Zeitung Heute : Stromboli: Der gutmütige Vulkan

Klaus J. Schwehn

"Er sah, den Sirenen entronnen, verzehrende Feuerorkane, Dampf über dem Schwall der Wogen, zugleich mächtiges Getöse". Was Homer hier von seinem Odysseus erzählt, deutet auf eine Insel im Tyrrhenischen Meer, im Mittelmeer also; es deutet hin auf die Vulkaninsel Stromboli. Das Eiland - zwischen Neapel und Sizilien gelegen - gehört zu den Liparischen oder Eolischen Inseln. Noch lebt der Vulkan auf Stromboli.

Die "Caravaggio" - das Fährschiff - schiebt sich im Morgengrauen, aus Neapel kommend, einem aus dem Dunst aufsteigenden gleichschenkeligen, an den Seiten leicht ausgefransten Dreieck entgegen, dessen Spitze eine Dampfwolke umhüllt. Die Menschen an Bord, Insulaner und Touristen, sehen es mit Gleichmut oder Staunen, mit Vergnügen, auch mit Applaus. Der rauchende Berg ist ein Magnet.

Der Stromboli ist einer der erregendsten Vulkane in Europa und zugleich einer der gutmütigsten. Der Tourist, der diese nicht einmal 13 Quadratkilometer große Insel betritt, spürt von ihm zunächst nichts. Er wird umschmeichelt von dem marineblau plätschernden Mittelmeer, vom leichten Windhauch, der durch den Bambus streicht, von den Grillen, die in der Morgendämmerung noch zaghaft zirpen, von den wilden Narzissen, dem weißen oder roten Oleander und von den üppigen Bougainvilleen, deren Farbenpracht mit dem vulkanisch-schwarzen Sand in den Badebuchten kontrastiert.

Wenn das Schiff aus Neapel am frühen Morgen im Hafen des Ortsteils Scari anlegt, wuselt alles durcheinander: Die Pulks neugieriger Urlauber, Karren voller Obst und Gemüse schieben sich aus dem Bauch des traghetto, Einheimische werden von wartenden Angehörigen mit Küsschen links, Küsschen rechts überschwänglich begrüßt; Gepäck wird ausgeladen, Pensionszimmer werden auf der Hafenmole angepriesen und gleich verteilt. Stromboli zur Ferienzeit - das ist zunächst Badelust in den vielen kleinen schwarzsandigen Buchten, die begrenzt werden von abgeschliffenem oder scharfkantigem Vulkanfels; das ist Flanieren durch die engen Gassen und - allerdings in begrenztem Umfang - auch Shopping in den halben Dutzend Boutiquen, genüssliches Fischessen bei "Gecko", "Canneto" oder "La Lampara", auch nächtliches Vergnügen in den zwei oder drei Discos. Kurz: Stromboli ist im Sommer - und ganz besonders im August - ein italienischer Familien-Badeurlaubsort geworden.

Aber es könnte sein, dass plötzlich ein dumpfes Grummeln in der Luft hängt und schließlich ein heller, metallisch-scharfer Knall, der alles übertönt. Und wenn dann die Menschen am Strand oder in den Gassen den Blick erstaunt oder auch erschreckt zum Berg richten, sehen sie vielleicht dort oben statt der gewohnten hellen Dampfwolke einen schwarzen Pilz stehen. So einen, den man aus Abbildungen von Atombomben-Explosionen kennt. Dann hat sich "Iddu", wie die Einheimischen sagen, zu Wort gemeldet. Angst macht er ihnen nicht.

Dem Vulkan kann man sich auf verschiedene Weise nähern: Die bequeme, romantische Tour wird von den Fischern angeboten: Sie laden zu mitternächtlicher Bootsfahrt zum Blick auf die "Aschenbahn". Vom Meer aus kann der Tourist zuschauen, wie die Krater ihre Feuerfontänen ausspeien, wie glühende Steinbrocken, "Bomben", die "Sciara del fuoco" hinab ins Meer purzeln, wie es oben wogt und qualmt. Die kulinarische Tour führt nach einer etwa 40-minütigen Wanderung in Serpentinen den Hang von Piscita hinauf zu einem ehemaligen Observatorium der italienischen Marine. Das ist heute ein Ristorante, von wo aus das Geschehen auf dem Berg beobachtet werden kann.

Aber das sind natürlich nur halbe Sachen: Wer nach Stromboli kommt, muss rauf und ran an die Schlünde, auch wenn es mühsam ist. Der Tourist, der den Aufstieg - vorzugsweise in Gruppen unter der Leitung von Bergführern - wagt, durchquert im Schweiße seines Angesichts am späten Nachmittag auf schmalem Pfad die sonnendurchflutete Macchia, das Canna-Gestrüpp, das durchsetzt ist mit uralten knorrigen Olivenbäumen. Dann durchwatet er mühsam schwarzes vulkanisches Geröll und erlebt, auf halben Wege nach oben, den Sonnenuntergang. Die Sonne geht unter im azurblauen Meer, scheibchenweise, die weißgekalkten Häuser maurischen Stils unten auf der flachen Landzunge verlieren sich im Schatten.

Man kann schließlich in der heraufziehenden Dunkelheit oben ankommen, nach einem Aufstieg über 926 Meter - vom Meeresspiegel gerechnet - wenn man endlich auch den schwarz-mehligen Sand bezwungen hat, der die letzte Wegstrecke am Grat entlang besonders mühsam macht. Dann zeigt sich der Vulkan eruptiv, spröde und unbeherrscht. Aus dem Hauptkrater und seinen "je nach Laune" drei bis fünf Nebenkratern speit der Berg in fast regelmäßigen Abständen glühendes Gestein gen Himmel. Wie ein riesiges Feuerwerk wirkt es, bis es - kurz darauf - in sich zusammenfällt oder über die "Sciara del fuoco" (die Feuerrutsche) ins Meer rollt.

Vagina nennen die Menschen dort die Schlünde, aus denen es hervorbricht. Jene, die hinaufgekommen sind, um dieses Schauspiel zu erleben, werden still. Die Erde bricht unter Getöse auf; es sind Eruptionen, die den Homo sapiens bescheiden, klein und still werden lassen. Es kann atembeklemmend sein, hier, im Reich von Hephaistos, dem Gott des Erdfeuers. Isola di Stromboli, eines der letzten Paradiese in Europa? Die Einheimischen unten bewegen die Eruptionen oben kaum. Im Dorf Stromboli und auf der anderen Inselseite im Örtchen Ginostra leben heute insgesamt etwa 600 Menschen - um 1900 waren es 3000. Es sind Fischer, Maurer, Handwerker; einige wenige sammeln noch Oliven und Kapern oder bauen auch wieder ein bisschen Wein für den Eigenbedarf an. Sie leben vorzugsweise vom Fremdenverkehr, manche auch vom Rauschgift-Schmuggel. Sie bleiben - wie der Berg - ein bisschen fremd.

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