Zeitung Heute : Strukturen feststellbar Es sind keine rechtsterroristischen

Aus dem Bericht des Verfassungsschutzes 2010 Nicht nur da lagen die Behörden falsch. Wo haben die Geheimdienste ihre Augen?

Keine Kleinigkeit. Ein Wattestäbchen führte die Ermittler in die Irre. Foto: pa/dpa
Keine Kleinigkeit. Ein Wattestäbchen führte die Ermittler in die Irre. Foto: pa/dpa



NSU

Schlimmer können Sicherheitsbehörden kaum daneben liegen. Kein Polizist und kein Verfassungsschützer konnte sich vorstellen, dass drei Thüringer Neonazis sich fast 14 Jahre verstecken können und aus dem Untergrund heraus exzessiv Gewalt ausüben. Das Mantra der Behörden lautete: Im wiedervereinigten Deutschland sind keine rechtsterroristischen Strukturen erkennbar. Doch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben als „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ mutmaßlich zehn Morde, 14 Banküberfälle und zwei Sprengstoffanschläge begangen – und das ist womöglich nicht alles.

Mehrere Sonderkommissionen der Polizei ermittelten in andere Richtungen. Obwohl Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe schon vor dem Abtauchen als gefährlich galten und Rohrbomben gebastelt hatten. Doch eine Kaskade von Irrtümern in den Behörden wuchs sich aus zu einer gigantischen Blamage.

Wie weit die Ermittler von den wahren Tätern entfernt waren, zeigt vor allem die Geschichte mit den Wattestäbchen, der absurdeste Irrtum im großen Irrtum, dass eine braune Untergrundbande undenkbar sei. Nach dem im April 2007 verübten Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn fand die Polizei die genetische Spur einer Frau am Streifenwagen der getöteten Beamtin. Das Indiz war identisch mit DNA-Proben, die von 1993 an bis 2009 an 40 Tatorten, unter anderem zu sechs Morden, in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Österreich gesichert wurden. Doch die Spur war gar keine. Die vermutete eiskalte Serienkillerin, das „Heilbronner Phantom“, entpuppte sich als harmlose Mitarbeiterin einer Verpackungsfirma. Die Frau hatte ohne Absicht Wattestäbchen berührt, mit der die Polizei später DNA-Spuren sicherte. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe dürften in ihrem Zwickauer Versteck laut gelacht haben.

ANDERS BREIVIK

Eine Bombe explodiert in Oslo, Straßenzüge sind verwüstet wie nach Anschlägen in Kabul – als am 22. Juli die ersten Nachrichten vom Schrecken in der norwegischen Hauptstadt künden, sind sich viele Experten, gerade auch in den Medien, schnell einig: Das kann nur Al Qaida gewesen sein. Manche Fachleute bleiben auch dabei, als Stunden später über einen Amokläufer auf der Insel Utöya berichtet wird. Einige zitieren sogar „norwegische Sicherheitskreise“, die angeblich von islamistischem Terror sprechen. Doch es ist der islamhassende, norwegische Rechtsextremist Anders Breivik, der gezielt Jugendliche erschießt, die zu einem sozialdemokratischen Zeltlager gekommen sind. Breivik hat auch die Bombe in Oslo gezündet. Es sterben insgesamt 77 Menschen.

Der Mann verbreitete schlimmeren Terror, als es Islamisten jemals in Skandinavien getan hatten. Das konnte sich in Norwegen und im Ausland niemand vorstellen. Eine solche Tat wurde Rechtsextremisten, einem einzelnen zumal, nicht zugetraut. Parallelen zu den Reaktionen auf den Feldzug der Thüringer Terrorgruppe sind offenkundig.

Die Wahrnehmung von Terrorismus ist seit 9/11 beinahe zwanghaft auf Al Qaida und andere Islamisten fokussiert. Dass im friedliebenden Wohlstandseuropa braune Terroristen ihren Hass austoben könnten, galt als verschwörungstheoretischer Alarmismus. Seit Breivik und dem Thüringer Trio wissen es zumindest Norwegen und Deutschland leider besser.

OSAMA BIN LADEN

Die Schaubilder zeigten immer dieselbe Gegend. Hier, im wilden Wasiristan, direkt an der afghanischen Grenze, halte sich Osama bin Laden versteckt, verkündeten deutsche Sicherheitsexperten unisono bei Hintergrundgesprächen zum islamistischen Terror. Doch der Al-Qaida- Chef war ganz woanders. Weit weg von der pakistanischen Grenzregion, in der Stadt Abbottabad und nahe einer Militärakademie, spürte ein US-Kommando am 2. Mai Osama bin Laden auf – and shot him down. Schon jahrelang hatte der Chefterrorist hier gelebt. Offenbar war es seinen Unterstützern im pakistanischen Geheimdienst ISI gelungen, die westlichen Partnerdienste auf eine falsche Fährte zu lotsen. Denen wurde so nebenbei auch der Irrtum bewusst, Pakistan jemals für einen verlässlichen Verbündeten im Kampf gegen den islamistischen Terror gehalten zu haben.

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