Zeitung Heute : Studium international

Die Berliner Fachhochschulen bieten viele Möglichkeiten, Auslandserfahrung zu sammeln

Silke Zorn

Wenn Optometrie-Student Lars Düngel und seine Kommilitonen in Kambodscha mit ihren Jeeps von Dorf zu Dorf fahren, dann sind mehrere hundert Patienten am Tag keine Seltenheit. „Ich frage manche Leute dann immer wieder ungläubig, wie sie es überhaupt geschafft haben, zu uns zu kommen“, sagt Düngel. Die Frage ist berechtigt – denn die Menschen, die von ihren Hütten und Feldern über viele Kilometer hinweg in die Dörfer kommen, in denen die Studierenden der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) Station machen, können zum Teil kaum noch etwas sehen. Bereits seit 2003 reist jedes Jahr ein Team von Optometrie-Studierenden in das südostasiatische Land und untersucht zwei Wochen lang Menschen in den unterentwickelten, ländlichen Regionen. Unterstützt werden sie dabei von einem kambodschanischen Augenarzt und zwei Optometristen aus der Hauptstadt Phnom. Bei den sogenannten Screenings wird die Sehschärfe der Patienten gemessen und sie werden auf Augenkrankheiten untersucht. Die Helfer verteilen in Deutschland gesammelte Brillen, leisten erste Hilfe und überweisen in Kliniken. Lars Düngel, der bereits drei Mal mit von der Partie war, ist seine Begeisterung für das Projekt deutlich anzumerken. „Als ,verwöhnter‘ Mitteleuropäer kann man sich kaum vorstellen, wie sehr eine Brille die Lebensqualität dieser Menschen steigern kann“, sagt er, „und wie viel Dankbarkeit einem entgegenschlägt, wenn jemand nach Jahren oder Jahrzehnten plötzlich seine Familie, seine Freunde klar und deutlich sehen kann.“

Das Projekt „Brillen für Kambodscha“ der TFH-Studierenden ist nur eines von vielen Beispielen, wie international das Studium an einer Fachhochschule sein kann. Alle sieben staatlichen Berliner Fachhochschulen – ob groß oder klein, wirtschaftlich, technisch oder sozialpädagogisch ausgerichtet – arbeiten mit ausländischen Partnerhochschulen zusammen und unterhalten zahlreiche internationale Forschungs- und Studienprojekte. Ob Praktikum, Studienaufenthalt oder soziales Engagement – die Möglichkeiten, während eines Studiums Auslandskontakte zu knüpfen, sind zahlreich. Innerhalb Europas ist das Erasmus-Programm (siehe Infokasten) eine attraktive Möglichkeit, für ein oder zwei Semester ins Ausland zu gehen. Dabei werden an den Partnerhochschulen keine Studiengebühren erhoben. Im Ausland erbrachte Studienleistungen können in Deutschland anerkannt werden. Und was viele Studierende nicht wissen: „Über das Erasmus-Programm werden ab 2007 auch Praktika im EU-Ausland gefördert“, sagt Ingrid Schröder vom Akademischen Auslandsamt der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (FHVR).

Die Auslandsämter der Hochschulen unterstützen die Studierenden dabei nach besten Kräften. Sie beraten zu Förderprogrammen und informieren über Hochschulkooperationen. Sie erklären, wie die Anerkennung von Studienleistungen funktioniert und halten Erfahrungsberichte ehemaliger Austauschstudenten bereit. „Vor allem wenn man das erste Mal in ein fremdes Land geht, sind solche O-Töne sehr hilfreich“, sagt Joana Hientz, Erasmus-Beauftragte der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB). Viele ihrer Studierenden wollen zum Beispiel nach Süd- und Lateinamerika, Afrika oder Asien, um sich dort in Hilfsprojekten zu engagieren. „Diesen Kontrast zu Deutschland zu erleben, ist für viele hilfreich“, sagt Hientz. „Entweder, weil es sie motiviert, in diese Richtung weiterzumachen. Oder weil sie merken: Das ist doch nichts für mich.“

Das Interesse an Auslandsaufenthalten ist riesig. „Von Jahr zu Jahr wollen mehr Studierende einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen“, sagt Ingrid Sperber vom International Office der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW). Ein Trend, den auch ihre Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fachhochschulen bestätigen. „Dazu trägt sicher der Umstand bei, dass Sprachkenntnisse, Auslandserfahrung und interkulturelle Kompetenz inzwischen in fast allen Berufen erwartet werden,“, sagt Sperber.

Einer, der in dieser Hinsicht bestens aufgestellt sein dürfte, ist Stefan Richter. Er studiert Wirtschaftsinformatik am Fachbereich Berufsakademie der FHW. Im Rahmen seines Studiums arbeitete der Berliner viereinhalb Monate bei Daimler Chrysler Financial Services Australia in Melbourne. Nebenbei recherchierte er an der dortigen Monash University für eine Semesterarbeit – die er auf Englisch verfasste. „Das war einfach praktischer“, erzählt Richter, „die Fachliteratur war ja nun mal auf Englisch.“ Den Schritt ins Ausland würde der 23-Jährige jedem empfehlen: „Es war spannend, die Arbeitsmentalität der Australier zu erleben – gelassener als in Deutschland und sehr weltoffen, da in Australien viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten leben.“

In eine völlig andere Arbeitskultur tauchte dagegen Frank Scholz ein. Der Student der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) entschied sich bewusst für einen Studienaufenthalt in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China. Im Rahmen seines Studiums International Business besuchte er von Februar bis August 2006 die Jiangxi University of Finance and Economics in Nanchang, einer Provinzhauptstadt im Herzen der Volksrepublik. Obwohl die meisten Vorlesungen auf Englisch stattfanden, paukte Scholz während seines Aufenthalts auch fleißig Mandarin. Inzwischen spricht er den chinesischen Dialekt „gut genug, um zu überleben.“ Mit dem Verstehen klappt es ebenfalls, „sofern mein Gegenüber langsam redet. Was bei den Chinesen aber leider selten der Fall ist“, schmunzelt der Berliner. Dass Frank Scholz bei seinem Aufenthalt in Nanchang Blut geleckt hat, zeigen seine weiteren Studienpläne: Demnächst steht ein Auslandspraktikum an. Wo? Na klar: „Am liebsten wieder in China!“

Beratung und Hilfe fand der umtriebige Student im International Office der FHTW. Dort bietet Kornelia Röhr gemeinsam mit einer Kollegin und zwei studentischen Hilfskräften eine echte Rundumbetreuung: Sie berät deutsche Studierende, die ins Ausland gehen – im Fachjargon sogenannte „Outgoings“ – und betreut die „Incomings“, ausländische Studierende an der FHTW. „Wir kümmern uns um Unterbringung, Einschreibung, und Meldeformalitäten“, berichtet Röhr. „Außerdem organisieren wir Ausflüge, Theaterbesuche oder Führungen durch das Regierungsviertel.“ Darüber hinaus gibt es an der FHTW – wie auch an vielen anderen Berliner Fachhochschulen – eine persönliche Betreuung durch deutsche Studierende: Im Rahmen des „Buddy-Programms“ wird jedem Gast ein studentischen Betreuer zur Seite gestellt, der ihn zum Beispiel vom Flughafen abholt oder bei Behördengängen dolmetscht.

Ein weiterer Vorteil gut funktionierender Hochschulpartnerschaften ist Kontinuität. Bestes Beispiel dafür: das Architekturprojekt „Alfa-Aurora“, das die Technische Fachhochschule gemeinsam mit sechs Hochschulen in Europa, Brasilien, Chile und Kuba ins Leben gerufen hat. „Alfa-Aurora“ steht dabei für „Architectural and Urban Research On Regional Agglomerations“ und ist ein Forschungs- und akademisches Trainingsnetzwerk für nachhaltige Stadtplanung und -entwicklung sogenannter Mega-Cities. Interdisziplinäre Workshops von Architekten, Stadtplanern und Bauingenieuren finden in Rio de Janeiro, Santiago de Chile und Havanna statt, jeweils unterstützt durch Austausch- und Forschungsaktivitäten fortgeschrittener und postgraduierter Studierender. So arbeitete ein Studierendenteam im vergangenen Jahr zum Thema „Low Cost Housing – Wohnen und Arbeiten für die Ärmsten der Armen“ in Santiago de Chile.

Doch nicht nur bei den großen Berliner Fachhochschulen haben Auslandserfahrung und der Erwerb interkultureller Kompetenz ihren festen Platz im Lehrplan. Dass der Schritt ins Ausland auch für angehende Polizisten möglich ist, zeigt das Programm „Fit für die Metropole“ der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege: Seit 1997 können Studierende des gehobenen Polizeivollzugsdienstes ein vier- bis zehnwöchiges Praktikum in ausländischen Polizeidienststellen machen – in fast allen EU-Metropolen und zahlreichen Großstädten der USA und Kanadas. „Innerhalb Deutschlands ist das ziemlich einzigartig“, weiß Birgitta Sticher, Professorin an der FHVR, die das Programm seit acht Jahren begleitet. Wer gehen darf, zählt zu den besten seines Jahrgangs. Denn: „Unsere Praktikanten repräsentieren nicht nur sich selbst, sondern die gesamte deutsche Polizei“, sagt Sticher. So wie Lena: Zwei Monate sah die Absolventin der FHVR Kollegen in Paris und Marseille über die Schulter – und durfte von Anfang an tatkräftig mitmischen. Die damals 21-Jährige durchlief verschiedene Dezernate, ermittelte unter anderem in einem Mordfall und observierte verdächtige Drogendealer. „Es war unheimlich interessant zu sehen, wie Polizeiarbeit in Frankreich funktioniert“, sagt Lena. Ihre Kommilitonen machten ähnliche Erfahrungen – etwa in New York, bei der Royal Canadian Mounted Police oder in Österreich und der Schweiz.

An der Alice Salomon Fachhochschule (ASFH) arbeitet man mit 40 Partner-Unis in 24 Ländern zusammen. Dass die Hochschule international gut aufgestellt ist, verwundert nicht: Rektorin Christine Labonté-Roset ist Vizepräsidentin der International Association of Schools of Social Work und Präsidentin des europäischen Pendants der Organisation. Ihre Studierenden sind nicht minder engagiert – so wie Alice Tschechlov. Im Rahmen ihres Pflegemanagement-Studiums machte sie ein Praktikum im Health Research Institute der britischen University of Bedfordshire und bekam so Einblicke in das britische Gesundheitssystem.

Auch an der Evangelischen Fachhochschule Berlin (EFH) pflegt man rege internationale Kontakte: So beschäftigen sich Studierende der Sozialpädagogik derzeit gemeinsam mit Kommilitonen von der Universität Grenoble mit Kinderschutz und Kinderrechten. Ein anderes Projekt bringt Studierende und Dozenten aus zehn europäischen Unis einmal im Jahr zu einem Intensiv-Seminar zusammen, bei dem über aktuelle soziale Themen diskutiert wird – mal in Estland, mal in Berlin, mal in Belgien. Und auch die Katholische Hochschule für Sozialwesen (KHSB) braucht sich mit 220 absolvierten Auslandspraktika in 45 Ländern, viele davon in Hilfsprojekten, nicht zu verstecken.

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