Zeitung Heute : Stuben Hocker

Die Cocktailbar ist glamourös. Und die Hausbar? Sie kommt wieder und weiß nur noch nicht genau: wie?

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Von Stefanie Flamm Eine Hausbar? Ich bitte Sie! Dem Inhaber des exquisiten Einrichtungsgeschäfts am Berliner Savignyplatz ist die Frage so peinlich, dass er gar nicht wagt, von seinen Lieferscheinen aufzublicken. Auch sein Kollege schaut betreten zu Boden. Eine Hausbar, sagt er dann, sei doch wirklich das Allerletzte. Und zugegeben, das Wort klingt nicht gut. Es klingt nach den muffigen Partykellern westdeutscher Einfamilienhäuser, nach dunklen Wandpaneelen und Tapeten mit Ziegelsteinimitat. Auch die spiegelverglasten Wandschrankfächer, in denen bis heute viele Menschen jene Alkoholika verstecken, die sie selbst nicht mehr trinken wollen, nennen sich Hausbar. „Wenn Sie so etwas suchen, sind Sie bei einem konventionellen Möbelhaus wirklich besser beraten.“ Dort, glaubt der Inhaber des exquisiten Einrichtungsgeschäfts, gebe es vielleicht sogar noch diese kleinen Teewagen, auf denen unsere Großmütter früher ihre Likörflaschen durch die Wohnung schoben. Und natürlich gibt es die noch.

Es gibt auch stählerne Gartentheken, halbmondförmige Partytresen, und Küchen aus Holzimitat, die aus Effekthascherei über der Arbeitsplatte einen Flaschenhalter hängen haben. Solche Dinge verschwinden nie. Sie werden einfach vergessen, wenn ihre Zeit vorbei ist.

Und wenn hier im Folgenden die Rückkehr der Hausbar vermutet wird, soll von solchen Möbelhausreliquien nicht die Rede sein. Denn erstens ist die Geschichte der Hausbar sehr viel älter als ihre bundesdeutsche Schrumpfform, zweitens kommt nichts so wieder wie es gegangen ist, und drittens ist die Hausbar der Gegenwart noch sehr weit davon entfernt, ein konkretes Möbelstück oder ein klar definierter Raum zu sein. Sie ist im gegenwärtigen Stadium eher ein Bedürfnis, das gerade erst begonnen hat, nach einer passenden Form zu suchen.

Erste Vorschläge wurden allerdings gemacht: Schon ein paar hundert Meter hinter dem exquisiten Einrichtungsgeschäft am Savignyplatz, im Stilwerk auf der Kantstraße, kann man verschiedene Entwürfe bestaunen. Das Angebot reicht von eher rustikalen Geräten aus gewachsten, auf filigrane Nickelbeinchen montierten Baumstämmen bis zu schlichten Kompaktlösungen. Auf dem diesjährigen Designmai war die zusammenklappbare, in futuristischem Retrostil gehaltene „Aperitivo-Bar“ von Merker und Wang ein solcher Renner, dass das Ding bald in Serie gehen wird. Und auch Ikea, wo Moden normalerweise erst ankommen, wenn sie sich anderswo längst durchgesetzt haben, hat vorsorglich schon einmal zwei seiner gängigsten Küchen um ein flottes asymmetrisches Barmodul ergänzt. Damit niemand den Eindruck hat, es handele sich dabei um die Renaissance des Frühstückstresens, liegen in den Ausstellungshallen des Möbeldiscounters überall Cocktailbücher herum. Schaff dir dein eigenes Café, lautete der Verkaufsslogan der letzten Saison, bald könnte es heißen: Die Küche von heute ist die Bar von morgen.

Kann das funktionieren? Oder verhält sich der daheim gemixte Drink zum öffentlich konsumierten Cocktail am Ende doch wie der selbst aufgebrühter Filterkaffee zum Espresso im Lieblingscafé. Denn ist die Bar etwa kein Ort, den man vor allem deshalb aufsucht, weil er nicht in der eigenen Wohnung liegt? Und geht es dort nicht viel mehr ums Sehen und Gesehenwerden als ums Trinken? Ja, was ist eigentlich eine Bar?

Laut „Oxford English Dictionary“ zuerst einmal nicht mehr als „ein im Verhältnis zu seiner Dicke langes, gerades Stück Holz, Metall oder anderes festes Material“, das definiert, wo der Arbeitsplatz des Tresenmannes aufhört und der Gastraum beginnt. Aber so einfach ist das nicht mehr, so einfach war es, genau genommen, nie. Seitdem um 1900 in den Vereinigten Staaten der Cocktail erfunden wurde, liegt zwischen der Kneipe, die ja auch schon sehr lange eine Theke hat, und der Bar, die diese Theke zu ihrem Namen machte, ein tiefer Graben. Während die Kneipe blieb, was sie immer war: ein Ort, an dem man zwanglos Alkohol trinken kann und, wenn man Glück hat, auch noch was erlebt, umweht die Cocktailbar der Nimbus des Glamourösen. Mehr noch als das Restaurant, in dem zumindest auch ein Grundbedürfnis gestillt wird, ist sie ein aufwendig eingerichtetes Lokal, in dem der sinn- und zweckfreie Konsum demonstriert wird. Das war in den „Roaring Twenties“, als der Cocktail mit dem Charleston nach Europa kam, nicht anders als in den späten 90er Jahren, als die große Börsenblase den deutschen Großstädten wieder eine wunderbare Barvermehrung bescherte. „Der Wohlstand verlangte nach Bühnen, auf denen Medienprominenz und Geschäftsleute ihre Geschäfte tätigen oder sich einfach in der Gesellschaft ebenso stilbewusster und betuchter Gleichgesinnter vergnügen konnten“, beschreibt der Barexperte Bethan Ryder diese Zeit.

Seitdem das Land im Konsumstau feststeckt, liest sich das wie eine frohe Kunde aus fernen Tagen, die so schnell nicht mehr wiederkommen werden. Selbst die urbanen Eliten oder das, was nach dem großen Krach davon übrig ist, sind längst dabei, sich aus der Öffentlichkeit zu verabschieden. Cocooning oder Homing, nannte man das, als dieser Trend vor ein paar Jahren ruchbar wurde. Mittlerweile spricht man von Slomping: Menschen, die stolz darauf waren, ihre Wohnungen nur zum Schlafen zu brauchen, fangen plötzlich an, ihr Zuhause zu benutzen. Sie kochen, was sie vor ein paar Jahren noch im Restaurant bestellt hätten, und werden dabei immer besser. Wer regelmäßig die einschlägigen Samstagsmärkte, am Kollwitz- und am Winterfeldplatz besucht, weiß, warum die Gastronomen klagen: Was einst öffentlich zelebriert wurde, wird heute im privaten Kreis perfektioniert. „Als ob es zu betonen gälte, dass man nicht zur absteigenden Klasse gehört, wird an der eigenen Selbstinszenierung gearbeitet. Die Sehnsucht nach Glamour schwappt von der Mode ins Wohnumfeld über“, schreibt der Trendforscher Peter Wippermann in der neuesten Nummer der Zeitschrift „H.O.M.E“. „Arme Mitte“ und „neue Sehnsüchte“ steht darüber in schwarzen Versalien.

Thomas Pier, Werbefachmann, passionierter Cocktailtrinker und vorübergehend im Stilwerk als Verkäufer beschäftigt, kann beides bestätigen, die gefühlte Armut und die Sehnsucht nach einer repräsentativen Privatfassade. „Entweder die Leute kommen her, fassen alles an und verschwinden, ohne sich nach dem Preis zu erkundigen. Oder sie erwerben an einem kurzen Vormittag eine komplett neue Innenausstattung.“ Seitdem Luxus wieder Privatsache geworden ist, ist die eigenen Wohnung, nicht mehr die kommerzielle Bar die Bühne, der alle Aufmerksamkeit gezollt wird. Da ist es nur konsequent, dass Cocktailkultur sich langsam ins aufgehübschte Heim verkriecht.

Pier deutet auf das rot lackierte Stahlschränkchen, an dem er gerade lehnt. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie ein frisch lackiertes Art-Deco-Stück, auf den zweiten entpuppt es sich als eine partyfähige Minibar, die hinter ihrem roten Stahlgehäuse Kühlschrank, Eiscrusher und eine kleine Arbeitsfläche für den Barmann verbirgt. Diese Kombination sei bei den Kunden im Moment der Renner, sagt Pier. Bei Ärzten, die das ewige Weiß ihrer Praxis leid sind, bei Anwälten, die ihre Kanzlei aufpeppen wollen. Aber auch Privatleute lieben diese Bar.

Dass sie dahinter wirklich Cocktails schütteln, kann Thomas Pier aber nicht beschwören. Den Leuten gefalle einfach die Vorstellung, mit Hilfe dieses Möbels aus dem Stegreif zum souveränen Gastgeber werden zu können. Vorbilder gibt es genug. Fritz Lang ließ sich nach seiner Emigration in die USA daheim eine futuristische Bar einrichten, an der er, wie Fotos belegen, auch selbst bedient hat, Ringo Starr hatte im Keller die Miniaturausgabe eines irischen Pubs, Bubi Scholz posierte gerne als verwegener Flintenmann vor dem eigenen Tresen. Seitdem die Zivilisation den Menschen im Westen ein relativ sicheres Dach über dem Kopf garantiert, leben sie dort ihr Phantasien aus, die mit der Realität nicht zwangsläufig etwas zu tun haben müssen. Wer sich einen fünf Meter langen Esstisch zulegt, träumt von opulenten Mittagessen mit vielen Gästen, und wer sich eine Bar anschafft, sehnt sich danach einen tausend Mal gehörten Satz endlich selbst sagen zu können: Soll ich uns einen Drink machen?

Das ist etwas anders, als schnell mal einen Wein zu entkorken, das klingt nach ewigem Sommer, Hollywood und gutem Leben. Und arme Mitte hin, neuer Glamour her, man braucht am Anfang nicht viel, um sich diese Sehnsucht zu erfüllen. Bei Thomas Pier war es ein ausgemusterter Arzneischrank, den Freunde ihm zum Geburtstag geschenkt hatten, und der jetzt als Hausbar treue Dienste leistet. Bei Kollegin K. bildeten die von einer rauschenden Party übrig geblieben Spirituosen den Grundstock. Freund A. findet, für den Anfang reichten schon Wodka und Martini. Doch wer Wodka hat, braucht irgendwann Gin, braucht Champagner, Aperol und Triple Sec, und irgendwann braucht er auch einen richtigen Shaker. Die Caffè-Latte-Gläser tun es dann auch nicht mehr, und so kommt eines zum anderen. Wann genau aus diesem Sammelsurium eine Bar wird, ist nicht ganz klar. Als die Martini-Gläser angeschafft wurden oder erst, als der neue Kühlschrank unbedingt eine Eismaschine haben musste? Thomas Pier sagt, das sei eine Frage des Haltung nicht eine des Materials.

Denn: Understatement war gestern. Mehr scheinen als sein, lautet bis auf weiteres die Devise.

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