Zeitung Heute : Studieren an Luft und Sonne

Ausgezeichnetes Arbeitsklima: Das Geheimnis von Norman Fosters Philologischer Bibliothek ist ihre Doppelhülle

Heiko Schwarzburger

Das Stahlskelett ist fertig, jetzt erhält die neue Philologische Bibliothek der FU langsam ihre elegante äußere Form: Bis zum kommenden Jahr soll die geschwungene Riesenmuschel neben der Rostlaube in Dahlem fertig werden. Stararchitekt Norman Foster, der mit seinen Entwürfen aus einem Wettbewerb als Sieger hervorgegangen war, will damit dem eher nüchternen Ensemble eine neue Dynamik verleihen.

Die Rostlaube wurde 1967 errichtet. Sie erhielt ihren Namen wegen ihrer Stahlfassade, die deutliche Korrosionsspuren zeigt. Fosters neue Bibliothek schließt unmittelbar an die Rostlaube an. Er setzt auf transparente Glaspaneele und Aluflächen, um ein lichtes Dach über die modernen Leseplätze und Magazine zu spannen.

Foster verbindet die alte Substanz mit neuen Ideen. Das ist sein Markenzeichen, ob bei der Kuppel auf dem Reichstag oder der Londoner Millennium Bridge, die zwischen der Sankt Paul’s Kathedrale und der Turbinenhalle der Tate Modern Galerie über die Themse reicht. Seinerzeit ganz von der Arbeit am Reichstag beansprucht, verzichtete er auf die Teilnahme an anderen Wettbewerben – mit einer Ausnahme: der Sanierung der Rostlaube und die Neugestaltung der bislang getrennten philologischen Bibliotheken in Dahlem. Jetzt haben die amerikanischen Freunde der FU den kühnen Wurf ausgezeichnet (siehe Kasten). Foster sagte zum Dank: „Die Anerkennung meiner Arbeiten durch die Friends of Freie Universität Berlin, einer Organisation, die den FU-Idealen Veritas, Iustitia, Libertas verpflichtet ist, stellt eine besondere Auszeichnung für mich dar.“

Bauherr der Bibliothek ist das Land Berlin. Insgesamt 6300 Quadratmeter wird die FU künftig zur Verfügung haben, um die über verschiedene Villen in Dahlem verstreuten Bücherbestände von zehn philologischen Instituten zu vereinen. Für die Arbeitsplätze der Wissenschaftler und Studenten bietet der neue Bau darüber hinaus einige Tausend Quadratmeter. Die Bibliothek wird rund 1900 Doppelregalmeter fassen – Platz für etwa 740 000 Bände. Bisher wurde der Bau mit 61 Millionen Euro veranschlagt, doch es zeichnen sich Mehrkosten ab. Das Abgeordnetenhaus bewilligte Mitte März 2003 bereits eine zusätzliche Finanzspritze von 2,7 Millionen Euro. Erst danach konnte mit der zweischaligen Hülle begonnen werden. Die Kosten teilen sich das Land und der Bund.

Fosters Entwurf bietet vor allem Raum. Unter der gewölbten Hülle, die an einen riesigen Tropfen erinnert, steigen fünf Etagen mit Magazinen und Arbeitsplätzen auf, die durch freie Sitzecken und Kommunikationsflächen aufgelockert werden. Die kuppelartige Konstruktion hat zwei Vorteile: Zum einen lässt sich besonders viel Fläche unter dem Glasdach unterbringen, Volumen und Nutzfläche sind optimal aufeinander abgestimmt. Zum anderen nutzt Fosters transparente Hülle das Tageslicht voll aus. Aus zwei Schalen bestehend, fängt diese Hülle ausreichend Luft und Sonnenlicht ein, um das Haus natürlich zu klimatisieren. Die fünf Nutzungsebenen des Geschossbaus, auf denen die Bücher stehen, steigen wie Treppen nach oben auf. An ihren Außenrändern befinden sich die Leseplätze und die ruhigen Arbeitsbereiche. Geplant sind 636 Leseplätze, die mit modernen Datennetzen verbunden sind. Die Kataloge der einzelnen Institutsbibliotheken, bislang vornehmlich Zettelwirtschaft, werden elektronisch erfasst und zentral zugänglich gemacht.

Für viele Wissenschaftler und Studenten wird sich der Arbeitsalltag deutlich verändern: Bei den Germanisten, Romanisten oder Slawisten herrscht bislang Raumnot. Die Institutsbibliotheken sind oft in ungeeigneten Räumlichkeiten untergebracht, nicht selten im Büro eines Wissenschaftlers oder in Seminarräumen. Es fehlen abgeschiedene, ruhige Arbeitsplätze. In der neuen Bibliothek an der Rostlaube öffnet sich den Nutzern von den modernen Leseplätzen der Blick in die großzügige Eingangshalle oder nach außen durch einzelne transparente Felder der Hülle hindurch. Über zwei Zugänge ist die Bibliothek mit der Rostlaube verbunden, in der die wichtigsten Seminare und Vorlesungen laufen.

Auch auf die Bibliotheksmitarbeiter kommen erhebliche Veränderungen zu: Die Bibliothekare der zehn Institute werden in einer geisteswissenschaftlichen Verwaltungseinheit zusammengefasst. Die kompakte Aufstellung der Regale spart Laufzeiten und Verwaltungsaufwand, bald werden die Bände nur noch elektronisch ausgeliehen und verwaltet. Im Freihandbereich stehen 40 000 Bände, die übrigen 700 000 Bücher kommen ins Magazin. Dort erleichtern moderne Fahrregale die Pflege der Bestände. So kann man nicht nur Lord Norman Foster zu seiner Auszeichnung beglückwünschen, sondern auch den Studenten und Mitarbeitern der FU, die bald in diesen Räumen arbeiten dürfen.

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