentrifizierung. Sein nächstes Stück wird davon handeln.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 11.2., 19.30 Uhr. 12. und 22.2., 18 Uhr, 23./24.2., 11 Uhr

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