Studie zur Kinderarmut : Arme Kinder müssen nicht benachteiligt bleiben

Gute institutionelle Betreuung kann Kindern aus der Armutsfalle helfen. Das ist ein Ergebnis einer Langzeitstudie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Auftrag gegeben und am Dienstag vorgestellt wurde.

Simone Schelk

Die Sozialforscher begleiteten fast 900 Kinder über einen Zeitraum von 15 Jahren auf ihrem Weg von der Kindertagesstätte bis in die weiterführenden Schulen. Ihr Befund: Arme Kinder müssen nicht benachteiligt bleiben – wenn Eltern, Kitas und Schulen an einem Strang ziehen. Laut Studie ist es vor allem armen Kindern in staatlichen Betreuungseinrichtungen gelungen, den Armutskreislauf zu durchbrechen. „Der Spruch ,einmal arm, immer arm’ gilt nicht immer“, sagte der Vorsitzende der Awo, Wolfgang Stadler. „Die Begleitung und Kontinuität durch Institutionen muss ausgebaut werden“, fordert Studienleiterin Gerda Holz als Konsequenz aus der Studie. Da jedes zweite Kind, das 1999 arm war, seitdem in Dauerarmut lebt, müsse die Frage nach den Möglichkeiten staatlichen Handelns neu gestellt werden, sagte Stadler. Dass die Studie gerade in der wieder aufgeflammten Debatte um das Betreuungsgeld erscheint, wertet er positiv. „Wir hoffen, dass die Botschaft ankommt, dass es genau dieses Geld ist, das wir für den Ausbau von Betreuungsangeboten brauchen.“ Starke Institutionen könnten Kindern das bieten, „was sie zu Hause eventuell nicht bekommen“, so Stadler. Die Ergebnisse sprächen klar gegen das von der Koalition geplante Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erzögen, anstatt in eine Kita zu schicken. Zum einen kämen diese Kinder nicht in Kontakt mit den Institutionen, zum anderen fehle das dafür aufgewendete Geld, um die Hilfen auszubauen.

Armut wird in der nicht-repräsentativen Studie sowohl definiert als Einkommensarmut, aber auch als Ausschluss von Bildung, Kultur, Sport und Geselligkeit. Demnach leiden arme Kinder vor allem unter ihrer materiellen und kulturellen Marginalisierung. So erlebe in Deutschland rund jeder zweite arme 16- und 17-Jährige Einschränkungen in der Grundversorgung, vor allem bei der Wohnsituation, bei Kleidung und Essen sowie der materiellen Teilhabe, etwa beim Zugang zu PC oder Internet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!