Studie : Jammern war gestern

Wenn die ostdeutsche Volkssolidarität über ostdeutsche Befindlichkeit rapportiert, geht es auch 20 Jahre nach dem Mauerfall vor allem um eines: Enttäuschung. Insofern gibt es im Osten nichts Neues. Doch der erste Eindruck täuscht, meint Rainer Woratschka.

Rainer Woratschka

Zu Protokoll gegeben wird das Gefühl, mit denen im Westen nicht aufgeschlossen zu haben, mit den eigenen Fähigkeiten nicht anerkannt worden und – vor allem – sozial zu kurz gekommen zu sein. Stand Juli 2009, nach einer Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg im Auftrag der Volkssolidarität: 53 Prozent der Befragten sehen nach wie vor „große Unterschiede“ zwischen Ost und West. 21 Prozent rechnen damit, dass die auch in 50 Jahren noch nicht überwunden sein werden. Und zehn Prozent wollen ihre DDR wiederhaben.

Insofern: im Osten nichts Neues. Nur jeder Vierte dort empfinde sich inzwischen als „richtiger Bundesbürger“, berichtet Verbandspräsident Gunnar Winkler. 40 Prozent fühlten sich der Republik wenig und zehn Prozent gar nicht verbunden. Positiv angetan gewesen sei eine Mehrzahl der Ostdeutschen nach der Wende zwar vom Waren- und Dienstleistungsangebot, von den Wohn- und Reisemöglichkeiten  sowie der politischen Freiheit. „Schlechter als erwartet“ habe sich jedoch alles rund ums Soziale präsentiert. 41 Prozent hadern mit der Einkommensentwicklung, 44 Prozent mit dem Gesundheitswesen, 51 Prozent mit sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit sowie 54 Prozent mit der Nichtangleichung von Lebensverhältnissen.

Als bloßes Ergebnis überzogener Erwartungen will Winkler die soziale Enttäuschung der Ostdeutschen aber nicht verstanden sehen – eher als Ausdruck gesunder Sensibilität für tatsächliche Miss- und Rückstände, die Kritik gefälligst auch erforderten. Es gehe den Betroffenen „keineswegs nur um mehr Leistungen“, sondern zuvorderst um Chancengleichheit, sagt er. Was sie beklagten, sei das „Fehlen von Möglichkeiten, die Angleichung an westliche Lebensverhältnisse durch eigenes Handeln erreichen zu können“. Und was sie fordern, ist nicht weniger, sondern mehr Demokratie. Nur 21 Prozent finden es ausreichend, alle vier bis fünf Jahre wählen zu gehen. 60 Prozent wollen politisch stärker einbezogen werden, etwa über Volksabstimmungen. 67 Prozent halten die demokratische Regierungsform für wichtig und richtig, zufrieden mit ihr sind jedoch grade mal elf Prozent.

Im Osten nichts Neues? Akademiker, Besserverdienende und Jüngere sehen Ost und West weit enger beisammen als Ältere und Arbeitslose. 38 Prozent fühlen sich als Gewinner der Wende, nur 23 Prozent als Verlierer. Und 44 Prozent sind bei aller Unbill mit ihrem Leben vollauf zufrieden, 38 Prozent teilweise. Richtig unzufrieden sind nur 17 Prozent.

Das Klischee des Jammer-Ossis hat ausgedient. Das des Fremdenfeindes leider noch nicht. 40 Prozent der Ostdeutschen klagen in der Umfrage über zu viele Ausländer – in Regionen mit einem Ausländeranteil von zwei Prozent.

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