Studieren mit Kind : Zwischen Wahlfach und Windeln

Wer ein Kind erwartet, muss mit allerhand Veränderungen rechnen. Auch oder vor allem, wenn man noch studiert. Doch was bedeutet das eigentlich für den Uni-Alltag?

Schnuller hängen an einer Wand.
Schnuller geben statt Semesterpartys feiern - für viele Studierende in Berlin ist das Alltag.Foto: dpa

Ein Baby kriegen, wenn man noch an der Uni ist? Studieren mit Kind, das klingt bedrohlich nach frühem Erwachsenwerden, finanziellen Schwierigkeiten, Doppelbelastung. Etwas, das einem auf keinen Fall passieren sollte, oder? Der 25-jährige Tonmeisterstudent Justus Beyer sieht das ganz anders. Er und seine Frau Rebecca haben sich an der Uni kennen gelernt. Schnell war klar, dass sie beide mit dem Kinderkriegen nicht ewig warten möchten. „Ich wollte kein alter Vater sein“, sagt Beyer, „besonders, weil ich später freischaffend arbeiten und dann weniger Zeit haben werde“.

Beyer ist damit einer von 13 000 Berliner Studierenden, die nach der Vorlesung Windeln wechseln, spielen und Tränen trocknen. Zweieinhalb Jahre schon ist Nathan auf der Welt. „Als Rebecca schwanger wurde, konnten viele unserer Freunde gar nicht glauben, dass Nathan wirklich ein Wunschkind war“, sagt er und füttert seinen Sohn mit Apfelspalten. Natürlich sei es manchmal stressig, ein Kind großzuziehen. „Aber bei uns ist alles harmonisch verlaufen.“ Beyers Studentenstatus hat den beiden bei der Organisation sogar eher geholfen. Als Nathan ein Jahr alt war, hat Beyer sich zwei Urlaubssemester genommen, seine Frau konnte dann wieder als Musikerin auf Tour gehen.

Rechtlich dürfen sich Studenten für die Kinderbetreuung sogar bis zu sechs Semester frei nehmen. Es gibt auch viele Hilfsangebote. „Wichtig ist, dass die Studierenden sich rechtzeitig melden“, sagt Franziska Stoff, die sich als Frauenbeauftragte der Fakultät Musik der UdK auch mit der Vereinbarkeit von Studium und Familie beschäftigt. „Gemeinsam können sie dann mit den Lehrenden, der Studienberatung und dem Studentenwerk einen Plan machen, falls sie kein Land mehr sehen“. Den Studierenden dürften durch ihre Elternschaft keine Nachteile erwachsen, betont sie. Geholfen hat Justus Beyer bis jetzt, dass er seinen Unterricht als Diplomstudent flexibler einteilen konnte. Wenn seine Frau lange auf Tour ist, kann er zwar weniger in die Hochschule gehen – dafür kann er alles zu späteren Zeitpunkten nachholen. „In einem Bachelor könnte ich bestimmt nicht so flexibel für Nathan da sein“, sagt er.

Dass es Bachelorstudenten mit Kind schwerer haben als solche, die noch auf Diplom studieren, meint auch Susanne Rinck, Leiterin der UdK-Kita. „Der Druck ist enorm gewachsen seit Bologna“, sagt sie. „Besonders in Prüfungszeiten steht den Bachelor-Eltern der Stress ins Gesicht geschrieben“. Im Hof ihrer Kita sausen die Kinder gerade quietschvergnügt von einer Rutsche herunter in den Sandkasten. 70 Prozent von ihnen sind Kinder von Eltern, die an der UdK oder der TU studieren. Studentenkinder werden in dem seit 2006 bestehenden Gemeinschaftsprojekt der UdK, des Studentenwerks und des Asta bevorzugt genommen. Insgesamt 60 Plätze gibt es. „Nachfrage gibt es allerdings dreimal so viel“, sagt Rinck. Die Nähe zum Campus, der künstlerische Schwerpunkt und die flexiblen Betreuungszeiten machen das Angebot beliebt. Wer einen Platz ergattert, ist oft überglücklich: „Von Sprachlosigkeit am Telefon bis hin zu überschwänglichen Dankes-Emails hab ich schon alles erlebt“, sagt Susanne Rinck.

Die Kitaplatzsuche war schon ein Kampf“, sagt auch Anja Akhoondi, 35, die im dritten Semester ihres Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation war, als sie mit Emily schwanger wurde. „Aber die Diplomarbeit mit Kind ist noch schlimmer.“ Emily habe das Wort „Diplomarbeit“ zeitweise sogar in ihre Rollenspiele eingebaut, so beherrschend sei der ganze Stress gewesen. „Das größte Problem am Studieren mit Kind ist, dass die Zeitfenster fürs Lernen einfach enger getaktet sind“, sagt sie.

Die Statistik gibt ihr Recht: Jeder zweite Studierende mit Kind lässt laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks Veranstaltungen oft ausfallen, weil sie an ungünstigen Zeiten gelegen sind. Auch Akhoondi musste wegen Emily die eine oder andere Vorlesung sausen lassen. Die Dozenten seien jedoch immer sehr tolerant gewesen. Dass sie Emily schon im Studium bekommen hat, sei zwar ungeplant gewesen. Wenn sie zurück blickt, ist sie jedoch sehr froh darüber.

Und vielleicht ist ein Kind im Studium sogar förderlich für den persönlichen Werdegang: „Mit Kind ein bisschen länger zu studieren ist doch allemal besser, als im Job auszusetzen.“

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