Zeitung Heute : Streiten, schlichten, streiten

Herta Däubler-Gmelin ist wieder da: Sie hat im Tarifstreit der Fluglotsen erfolgreich vermittelt. Und die Wut von früher ist noch nicht verraucht

Constanze Bullion

Es gibt Menschen, die sind zum Streiten begabt. Und solche, die besser zum Schlichten taugen, weil sie sich so geräuschlos bewegen können, dass man sie oft gar nicht bemerkt.

Herta Däubler-Gmelin gehört von Natur aus bekanntlich zur ersten Gruppe und zu denen, für die das Debattieren und das Durchsetzen so eine Art Grundnahrungsmittel ist. Die Sozialdemokratin ist 63 Jahre alt, sie ist mit Wolfgang Schäuble die dienstälteste Politikerin im Bundestag, war mal Justizministerin und musste abtreten, weil sie George W. Bush angeblich mit Hitler verglichen hatte. Jetzt ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht: als Schlichterin im Tarifstreit der Fluglotsen, der am Donnerstag zu Ende gegangen ist. Erfolgreich, wie beide Seiten versichern. Erfolgreich aber vor allem für Herta Däubler-Gmelin.

Schließlich kommt es seit einiger Zeit nicht mehr so häufig vor, dass Journalisten sich um sie drängen und sie das Viele, was sie weiß, auch mal unters Volk bringen kann. Wie ist es eigentlich, das Leben nach der Macht? Wie überlebt man so einen Absturz von ganz oben? Alles Fragen, die sie nicht beantworten wird. Jedenfalls nicht so direkt.

Ein Donnerstagnachmittag im Bundestag, die Reihen der Abgeordneten sind fast leer, vorn spricht eine junge Frau über das „Telemediengesetz“, und im Irgendwo der hinteren Bänke arbeitet Herta Däubler-Gmelin sich durch eine Akte. Eine eilige Handschrift fliegt da über die Seiten, vermerkt, notiert, macht Korrekturen. Wie früher eben, nur die Inhalte sind jetzt andere.

Die ehemalige Ministerin sitzt inzwischen dem Menschenrechtsausschuss des Bundestags vor, leitet den Gesprächskreis Afrika der SPD, kümmert sich um das Thema Sterbehilfe und war mal in Sachen Landwirtschaft unterwegs. Alles honorige Themen also, aber natürlich ein paar Nummern zu klein für eine wie sie. Auch wenn sie das so nie sagen würde.

Als Herta Däubler-Gmelin im Restaurant des Bundestags auftaucht, wirkt sie gut gelaunt und stellt erst einmal klar, dass das Aufnahmegerät doch bittschön abgestellt wird. Entweder jetzt oder sofort. Weil sie selbst keines dabei hat und sich nur ungern in die Hand irgendwelcher Medienleute begibt.

Sie ist vorsichtig geworden in ihrem langen Politikerleben. Auch wenn sie als schwäbische „Schwertgosch“ gilt, scheint hinter dieser schnellsprechenden, schnelldenkenden Fassade ein Geist zu wohnen, der misstrauisch auf der Lauer liegt. Herta Däubler-Gmelin ist eine, die immer unter Strom steht, die Tag und Nacht arbeitet und Dinge gestalten will. Sie hat sich oft für Leute eingesetzt, die nicht so stark waren, für Minderheiten, „die anderen brauchen mich ja nicht“. In der SPD hat sie sich durchgeboxt, erst als „Musterschülerin“ des „Oberlehrers“ Hans-Jochen Vogel, dann als Justiziministerin im ersten rot-grünen Kabinett. Da hat sie viel erreicht – und manche genervt. Weil sie so oft schon zu wissen glaubte, was andere gerade sagen wollten.

„Im Notfall flach hinlegen und auf Hilfe warten!“, soll ein Mitarbeiter mal einem Besucher geraten haben, und natürlich ist das so ein Spruch, den die Leute sich merken. Herta Däubler-Gmelin kann ungemütlich werden, aber wer ihre Biografie kennt, kann sich vorstellen, dass diese Kratzbürstigkeit sie auch vorangebracht hat.

Das Streiten jedenfalls hat sie früh gelernt, bei ihrem Vater, der im Dritten Reich ein hoher Beamter im deutsch besetzten „Protektorat Böhmen und Mähren“ war und nach dem Krieg 20 Jahre Oberbürgermeister von Tübingen. Ein Nazi? „Mein Vater war sicher Nazi, aber nicht einer der Verbrecher – und einer, der sich der Diskussion gestellt hat“, sagt Herta Däubler-Gmelin, die damals gegen das Schweigen der Alten gekämpft hat. Aber auch gegen die Radikalisierung der Jungen.

Sie hat an der Freien Universität Berlin studiert und Willy Brandt bewundert, auch für einen Politikbegriff, der „viel weniger auf Caritas ausgerichtet war als auf Visionen und ihre Machbarkeit“. Auch sie selbst hatte Visionen, etwa die einer SPD, in der Frauen etwas werden können. Also hat sie den etablierten Männern „in die Suppe gespuckt“. Die Männer haben das nicht so gemocht. Sie kann, wird sie später sagen, „mit schwachen Männern am wenigsten“.

Es gibt Gestalten, die Herta Däubler-Gmelin für besonders ärgerliche Wichte zu halten scheint. Gerhard Schröder zum Beispiel, der sie 1998 an die Spitze des Justizministerium setzte, sie wichtige Reformen anschieben ließ, schnellere Zivilverfahren etwa, ein neues Schuldrecht oder die Homoehe. Bevor er sie im September 2002 in die Wüste schickte. Kurz vor der Wahl schrieb eine Zeitung, die Ministerin habe George W. Bush wegen des Irakkriegs mit Hitler verglichen. In den USA fand man das nicht lustig, da schickte Schröder den alten Hans-Jochen Vogel los. Er sollte es ihr sagen. Dass es vorbei war.

Herta Däubler-Gmelin schnaubt jetzt fast vor Wut, sie scheint gar nicht fassen zu können, dass sie gefragt wird, ob sie damals einen Fehler gemacht hat. „Voll erfunden“ sei der Zeitungsbericht gewesen, „grob unsinnig“ das umstrittene Zitat, und das Verhalten von Herrn Schröder, na ja. „Es war schäbig“, und nein, es ist nicht bitter. „Es war bitter.“

Überflüssig, jetzt zu fragen, wie eine Politikerin sich fühlt, die in voller Fahrt aus der Kurve geflogen ist. Prima, sagt Herta Däubler-Gmelin, die sich jetzt noch stärker in der Hospizbewegung engagieren will und für Menschen, die sich „einen Dreck“ um den Politikbetrieb kümmern. Was sie nicht sagt, weiß ein anderer, wohlwollender Beobachter zu berichten: dass sie krank wurde nach dem Rücktritt, kaum noch laufen konnte vor Rückenschmerzen, trotzdem immer neue Termine machte und mühsam lernen musste, sich um sich selbst zu kümmern. Damals versicherte sie jedem, wie toll die Freiheit sei, und jeder, der sehen konnte, sah eine Frau, die alles ertragen konnte, nur keine freie Zeit.

Bei den Fluglotsen sagen sie übrigens, dass sie gut geschlichtet hat. Zielstrebig, ausdauernd, vor allem geduldig. Als sie aufsteht im Restaurant des Bundestags, wirkt Herta Däubler-Gmelin irgendwie verstimmt. Sie nickt, geht schnell und dreht sich nicht mehr um.

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