Studenten : Ab in die Produktion

Helmut Schümann

Es war wahrscheinlich doch nicht alles falsch, was die 68er prophezeit haben. Die Intelligenzija solle sich ruhig auch einmal bei den Werktätigen umschauen, hieß es, rein in die Werke gehen, ein bisschen agitieren, aber auch mal Hand anlegen am Bau, am Band, unter Tage. Im Ruhrgebiet erwuchsen aus dieser Bewegung Max von der Grün und andere Arbeiterschriftsteller. Anderenorts, in China etwa, war man konsequenter und zog in den Kulturkampf. Allerdings zum Nachteil der Intelligenzija. Und in einem Teil Deutschlands gab es Zeiten, in denen der Hauer weit mehr zählte als der Denker.

Auf jeden Fall war der Spruch, mit dem in diesen fernen Tagen ein Radiomoderator des Mittags gegen zwei Uhr seine Hörer begrüßte, aber auch so etwas von falsch. „Guten Tag, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten“, sagte der Mann, im Irrglauben, einen guten Witz gemacht zu haben. Von wegen gut, der Morgen, die waren doch alle in der Produktion. Arbeiten, nicht im Hörsaal, sondern im Taxi und unterm Tablett in der Kneipe. Es versteht sich von selbst, dass sich so ein Studium dadurch schon mal etwas in die Länge zog. Dagegen wurde dann die Studienreform erfunden und der Bachelor.

Den Bachelor-Abschluss streben inzwischen ungefähr ein Drittel unserer Studenten an. Es sollen aber mehr werden. Ein großer Teil klagt, dass er vor lauter Studieren und Prüfungen gar keine Zeit mehr hätte, auch mal in die Produktion zu gehen, geschweige denn in die Kneipe. Möglicherweise stimmt das Letzte aber nicht. Und das Erste?

Eine andere Zahl. In einer nicht repräsentativen Umfrage unter 1000 Studenten hat jetzt ein Darmstädter Unternehmen ermittelt, dass über die Hälfte der Studenten ohne einen Nebenjob nicht über die Runden kommt. 54 Prozent gaben an, dass sie pro Woche neben dem Studium zwischen fünf und 20 Stunden einem Broterwerb nachgehen müssen. Um jetzt herauszufinden, wie diese beiden Mengen zusammenwirken können, hätte unsereins damals vielleicht besser weniger unterm Tablett in der Produktion gestanden und mehr in der Vorlesung gehockt. Ein Drittel hat keine Zeit zum Jobben, über die Hälfte muss aber jobben, um überhaupt studieren zu können, und essen auch, und, na ja, auch trinken. Man kann nur hoffen, dass das Drittel ohne Zeit in der Hälfte steckt, die es nicht nötig hat, Geld zu verdienen, also in den 46 Prozent, die von den Eltern finanziert werden. Sicher ist das aber nicht. Helmut Schümann

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