Zeitung Heute : Strom aus der Tiefe

Erdwärme ist eine klimaschonende Energiequelle – das erste deutsche Geothermie-Kraftwerk läuft gut

Gideon Heimann

Selbst eifrige Befürworter der Windenergie bekommen bei Überlandfahrten mancherorts leichte Beklemmungen, wenn sie mit den vielen Windparks konfrontiert werden. Andererseits müssen regenerative Energieträger her; sollen die Probleme des Ausstoßes von Kohlendioxid gelöst werden, ohne dass der Atommüllberg stärker als unbedingt notwendig anwächst.

Die Photovoltaik bietet in unseren Breiten noch keine Alternative, Flächen- und Geldverbrauch sind – verglichen mit dem Energiegewinn – doch sehr groß. Also sind andere Lösungen gefragt. Ideen mit Tiefgang, sozusagen. Das führt zu dem Versuch, der seit einem Jahr in Neustadt-Glewe läuft, 180 Kilometer nordwestlich von Berlin, an der Autobahn nach Hamburg. Geleitet wird das Projekt von der „ErdwärmeKraft GbR“, einer Tochter der Berliner Bewag.

Der Gedanke, die Geothermie als Energieträger einzuspannen, ist auch in Deutschland nicht neu. Unter den „Regenerativen“ gilt sie als beständigste Quelle – steht sie doch bei jeder Witterung, Tag und Nacht, gleichmäßig zur Verfügung. Bislang diente sie hier zu Lande aber „nur“ für Heizzwecke. Seit November 2003 gewinnt nun in Neustadt-Glewe eine Anlage elektrischen Strom, hergestellt aus jener Wärme, die aus dem glühenden Erdkern zur Oberfläche dringt.

Und, wie macht sich Deutschlands erstes Geothermie-Kraftwerk? „Inzwischen durchaus zufriedenstellend“, sagt Marc Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft.

Anfangs gab es – wie bei solchen Prototypen üblich – einige Umbauarbeiten, auch ein neuer Kühlwasserbrunnen musste gebohrt werden. Seit Mitte August läuft die Stromerzeugung aber stabil, wenngleich nicht mit der beabsichtigten Leistung von 230 Kilowatt. Mehr als 165 kW sind derzeit nicht drin, weil die Mengenzuteilung noch verbessert werden muss, berichtet Koch. Bei Frost wird die Anlage sogar ganz abgeschaltet, damit die Wärme für die Heizungen reicht. Der Durchsatz an heißem Wasser war ursprünglich eben nur für diesen Zweck ausgelegt worden.

Die Energie aus der Erdkruste lässt sich nicht überall leicht anzapfen. Island, mit seinen Geysiren, hat es da besonders gut. Andernorts braucht es schon eine geologische Anomalie – da muss die Erde eben ein bisschen dünnhäutiger sein. Das ist – auf Deutschland bezogen – nicht nur im Oberrheingraben der Fall, sondern auch in Neustadt-Glewe.

In 2250 Metern Tiefe liegt eine etwa 60 Meter mächtige, poröse Sandsteinschicht (Aquifer), die Wasser auf 97 Grad Celsius erhitzt. 110 Kubikmeter pro Stunde werden am südlichen Ende der Stadt hoch gepumpt und Wärmetauschern – vor allem der Fernheizung – zugeführt. Danach leitet man das Wasser rund 1700 Meter weiter nördlich wieder dem Boden zu – ein Kreislauf entsteht.

Erkundet wurde die Wärmequelle schon zu DDR-Zeiten. Ostdeutschland war stets in Energienöten, hier gab es ja nur Braunkohle in reichlicher Menge. So suchte man allenthalben nach Erdgas und Erdwärme. Die Bohrungen in Neustadt-Glewe waren schon 1988 und 1989 niedergebracht worden. Sie sollten dem damaligen Lederwerk dienen. 1994 wurden die Brunnen reaktiviert und mitsamt dem Fernheiznetz und der Zentralstation in Betrieb genommen. Seither versorgt die „Erdwärme Neustadt-Glewe GmbH“ 1400 Wohnungen und 20 kleine Handwerksbetriebe mit Fernwärme.

All das hat damals 18 Millionen Mark kostet. Die Hälfte kam vom Bund und vom Land, auch die Hamburgischen Elektrizitätswerke machten mit. Nur so lassen sich die Abgabepreise auf einem Niveau halten, das mit Öl und Gas konkurrieren kann. Denn die Erdwärme ist allemal teuer – verglichen mit den aktuellen Tarifen für fossile Energieträger. Aber die machen ja gerade in diesem Jahr atemberaubende Sprünge: Der Literpreis beim Heizöl stieg von knapp 30 Cent zeitweilig auf gut 50 Cent. Zudem hat das Erdwärme-Heiznetz einen um jährlich etwa 6000 Tonnen geringeren Kohlendioxid-Ausstoß.

Für die Stromgewinnung wird nun an der Förderstelle etwas davon abgezweigt und einem Turbinen-Generator-Satz zugeführt. Diese zusätzliche Anlage hat rund 800000 Euro gekostet. Doch man kann das Wasser nicht sofort in der Turbine nutzen. Bei 97 Grad entsteht noch gar kein Dampf, der für die Drehung der Turbinenschaufeln aber benötigt wird. Hier hilft ein Vermittler, eine organische Flüssigkeit, die schon bei 30 Grad verdampft. Erhitzt man sie in einem Wärmetauscher über 90 Grad, reicht der Druck aus, den Generator drehen zu lassen.

Kein Wunder also, dass die Erfahrungen aus diesem kleinen Testkraftwerk von der Fachwelt sehr interessiert beobachtet werden. Handelt es sich doch um eine Technik, die auch andernorts zum Einsatz kommen könnte – in Bad Urach etwa, rund 80 Kilometer südlich von Stuttgart. Auch dort wird schon lange mit Erdwärme geheizt, der nächste Schritt der Stromgewinnung ist beabsichtigt. Hier hängt es noch an den fehlenden Zuschüssen. Schließlich verursacht die Geothermie hohe Anfangskosten. Dann freilich lässt sie sich Jahrzehnte lang mit geringen Betriebskosten nutzen, 24 Stunden täglich, ohne Unterbrechung.

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