Zeitung Heute : Studieren und nicht verzweifeln

Glück, findet Daniela Reichel, das ist mehr als eine Arbeitsstelle in der Bank. Deshalb hat sie gekündigt und ging auf die Uni nach Berlin. Und das zu einer Zeit, in der die Absolventen der Boomjahre um ihre Zukunft bangen. Die Geschichte einer ungebrochenen Optimistin.

Stefanie Flamm

Ihre Eltern waren gar nicht begeistert. „Kind, du hast doch Arbeit!“, haben sie gesagt, als Daniela Reichel ihnen verkündete, sie würde zum Studieren nach Berlin ziehen. Arbeit, das reichte ihr nicht, obwohl sie wusste, dass viele in ihrem Dorf sie um die Stelle bei der Bank beneideten. Daniela wollte mehr: eine eigene Wohnung, selber anstreichen und tapezieren und für’s letzte Geld die ersten eigenen Möbel kaufen. „Ich glaub’, ich wollte Glück“, sagt sie. Und Glück ist für sie mehr als daheim in Trebitz, einem kleinen Ort bei Wittenberg, abends vor dem Fernseher zu sitzen. Aus einer Laune heraus hat sie sich an der Humboldt-Universität für Afrika- und Erziehungswissenschaften eingeschrieben.

Daniela ist 22 Jahre alt. In ihrer Bank war sie sogar Jugendbeauftragte und allein verantwortlich für das Börsenspiel. Jetzt sitzt sie, den hübschen, dunklen Lockenkopf in beide Hände gestützt, in einem stickigen Plattenbau und macht große Augen. Etwa 60 Studenten drängen sich in einen allenfalls für 30 Personen ausgerichteten Raum. Nicht einmal auf den Fensterbänken ist mehr Platz. „Klopapier, Toastbrot, Clemens“, notiert sich, in eine Ecke gequetscht, ein Mädchen mit blonden Dreadlocks auf den Handrücken. Wie Daniela ist auch sie im ersten Semester. Und erstes Semester heißt für die etwa 18000 Menschen, die in diesem Herbst an den Berliner Hochschulen ein Studium aufgenommen haben, eben nicht nur, dass man sich aus einem kryptischen Vorlesungsverzeichnis und einem noch kryptischeren Anforderungskatalog einen Stundenplan zusammenpuzzeln muss. Dass man den halben Tag nach Räumen sucht, die dann heillos überfüllt sind. Erstes Semester heißt auch, dass man sich jetzt selbst ums Toilettenpapier und andere Dinge kümmern muss. Doch sorgen sich die Erstsemester auch um ihre Zukunft? Teilen sie die Ängste derjenigen, die die Boomjahre der 90er an der Hochschule verbrachten und sich jetzt in der Krise eine Arbeit suchen müssen, die mehr ist als irgendein Job?

Die Hoffnung liegt in Afrika

Sichtbar steht Daniela Reichel nur eine eigenartige Mischung aus Anspannung und Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Unruhig und ein bisschen ungläubig mustert sie den zerknitterten Enddreißiger am anderen Ende des Raums. Er spricht einen Jargon, der auf eine Beschäftigung mit der Theorie der Erziehungswissenschaften schließen lässt. Unbekannte Fremdworte wie „Artefakt“, „Redundanz“, „Affirmation“ „rigider Designator“ prasseln auf Daniela ein. Sie lässt sie prasseln. Nicht aufregen, hat ihr am ersten Tag eine Kommilitonin aus einem höheren Semester geraten. Irgendwann würde das alles hier nicht mehr so fremd sein. Dann würde sie auch so klug daherreden können. Daniela zuckt gleichgültig mit ihren Schultern, die in einer knappen Trainingsjacke stecken. „Die Theorie ist nicht die Blüte, sondern die Wurzel der Praxis“, notiert sie die Worte des Dozenten auf ihr Unterrichtspapier. Für alle Fälle. Doch ihr liebstes Fach, das weiß sie schon nach den ersten drei Wochen, sind die Afrikawissenschaften. Vor allem Südafrika fasziniert sie, obwohl sie noch nie da war. „Da gibt es Hoffnung“, sagt sie. Und der Professor sei auch ganz toll.

Auf der Fensterbank ihrer Friedrichshainer Studentenbude steht Folklore aus dem Sudan: Stilisierte schwarze Menschen aus Ebenholz. Die hat sie auf dem Flohmarkt gekauft, als Vorboten dessen, was sie alles noch erleben wird. Und wie die gewesene Bankkauffrau in ihre szenige Sportjacke gekuschelt über die frisch geschliffenen Dielenböden ihrer Wohnung federt, könnte man sie auch für 17 halten. Julia Seraphin, ihre große, ebenfalls gelockte Busenfreundin und Mitbewohnerin, wirkt älter und ernster. Sie hat eine kaufmännische Lehre hinter sich und spricht sehr schnell. Julia studiert seit drei Wochen BWL an der Fachhochschule in Lichtenberg. „Urst krass“ sei das, was so viel heißt, wie ziemlich klasse. Doch was das „krasseste“ beziehungsweise „klasseste“ ist: Daniela und Julia sind weg aus dem Dorf, weg von den Leuten, die sagen, Studieren sei was für Faulenzer. Keiner in Trebitz hat ihnen geglaubt, dass sie wirklich nach Berlin gehen würden.

Aber sie haben es geschafft. Ihre bunte mit viel dunklem Holz und Webteppichen ausgestattete Wohnung könnte aus einem Schöner-Wohnen-Katalog für Studentinnen stammen. „Urst krass“, findet Julia auch das. Daniela sagt „super, oder?“ Die Frage, ob sie manchmal Angst vor der Zukunft haben, klingt in ihren Ohren, als wollte man wissen, ob sie schon einmal über das Thema Geschlechtsumwandlung nachgedacht hätten. Die Zukunft hat doch schon angefangen! „Vor fünf Jahren hätten wir auch nicht gedacht, dass wir heute hier sitzen würden“, sagt Daniela. „Vor fünf Jahren hatten wir noch lange nicht das Abitur“, sagt Julia. Wenn man erst Anfang zwanzig ist, sind fünf Jahre ein Viertel Leben. Beschwingt, wie in der Tabakwerbung, zünden sie sich gegenseitig französische Zigaretten an. Liberté toujours.

Auch Johannes Werder raucht zurzeit viel, aber ohne den Genuss der beiden Mädchen, eher automatisch, als wäre es ihm ein haptisches Bedürfnis. Blass und müde sitzt der 31-Jährige im „Schwarz-Sauer“ in der Kastanienallee am Prenzlauer Berg. Nächstes Jahr wird er die FH Potsdam als diplomierter Kommunikationsdesigner verlassen. Und noch vor zwei, drei Jahren hätte der Arbeitsmarkt sich nach einem wie ihm verzehrt: Ausbildung in einer Werbeagentur in Hannover, Berufserfahrung als Druckvorlagenhersteller, Designstudium in Potsdam, nebenher vom zweiten Semester an freie Aufträge, darunter den Internetauftritt des Landes Brandenburg. Johannes ist gut, das sagen auch seine Dozenten, er kann sich schnell eindenken und findet „schlanke, elegante Lösungen“ für die abstrusesten gestalterischen Problemstellungen. Doch wer um alles in der Welt braucht nach dem Crash der New Economy noch Spezialisten für Interface-Design, Bewegtbild-Animation, CD-Rom?

„Viele“, sagt Johannes. Es klingt sehr nüchtern, fast geschäftsmäßig und nicht unbedingt so, als würde er wirklich daran glauben. Aber er muss. Er hat die Zeit nicht mehr, die Daniela und Julia so genießen. Er ist ein Kind des Internet-Booms und muss jetzt „realistisch“ sein. Dass der Hype zu Ende sei, heiße ja nicht, dass das Internet am Ende sei. Keine Firma könne es sich leisten, nicht im Netz vertreten zu sein. Nur gibt es mittlerweile auch immer weniger Firmen. „Da muss man flexibel sein.“ Johannes, der in seinem dunkelgrauen Hemd für einen „Kreativen“ reichlich zugeknöpft wirkt, sagt seit neustem immer man, wenn er ich meint: Man muss auf der Höhe der Technik bleiben, man muss Mac und PC-Programmierung beherrschen, man muss sich kümmern, man muss wissen, was man will. Die allgemeine Krise treibt die Ich-AG auch rhetorisch in die Insolvenz.

Keine Angst vor der Konjunkturdelle

Ja, es scheint fast, als würden die Dreißigjährigen, die noch bis vor kurzem in jeder Rockfalte, in jedem stilistischen Detail eine Aussage fanden, die Theorieverächter, denen nichts konkret genug sein konnte, und die mit ihren Webcams immer noch näher dran wollten, sich wieder hinter den Textbausteinen aus den ersten Unitagen verschanzen. Experimentell, unkonventionell, „nicht so affirmativ“ sind die Vokabeln, die Johannes benutzt. Sein bisher liebstes Projekt: Eine CD-Rom zum Thema „Symphonie der Großstadt“. Darauf werden „Bewegungsabläufe“ am Alexanderplatz „visualisiert“ und „extrem verfremdet“, um eine „neuartige Perspektive“ auf die Stadt zu eröffnen.

Während er schon wieder hinter der Abstraktion in Deckung geht, lernen Daniela und Julia noch Vokabeln. Die BWLerin fragt, die Romantikerin antwortet auf Sotho, dem afrikanischen Dialekt, den sie gerade lernt. Phrasen aus einer fremden Welt, die irgendwann einmal einen Sinn ergeben sollen.

„Wie geht es dir?“

„O kae?“

„Unverheiratete Frau?“

„Mohumagatsana“

„Auf Wiedersehen?“

„Sepela gabotse“

Schon im nächsten Jahr will Daniela in Südafrika ein Workcamp besuchen, beim Bauen von Brunnen helfen. „Etwas Gutes tun“, sagt sie. „Klingt kitschig was?“ Klingt großartig, findet Julia. Sie beneidet die Freundin um ihren Mut und ihren ungebrochenen Optimismus. Letzte Woche, erzählt Daniela, saß sie mit der Autobiografie von Nelson Mandela in der U-Bahn. „Da hat mich ein Schwarzer angesprochen. Der war voll begeistert, dass sich eine Weiße für seine Geschichte interessiert.“ Sie sei sehr glücklich gewesen. Auch Julia strahlt, bewundernd und ein bisschen eifersüchtig. BWL war eine Vernunftentscheidung und Vernunftentscheidungen machen einfach nicht so froh. Aber sie beruhigen. Das Mandela-Buch wird sie trotzdem lesen. Auch ins Workcamp, zum Brunnenbauen in Südafrika, wird sie mitfahren.

Die Krise, die heute die Dreißigjährigen, die Designer, Start-upper, die Pop-Journalisten und Marketingleute reihenweise aus der Bahn wirft, kennt Julia, seit sie 11 war. Für ihre Eltern, deren Erwerbswelt mit der Wende zusammenbrach wie ein Kartenhaus, dauert sie immer noch an. Auf fast klassisch zu nennende Weise sind die Zahntechnikerin und der ehemalige Bürgermeister von Trebitz an den neuen Verhältnissen gescheitert: Entlassen, selbstständig gemacht, falschen Versprechungen auf den Leim gegangen, zur Schadenbegrenzung ein neues Geschäft eröffnet, das auch nicht ging. Heute arbeitet ihr Vater, ein in Moskau ausgebildete Politologe, als ungelernter Arbeiter in einem Stahlwerk; die Mutter verkauft in einem „Textilgeschäft“. Danielas Eltern haben es zwar besser getroffen, ihre Mutter verdient als Sachbearbeiterin sogar „ganz gut“. Doch auch für sie kam ein Studium direkt nach der Schule nicht in Frage. Weil sie Geld verdienen musste, hat auch sie sich damals „wie wild“ beworben und schließlich die Lehrstelle genommen, die sie kriegen konnte. Die Zeiten waren nicht rosig. Das Wittenberger Stickstoffwerk, wichtigster Arbeitgeber der Region, hatte gerade fast die ganze Belegschaft entlassen. Und im Vergleich zu der Depression, der die Gegend daraufhin anheim fiel, schrumpft die gegenwärtige Stagnation zu einer kleinen Konjunkturdelle. Daniela und Julia trifft sie diesmal nicht einmal mehr indirekt. Julia bekommt Bafög, Daniela 300 Euro von ihren Eltern. Was sie darüber hinaus noch braucht, muss sie sich verdienen. „Zur Not bei Kaufhalle an der Kasse.“ Der Rest wird sich ergeben. Irgendwann.

Für Johannes hingegen könnte es bald eng werden. Wenn er bis nächsten Winter kein Angebot von einer Agentur bekommt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich selbstständig zu machen. „Kontakte aufbauen, sich durchwurschteln, vielleicht expandieren“, lautet sein Plan. Früher hätte sich das anders angehört, früher wurde flott „ein Laden aufgezogen, Venture-Capital abzockt und voll durchgestartet“. Doch das ist lange her, Venture-Capital wieder ein Fremdwort. „Wenn ich 1999 schon gekonnt hätte, was ich jetzt kann, wäre ich heute vielleicht reich“, sagt Johannes. Oder schon wieder arbeitslos.

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