Zeitung Heute : Strudel Stockholmer

Privatpartys sind toll, aber bitte nicht bei mir zu Hause Warum ist sein Schlafzimmer isoliert? Was lagert bloß in seinem Kühlschrank? Wie wird er geweckt? Moneybrother über die letzten Tabus des Alleinwohnens.



Anders Wendin, 32, besser bekannt als Moneybrother, ist ein Popstar aus Schweden. Am kommenden Samstag, den 17. Mai, spielt er im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg. Der Titel von Moneybrothers aktuellem Album lautet „Mount Pleasure“.

Ich bin selten in Stockholm. Die meiste Zeit toure ich mit meiner Band. Aber wenn ich doch mal zu Hause bin, genieße ich das richtig – was daran liegen könnte, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit ein wirkliches Zuhause habe, mit allem Drum und Dran. Eine Wohnung an einem grünen kleinen Park, die ich mir gekauft habe. Nur für mich allein.

Zum Glück bin ich in der privilegierten Lage, dass ich das Geld dazu hatte. In Stockholm sind die Immobilienpreise der reinste Wahnsinn. In der nicht zu kleinen Wohnung steckt der Gewinn aus meiner ersten Platte „Blood Panic“; ich habe sie mir sozusagen ersungen und erspielt.

Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl der Bau sehr heruntergekommen war: Er befindet sich in einer früheren Industriegegend, die jetzt langsam schick wird. Ich rief einen alten Freund von mir an, der ein guter Handwerker ist, und bat ihm um Hilfe. Er war auch sofort begeistert, und hat einen strengen Plan erstellt, wie wann was zu renovieren ist. Ich habe mich voller Eifer in die Arbeit gestürzt: Wände hochziehen, Wände verputzen, anstreichen, Schutt abtragen. (Nein, das hat mich nicht zu meinem Lied They’re building walls around us inspiriert!)

Das Gute daran war, dass ich immer nur der Hilfssklave meines Freundes war und daher jeder Verantwortung entbunden. Ich habe seine Befehle einfach ausgeführt, was einen durchweg entspannenden Effekt auf mich hatte. Die Arbeit hatte beinahe etwas Kathartisches. Mir fiel auf, dass ich vorher über Jahre immer nur dasselbe gemacht hatte; die Bauarbeiten waren eine interessante Abwechslung.

Jeden Morgen bestellte mein Freund mich also auf die Baustelle. Um sechs Uhr! Das bedeutet für einen Musiker wie mich: mitten in der Nacht. Er hat mir oft gedroht: „Anders, wenn du auch nur eine Minute zu spät bist, helfe ich dir nicht mehr. Tut mir leid, dann musst du eben zusehen, wie du klarkommst.“ Also war ich mal besser pünktlich – das kannte ich so noch nicht von mir. In dieser Zeit fiel ich abends früh ins Bett wie ein Stein.

Ich komme aus Ludvika, einer Kleinstadt in Mittelschweden, in der nicht viel los war. Man spürt, wenn man am falschen Ort ist. Ich war der einzige Punk dort.

Bis ich die Wohnung bezogen habe, hauste ich meistens bei Freunden oder wohnte in riesigen WGs in halbbesetzen Häusern. Da war immer was los. Wenn ich jetzt nach längerer Zeit nach Hause komme, ist niemand da. Manchmal ist es seltsam, dass am Tag meiner Ankunft alles so ist wie an dem Tag, an dem ich abgereist bin. Oh je, manchmal entdecke ich Essen im Kühlschrank, über dessen Zustand ich eigentlich schweigen sollte.

Na gut, einmal war ich abends sehr betrunken in der Stadt unterwegs. Und wie das so ist, bekam ich Hunger und ging zu McDonaldss. Dass die Frau hinter dem Counter mir aus Versehen zwei Big Mäc-Menüs in die braune Papiertüte gepackt hatte, bemerkte ich erst in der Bahn.

Am nächsten Morgen suchte ich etwas verkatert meine Siebensachen zusammen und fuhr zum Flughafen. Als ich Tage später wieder nach Hause kam – es war am späten Abend – bekam ich Hunger. Mit knurrendem Magen öffnete ich das Tiefkühlfach. Was ich dort fand, spottete jeder Beschreibung: ein gefrorenes Big Mäc-Menü. Ich wärmte es in der Mikrowelle auf und verspeiste es. Dabei rekonstruierte ich nach und nach, wie Burger und Pommes in meinen Kühlschrank gekommen sein mussten. Das war ziemlich widerwärtig.

Dass ich mal Freunde zu mir einlade, kommt selten vor. Bei mir ist die Gefahr einfach zu groß, dass ich nach einem Konzert die Band zu mir bitte – und zum Schluss toben 200 Leute auf meinem Sofa herum. Freundinnen der Freundin vom Schlagzeuger, der Cousin vom Roadie, der vor drei Jahren für uns gearbeitet hatte … Nicht dass ich falsch verstanden werde, ich mag Privatpartys, aber bei mir müssen sie nicht unbedingt stattfinden! Außerdem habe ich die Paranoia, dass jemand eine Platte aus meiner Sammlung kaputt macht oder meine Klamotten klaut.

Für Euch in Deutschland mag das bizarr klingen, aber Ihr müsst wissen: In Schweden bin ich tatsächlich so etwas wie ein Star. Und an meiner Plattensammlung hänge ich wirklich. Es ist nicht einfach, eine geeignete Aufbewahrungslösung für sie zu finden. So habe ich meine Platten einfach gegen die Wand gelehnt, in eine lange Reihe – selbstverständlich alphabetisch sortiert. Das ist keine seltsame Neurose eines Freaks, sondern zwingend notwendig, weil ich ab und zu auch in Clubs auflege. Mir fehlt einfach die Zeit, abends lange nach den passenden Schallplatten zu suchen.

Ja, meine Wohnung ist schön geworden. Sie wirkt wie ein Loft. Leider sind die Wände noch etwas kahl. Deswegen schaue ich mich auch jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, in den Galerien um. Berlin ist ein guter Ort für Kunst.

Nur eine Sache ist mir ein kleines bisschen peinlich: der, äh, Jacuzzi. Ich schäme mich fast ein bisschen dafür. Es ist so ein Hip-Hop-Klischee. Als ob ich den ganzen Tag im blubbernden Wasser sitzen würde, in jedem Arm eine Beauty, am Beckenrand die entkorkte Flasche Moët! Nein, nein und nochmals nein.

Als der Installateur damals vorschlug, er könne für den Preis einer Badewanne auch gleich einen Whirlpool einbauen, habe ich mich schlicht und ergreifend überrumpeln lassen. Mittlerweile kann ich diese Geschichte in mehreren Sprachen erzählen, sogar auf Spanisch: „Lo siento, pero …“

Der Installateur ist Schuld, dass ich das Gefühl habe, mich permanent für meinen Whirlpool rechtfertigen zu müssen. Dieser wissende Blick der Leute, die aus meinem Bad kommen …

Mein Schlafzimmer ist übrigens schallgedämpft. Ich habe ein kleines Studio darin und ein sehr bequemes Bett. Dort schreibe ich Songs. Leider höre ich trotzdem hin und wieder meinen Nachbarn, wenn er wie wild E-Gitarre spielt. Ich werde den Verdacht nicht los, dass er das nur tut, weil er meine Aufmerksamkeit wecken will. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll, wenn ich ihm im Hausflur begegne.

Allgemein komme ich – wie bereits erwähnt – nur schwer aus dem Bett. Meine Weckmelodie, die ich auf mein Handy geladen haben, ist The Show must go on, aber nicht von Queen, sondern in der Version eines unbekannten Künstlers.

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal zu Hause gefrühstückt habe. In meinem Haus ist unten ein wunderbares Café, dort gibt es alles, was ich brauche. Das Café ist mein zweites Wohnzimmer. Und ich brauchte es nicht renovieren.

Aufgezeichnet von Anna Kemper und Esther Kogelboom.

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