Streik der Reinigungskräfte : Putzen soll sich wieder lohnen!

Sie sind die unsichtbaren Heinzelmännchen, die nachts durch Bürokomplexe und Praxen eilen, wischen und fegen. Nun wollen die Reinigungskräfte zu ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte streiken. Für bessere Arbeitsbedingungen. Ein Zwischenruf.

Hannes Heine

Für streikende Ärzte gibt es Verständnis, ihre Klagen werden zur Kenntnis genommen. Schließlich will man von einem zufriedenen Mediziner behandelt werden. Die mehr als 450 000 Reinigungskräfte sind dagegen die unsichtbaren Heinzelmännchen der Arbeitswelt: Sie fegen und wischen meist nachts, zu Gesicht bekommt man sie selten.

Nun wollen sich die Unsichtbaren zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte mit dem Mittel der Habenichtse wehren: Fast alle der rund 60 000 Putzfrauen und Putzmänner in der Gewerkschaft IG Bau haben für Streik gestimmt. Sie fordern 8,7 Prozent mehr Lohn und eine betriebliche Altersvorsorge. „Am 20. Oktober um Mitternacht geht’s los“, sagte Gewerkschaftschef Klaus Wiesehügel am Donnerstag. Macht er ernst, sitzen Politiker und Firmenchefs bald im Dreck.

Bisher galten 6,58 Euro im Osten, und 8,15 im Westen als Stundenlohn. Gewerkschaft und Arbeitgeber hatten den Tarif ausgehandelt, die Regierung erklärte ihn auf Antrag vorübergehend zum verbindlichen Mindestlohn. Netto blieben aber auch im Westen oft nur fünf Euro übrig. Hinzu komme, berichten Reinigungskräfte, dass die Zeitpläne so eng seien, dass sie oft viel länger putzen müssen, als ihnen Stunden dafür bezahlt werden. Für ein Abgeordnetenzimmer etwa bleiben einer Reinigungskraft nur rund vier Minuten.

Die IG Bau kündigte den Tarifvertrag, ein bisschen mehr müsse wohl drin sein. Die Branche verdient gut, das bestreiten die Arbeitgeber nicht. Auch in der Krise sollen die Büros der Entscheider in Konzern- und Parteizentralen schließlich sauber sein. Allein mit Reinigung machte etwa der Berliner Dienstleister Dussmann 2008 mehr als 19 Millionen Euro Gewinn.

Seit der Mindestlohn nicht mehr gilt, wollen einige Reinigungsfirmen ihre Mitarbeiter für sechs Euro die Stunde arbeiten lassen. Gerade für Teilzeitbeschäftigte bedeutet das, zusätzlich Hartz IV zu beantragen. Offiziell bietet der Arbeitgeberverband auf den alten Tarif rund drei Prozent mehr – aber erst 2010. Macht auf ein Jahr gerechnet nur noch zwei Prozent. „Frechheit“, sagen die Putzer und wollen die Arbeit dort niederlegen, wo sie aus Sicherheitsgründen nicht so schnell zu ersetzen sind: Flughäfen, Kliniken, Parlamente.

Schwerpunkt des Streiks soll die Hauptstadt werden. Eine der großen Firmen der Branche putzt hier die Parteizentralen von CDU und SPD. Jeden Tag tragen die Kollegen Müll raus, wischen Tische, saugen Flure. Bis jetzt. „Gesundheit hat ihren Preis“, sagten die Ärzte. Sauberkeit auch.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben