Zeitung Heute : Stress lass nach

Jahresendspurt in den Betrieben: Warum kleine Auszeiten die Arbeitseffizienz sogar noch erhöhen

Regina-C. Henkel

Wenn´s doch nur der Stress wäre, kurz vor Heiligabend noch für die restlichen Weihnachtsgeschenke und das familiäre Festessen durch die Kaufhäuser zu hetzen. Der Dezember ist auch beruflich besonders anstrengend. Jahresendspurt heißt die Devise – im Vertrieb und Verkauf ganz besonders. Die in diesem Jahr ausgesprochen arbeitgeberfreundlich fallenden Festtage ändern nichts daran, dass noch tüchtig rangeklotzt werden muss. In den meisten Betrieben geht mit dem letzten Arbeitstag des Jahres auch das Geschäftsjahr zu Ende – und die Bücher müssen schließlich stimmen.

Doch ist die gestellte Aufgabe, in den kommenden Wochen die Ärmel noch einmal richtig hochzukrämpeln und nebenbei auch noch die privaten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen, wirklich gleichbedeutend mit krank machendem Stress? Für Ulrich Völker lautet die Antwort eindeutig „nein“. Der Berliner Psychologie-Professor ( siehe Randspalte) bezeichnet es als „eine unzutreffende Annahme“, dass die Gesundheit durch außergewöhnliche Belastungen automatisch Schaden nimmt. Im Gegenteil. Wer Aufgaben als positive Herausforderungen annimmt, fühlt sich sogar ausgesprochen gut – und ist deshalb auch besonders leistungsfähig.

Stellt sich die Frage, weshalb alle Welt über „Stress“ redet, wenn sich zu hohen beruflichen Anforderungen zusätzlich auch noch private Vorhaben gesellen. Psychologie-Professor Völker erklärt das Phänomen mit dem verbreiteten Vorurteil, dass Erregung und Anspannung grundsätzlich negativ auf den Menschen wirken. Dabei ist beides zur Bewältigung von Aufgaben, die außerhalb der Routine liegen, sogar zwingend erforderlich. Im positiven Fall, etwa bei der Vorbereitung auf eine Prüfung, bei sportlichen Wettkämpfen oder auch bei einer harmonischen Weihnachtsfeier, stärkt die – in diesem Fall „Eustress“ genannte – Anspannung sogar das körpereigene Immunsystem und die Leistungsfähigkeit. Nur im negativen Fall – bei dem von „Distress“ gesprochen wird– schadet man seiner Gesundheit.

Eine Erklärung für dieses Phänomen hat der 1907 in Wien geborene Mediziner Hans Selye bereits vor rund 70 Jahren geliefert. Seine Theorie geht von drei typischen Stress-Phasen aus: Am Anfang steht die Alarmphase, bei der sich die Pupillen und Bronchien erweitern, die Blutgefäße verengen und die Magen-Darm-Peristaltik verlangsamt. Alles zusammen liefert die körperlich besten Voraussetzungen für mentale Spitzenleistungen: etwa sich bei einer Preisverhandlung durchzusetzen, einen perfekten Vortrag zu halten oder ein Strategiepapier für die Umstellung auf ein neues Produkt auszuarbeiten. Gleichzeitig versetzt die Anspannung in den Zustand des so genannten Flow (siehe Infokasten): Man kann sich konzentrieren, lässt sich nicht von jeder Kleinigkeit ablenken und arbeitet ergebnisorientiert.

Hält die Stress auslösende Situation jedoch länger an, gehen die Vorteile verloren. Es setzt die so genannte Widerstandsphase ein, die Fachleute an psychosomatischen Erkrankungen wie Asthma, Bluthochdruck oder Magenstörungen erkennen. Die Erschöpfungsphase schließlich geht mit Infektanfälligkeit, depressiven oder Angstzuständen einher.

Dass die zweite und dritte Stressphase für die Unternehmen teuer zu Buche schlagen, ist keine Überraschung. Laut Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation belaufen sich die Verluste durch Stress am Arbeitsplatz hierzulande auf jährlich mehr als drei Milliarden Euro. Der Kölner Ökonomie-Professor Winfried Panse hat sogar hochgerechnet, dass berufsbedingte Ängste jährlich einen Gesamtschaden von 100 Milliarden Euro anrichten. Doch auch für den Einzelnen ist der unprofessionelle Umgang mit Anspannung eine teure Angelegenheit. Distress soll für sieben Prozent aller Frühpensionierungen verantwortlich sein.

Eine kostspielige Misere, die nach Überzeugung von Psychologie-Professor Völker aus einem Grund ganz besonders ärgerlich ist: „Den schädlichen Stress erzeugen wir durch irrationale Wahrnehmungs- und Denkmuster zu einem großen Teil selbst.“ Immerhin kann übermäßigem Druck auf Unternehmensebene begegnet werden – etwa mit klareren Organisationsstrukturen und verbesserter Kommunikation. Der Raum für mehr Kreativität und Individualität, den Bestseller-Autor Tom de Marco vor drei Jahren in seinem Buch „Spielräume. Projektmanagement jenseits von Burn-out, Stress und Effizienzwahn“ gefordert hat, ist in Unternehmen wie Deutsche Bank, Daimler-Chrysler oder B. Braun Melsungen heute bereits ansatzweise vorhanden.

Am meisten verändern kann aber jeder Einzelne selbst. Es gibt kein einfaches Rezept, viel Eustress und möglichst wenig Distress zu erleben. Ulrich Völker schlägt vor, sich von der Vorstellung zu verabschieden, „dass der Alltag keine Zeit für Muße und Entspannung lässt“. Er empfiehlt täglich mehrere kleine Auszeiten, und zwar keinesfalls nur zur Weihnachtszeit und nicht nur, um die Arbeitseffizienz zu steigern. Denn: „Wer unter Druck steht und sich auf ein Problem fixiert, schränkt sein Denken ein. Ohne Abstand zu nehmen kommt man nie auf die Lösung und erlebt deshalb auch keinen Erfolg.“

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