Stressabbau : Das Gespräch mit sich selbst

Selbstgespräche werden total unterschätzt. Dabei sind Selbstgespräche eine gute Sache. Schon Oscar Wilde empfand sie als „größtes Vergnügen“. Der Mann, der mit den Geheimratsecken, führt auch mitunter Selbstgespräche. Morgens zum Beispiel, vor dem Spiegel, sagt er mitunter, dass wohl mal wieder Zeit ist, sich schön zu trinken. Auch Frau kann Selbstgespräche führen. Simples Beispiel: Wenn Frau gerade Geburtstag hat, sagt sie „Glückwunsch, Gerdis“ oder so ähnlich. Oder wenn sie eine wunderbare Tochter hat, die Tochter aber noch nicht da ist, sie, die Frau, auch noch gerne in die Berge geht, wie gesagt, simples Beispiel, dann sagt sie: „Pack ma’s, Mädels, ab ins Karwendel.“

Nicht nur im privaten Gebrauch sind Selbstgespräche von Nutzen. Professor Hans-Dieter Herrmann von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (eine formelle Vorstellung im Selbstgespräch dürfte in diesem Fall etwas länglich geraten) hat gerade dem Selbstgespräch am Arbeitsplatz zugeredet. Dort nämlich, so der Professor, könne es hervorragend zum Stressabbau dienen. Das verhindert im Weiteren die Schwächung der Immunabwehr, die ihrerseits die Infektionsgefahr senkt. Ist doch gut, wenn man mal mit sich darüber geredet hat.

Selbstgespräche am Arbeitsplatz haben den unschätzbaren Vorteil, dass man endlich einmal auf dem eigenen Niveau kommunizieren kann. Auch sind Widerworte oder Gegenargumente seltener zu ertragen. Tonfall und Lautstärke bleiben selbst im Selbststreitgespräch moderat. Wer pöbelt oder schreit sich schon selber an. Manchmal ist dergleichen zwar in der Öffentlichkeit zu beobachten, in der U-Bahn, aber auch auf offener Straße, aber diese Gespräche haben gerade dazu geführt, dass Selbstgesprächen ein mieser Ruf vorauseilt.

Deshalb sollte man bei den meisten Gesprächen mit sich selbst, besonders am Arbeitsplatz, dafür sorgen, dass man unter sich bleibt. Mitgehörte Selbstgespräche könnten sonst fatale Folgen haben, gerade weil sie im Grunde genommen keine Selbstgespräche mehr sind. Der oder die, über die das Selbstgespräch geführt werden soll, sollte auf jeden Fall den Raum schon verlassen haben. Dann aber, so die Wissenschaftler, können Selbstgespräche sehr motivierend und lobend sein. So wie „Glückwunsch, Gerdis“ und „Pack ma’s, Mädels!“ sagt man sich am Arbeitsplatz „Gut gemacht, sehr gut“ oder „Nur noch vier Zeilen“. Dann kommt der Moment, in dem der Mann, Mittfünfziger, auch mal wieder mit sich selbst redet und „Fertig“ murmelt. Helmut Schümann

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