Zeitung Heute : Strichliste des Todes

89 amerikanische und 30 britische Soldaten sind in den ersten 20 Kriegstagen gefallen. Für die irakische Seite gibt es keine verlässlichen Zahlen. Wie viele Zivilisten bisher getötet wurden, kann auch nur vermutet werden. Es sollen Tausende sein.

Alexander Visser

Am Freitag, den 28. März, schlägt eine Rakete auf dem Al Nasser Markt in Bagdad ein. „Ein Angriff der Alliierten“, meldet Bagdad. „Vermutlich eine fehlgeleitete irakische Luftabwehrrakete“, heißt es aus London. Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtet von mindestens 30 Toten, Reuters meldet mindestens 50 Opfer, der katarische Nachrichtensender Al Dschasira spricht von 55 Toten. Genaue Zahlen erfährt die Öffentlichkeit nicht, schließlich muss schon am nächsten Tag von neuen Bombenopfern berichtet werden. Die Krankenhäuser in Bagdad sind überlastet, Opferzahlen können sie nicht auch noch angeben. Wie – und wie genau – kann die Zahl der zivilen Opfer dieses Krieges überhaupt bestimmt werden?

„Die Kriegstoten bei den meisten Konflikten werden ermittelt, indem Journalisten abends an der Hotelbar schätzen, wie viele Leichen sie am Tag in den Straßen haben liegen sehen“, sagt Jens Siegelberg. Er leitet die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (Akuf) an der Universität Hamburg, die seit Jahren bemüht ist, Ursachen und Folgen der Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren. Dabei gehört die Ermittlung der zivilen Opfer Siegelberg zufolge zu den schwierigsten Aufgaben. Auch die Wissenschaft sei auf Zahlen aus den Medien angewiesen, obwohl diese meist nur grobe Schätzungen seien. Doch sei ein Krieg mit hoher Medienpräsenz, wie jetzt im Irak, viel einfacher zu dokumentieren, als Bürgerkriege in abgelegenen Provinzregionen, wie jetzt etwa im Kongo.

Private Leichenzähler

„Die offiziellen Angaben der Kriegsparteien sind eigentlich nie vertrauenswürdig“, sagt Siegelberg. Das zeigt sich auch im Irak: Bagdad ist offensichtlich bemüht, möglichst hohe zivile Opferzahlen zu verkünden. Andererseits will das Regime die desaströs hohen Verluste innerhalb der eigenen Truppen nicht zugeben. Daher unterscheidet Bagdad bei den Angaben der Opfer nicht zwischen Zivilisten und Soldaten. Die Alliierten berichten zwar regelmäßig über die Anzahl ihrer Gefallenen – bis Dienstag sind mindestens 89 amerikanische und 30 britische Soldaten im Irak gestorben. Doch zu Opfern unter der irakischen Bevölkerung äußern sich die Alliierten nur in Einzelfällen.

Gegen das offizielle Schweigen über die getöteten Zivilisten wollen britische Friedensaktivisten mit einer Kampagne im Internet angehen: www.iraqbodycount.net verzeichnet alle gemeldeten Vorfälle, bei denen Zivilisten getötet wurden. Dabei stützen sich die „Leichenzähler“ nicht auf offizielle Verlautbarungen, sondern auf als seriös eingeschätzte Quellen wie die britische Nachrichtenagentur Reuters oder das Rote Kreuz. Nur wenn mindestens zwei unabhängige Quellen über einen Vorfall berichten, wird er registriert. Bei abweichenden Opferzahlen wird der minimale und der maximale Wert angegeben.

Nur ein Schätzwert

Insgesamt haben die Friedensaktivisten mit ihrer vorsichtigen Methode bis Dienstagnachmittag mindestens 900 und maximal 1073 zivile Kriegsopfer ermittelt. Mit ihrer Aktion wollen die 19 beteiligten Aktivisten auf die Konsequenzen des Militäreinsatzes hinweisen: „Jeder Tod von Zivilisten ist eine Tragödie und sollte niemals als der Preis für die Erreichung von Kriegszielen unseres Landes betrachtet werden, denn wir müssen diesen Preis nicht zahlen.“

Auch die Gesamtbilanz des Irak-Krieges wird aus einem Schätzwert bestehen. Wie beim Golfkrieg von 1991. Laut der Hamburger Akuf meldete die irakische Regierung 40000 zivile Opfer. Oppositionsgruppen schätzten, dass 70000 bis 180000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

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