Zeitung Heute : Streithähne zu Lämmern

Der Tagesspiegel

Kreuzberg. Übersehen werden kann er nicht: Der weiß-gelbe Wohnriegel der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GWS) dominiert die Gegend am Kottbusser Tor. Über 3000 Mieter hat die Gesellschaft hier und in den sü dlich anschließenden Straßenzügen bis zum Landwehrkanal unter Vertrag. 50 Prozent davon sind nichtdeutscher Herkunft, 40 Prozent Kinder und Jugendliche, 20 Prozent Sozialhilfeempfänger.

„In diesen Wohnungen kommt es am häufigsten zu Konflikten zwischen den Mietern, die über normale Alltagsstreitigkeiten hinausgehen“, sagt GSW-Geschäftsführer Heinz Wirries. Oft würden arabische und türkische Bewohner aneinandergeraten oder Russen mit Aussiedlern aus anderen Ländern. Aber auch von den deutschen Mietern seien viele ausländerfeindlich. Deshalb hat sich die GSW vor zwei Jahren entschlossen, gemeinsam mit dem sozialen Dienstleistungsunternehmen „Lowtec“ ein Konfliktmanagement mit dem Namen „KOM -Kommunikation im Kiez“ am Kottbusser Tor einzurichten. „Die Idee dahinter war, einer möglichen Kündigung oder Räumung der Mieter zuvorzukommen und mit der Problemlösung vorher anzusetzen“, so Wirries. Nach eineinhalb Jahren haben GSW und Lowtec jetzt ein Resümee der Arbeit gezogen.

Seit September 2000 haben sich die beiden Sozialpädagogen Thomas Berger und Ursel Rötzscher-Gellert mit 90 Konflikten auseinander gesetzt und nur in vier Fällen keine Lösung erzielen können. „In der Regel wenden sich die Mieter mit ihrem Problem zuerst an die GSW-Geschäftsstelle, die dann wiederum uns beauftragt zu vermitteln“, erklä rt Berger. Der Sozialpädagoge lädt die Konfliktparteien dann meist in das KOM-Büro. „Dort, in einer neutralen Situation, reden die Streithähne viel unbefangener miteinander“. Ziel sei es, die Angst voreinander abzubauen, die Leute dazu zu bringen, ihre Probleme selber zu lösen. So hätte es einmal Krach gegeben, weil eine türkische Familie auf dem Balkon grillte und der Rauch zu einer deutschen Familie ins Wohnzimmer zog. „Jetzt hat man sich geeinigt, daß die Türken nur noch grillen, wenn die Deutschen nicht da sind“, erzählt Berger. Die Zukunft des Projekts allerdings ist unsicher. Bisher wurde es je zu gleichen Teilen vom Arbeitsamt, der Senatsverwaltung für Arbeit und der GSW finanziert, die Finanzierung konnte auch noch einmal bis September verlängert werden, danach aber läuft sie aus. Wirries appelliert vor allem an den Bezirk, die Arbeit zu unterstützen. Udo Badelt

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