Streit um die Milch : Blinde Kuh

Maren Peters

Es kann einem schon ein bisschen mulmig werden bei der Vorstellung, in den Supermarkt seines Vertrauens zu gehen und plötzlich vor einem leeren Milchregal zu stehen. Milch war jahrzehntelang kein Thema, immer war genug da, meistens war sie billig. Und jetzt? Schütten die Bauern die Milch lieber in den Gulli oder als Dünger aufs Feld, als sie zum Dumpingpreis an Handel und Verbraucher weiterzureichen. Und in Afrika hungern die Kinder.

Es ist natürlich völlig unsinnig, ein ähnliches Szenario auch in Deutschland zu skizzieren. Selbst wenn es in den nächsten Tagen Engpässe im Kühlregal geben sollte: Es ist genug Milch da. Die Frage ist nur: zu welchem Preis? „Fair“ soll er sein, fordern die Bauern. Aber was ist eigentlich fair?

Ist es fair, Verbrauchern, die ohnehin immer weniger im Portemonnaie haben, neben höheren Preisen für Energie noch einen höheren Preis für das Grundnahrungsmittel Milch zuzumuten?

Der Durchschnittsverbraucher wird die Frage empört mit nein beantworten. Das liegt merkwürdigerweise gerade daran, dass Milch – auch wenn sie über Jahre im Supermarkt verramscht wurde – zu Recht als etwas ganz Besonderes gesehen wird. Banal gesprochen: Neben vielen Proteinen und Mineralstoffen schwimmen viele Gefühle in der Milch mit. Es ist die „gute“Milch, unverzichtbar als das erste Nahrungsmittel für uns alle. Ohne Milch gibt es kein Überleben, wenn Milch knapp wird, geht das an die Existenz. „Die Milch macht’s“, mit diesem alten Werbespruch haben die bäuerlichen Vermarkter von der CMA schon nicht ganz unrecht. Und darum, meinen Verbraucher, müsse der Handel, der Staat oder wer auch immer garantieren, dass die Milch billig und in ausreichender Menge fließt.

Wie ernst es ihnen mit diesem Anspruch ist, zeigte sich im vergangenen Jahr: Als das an sich hoch geschätzte Lebensmittel im Supermarkt plötzlich ein paar Cent mehr kostete, weil auch Asiaten plötzlich mehr Milch trinken wollen und das Angebot weltweit knapper wurde, streikten viele Verbraucher. Und kauften weniger Milch, weil sie ihnen zu teuer wurde. Dabei war der Liter Frischmilch selbst dann noch billiger als eine Flasche Cola oder Eistee aus der Fabrik, für die dieselben Verbraucher ohne zu Murren sehr viel mehr Geld zu zahlen bereit sind.

Auch deshalb fragen sich viele Bauern zu Recht, ob Verbraucher noch richtig ticken, wenn sie sich über die angeblich so teure Milch beschweren.

Denn auf der anderen Seite des Euters steht der kleine Bauer aus dem Allgäu, der um seine Existenz fürchten muss, weil der gesunkene Erzeugerpreis für die Milch seine drastisch gestiegenen Ausgaben für Energie und Futtermittel nicht mehr deckt. Er argumentiert, dass er für sein Milchgeld ja nicht nur seine Kühe pflegt, sondern auch die schöne Berglandschaft, in der viele Milchtrinker im Sommer wandern gehen. Recht hat er.

Gar nicht so einfach also, den fairen Milchpreis zu finden. Klar ist: Es gibt im Moment – anders als noch im letzten Jahr – zu viel Milch auf dem Markt, darum sind die Preise wieder niedrig. Schuld daran sind aber auch die Bauern, die wegen der hohen Preise im vergangenen Jahr die Produktion ausgeweitet haben – weit über die von der EU erlaubte Milchquote hinaus, die ja gerade Milchseen und Preisverfall verhindern soll. Jetzt beschweren sie sich über die Folgen.

Andererseits kann man den Bauern natürlich nicht verübeln, dass sie mehr verdienen wollen und daher Millionen Liter lieber wegschütten, um wieder höhere Preise durchzusetzen.

Das wird dieses Mal wahrscheinlich sogar funktionieren. Erste Einzelhändler haben Gesprächsbereitschaft signalisiert – auch deshalb, weil ihre Frischetheken langsam leerer werden. Auf lange Sicht werden den Milcherzeugern aber rauere Winde um die Ohren wehen. 2015 kippt Brüssel die Milchquote. Spätestens dann werden sich die Bauern mit mehr Wettbewerb und stärkeren Preisschwankungen abfinden müssen, ob sie wollen oder nicht. Und die Verbraucher daran gewöhnen müssen, dass man für „gute“ Milch auch gutes Geld zahlen muss.

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