Streikende Bauern : Die Milchlädchenrechnung

Deutsche Milchbauern haben ihren Lieferstreik ausgeweitet, weil sie mehr Geld von den Molkereien fordern. Welche Auswirkungen hat das auf Verbraucher?

Maren Peters

Worum geht es in dem Milchstreit?

Die Milchbauern protestieren, weil sie von den Molkereien mehr Geld für ihre Milch haben wollen. Je nach Region liegen die Preise zurzeit bei 27 bis 35 Cent je Liter Vollmilch. Das decke die Kosten aber nicht, weil auch die Ausgaben für Futter und Energie deutlich gestiegen seien, heißt es bei den Milchbauern. Ein Preis von mindestens 43 Cent sei daher „ein absolutes Muss“, sagt der Chef des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber. Nach Schätzungen des Verbands beteiligen sich 50 bis 60 Prozent aller Milcherzeuger in Deutschland an dem Streik. Nach BDM-Angaben liefern allein von den rund 33 000 Mitgliedern, die rund 45 Prozent der heimischen Milch erzeugen, mittlerweile mehr als 90 Prozent keine Milch mehr aus. Außerdem zeigten sich viele der rund 60 000 Milchbauern, die nicht dem Verband angehören, solidarisch. Bundesweit seien mehr als 50 Prozent der üblichen Menge von 77 Millionen Litern pro Tag nicht geliefert worden. Auch in den Niederlanden, Belgien, Österreich und der Schweiz sind inzwischen Landwirte in den Ausstand getreten.

Was passiert jetzt mit der Milch?

Da die Bauern die Kühe aber im gewohnten Rhythmus melken müssen, müssen Millionen Liter Milch nun anderweitig Verwendung finden. Nach Angaben einer BDM-Sprecherin wird die Milch entweder an Kälber und Kühe verfüttert oder der Gülle beigemischt und als Dünger aufs Feld aufgebracht. Die Bauern verlieren dadurch ihr Einkommen. „Sie verzichten jeden Tag auf ihr komplettes Milchgeld“, sagt die Sprecherin. Eine Streikkasse – wie bei Gewerkschaften – gibt es für die demonstrierenden Bauern nicht.

Gibt es Engpässe auf dem Milchmarkt?

Der Erzeugerverband BDM kündigt den Zusammenbruch der Versorgung noch in dieser Woche an. Handel und Molkereien erwarten dagegen vorerst keine Folgen des Streiks für Verbraucher. Ausreichend Milch werde es in den Supermärkten auch künftig geben. „Wir gehen davon aus, dass die Molkereien ihre Verträge einhalten können“, sagt ein Sprecher von Edeka Minden-Hannover, zu dem auch Reichelt gehört. Dafür verantwortlich, dass die Milch trotz Streik in ausreichender Menge fließt, sind nämlich die rund 100 deutschen Molkereien, die feste Lieferkontrakte mit den Einzelhändlern haben. Um diese Verträge zu erfüllen, kaufen sie die streikbedingt fehlende Milch woanders ein. „Auf europäischer Ebene ist noch genügend da“, betont Michael Brandl, der Geschäftsführer des Verbandes der Milchindustrie. Die Frage sei aber, wie lange der Streik noch andauere und wie viele Milchbauern sich daran noch beteiligen werden. Die Milch wird heute auch schon zum Teil im Ausland eingekauft, in Ländern wie Belgien, Frankreich, Luxemburg oder Frankreich. Um Engpässe im Supermarkt zu vermeiden, könnten die Molkereien auch ihre Produktion kurzfristig umlenken, sagt Brandl, und zum Beispiel weniger Käse und dafür mehr Frischmilch produzieren. Nur zehn Prozent der Milch würden normalerweise als Frischmilch verkauft.

Könnte Milch wieder teurer werden?

Das ist auf kurze Sicht unwahrscheinlich. Die Milchpreise sind erst im April durch Verträge zwischen großen Einzelhandelsketten wie Aldi und den Molkereien festgezurrt worden. Seitdem sind die Preise stark gefallen. Verbraucher können den Liter Vollmilch im Supermarkt wieder zum Preis ab 61 Cent kaufen – zwölf Cent weniger als vorher. Die Händler begründen das mit dem größeren Milchangebot. Weil die Verträge in der Regel über sechs Monate laufen, erwarten sowohl Erzeuger als auch Molkereien, dass sich die Preise erst im Herbst bewegen werden, und zwar nach oben.

Wie kommt der Milchpreis zustande?

Der Preis wird durch Angebot und Nachfrage geregelt, aber auch durch die Nachfragemacht der großen Lebensmittelhändler wie Aldi, Edeka oder Rewe. Im vergangenen Jahr zog die Nachfrage nach Milch weltweit an. Da die Bauern mit der Produktion nicht so schnell hinterherkamen, stiegen auch die Preise für Milch und Milchprodukte in Deutschland kräftig. Viele Verbraucher kauften deshalb weniger, die Nachfrage ging also zurück. Für die Bauern dagegen wurde die Milchproduktion wegen der hohen Preise wieder attraktiv, im November bekamen sie 42 Cent für den Liter, vor zwei Jahren waren es nur 26 Cent. Viele produzierten daher wieder mehr. Seit dem Frühjahr ist das Angebot an Milch am Markt daher wieder sehr groß.

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